Hinter Gittern Knast wird zum Hotel auf Zeit

Knasthotel (Foto)
Eine Einzelzelle im ehemaligen Untersuchungsgefaengnis «Elwe» in Kassel. Das Gefängnis soll zur documenta 13 (9. Juni bis 16. September 2012) als Hotel genutzt werden. Bild: dapd

Im Urlaub in U-Haft: In Kassel soll ein ehemaliges Untersuchungsgefängnis zum Hotel werden. Knastflair und Fluchtwege inklusive. Witzig: Ein aus dem Fernsehen bekannter Anwalt ist am Projekt beteiligt.

Wo mehr als 130 Jahre lang schwere Türen hinter Häftlingen ins Schloss fielen, sollen bald Touristen übernachten: In Kassel wird ein ehemaliges Untersuchungsgefängnis zum Hotel umgebaut. Während der Weltkunstschau documenta im kommenden Jahr soll die Ende 2009 geschlossene «Elwe», wie der Bau in der Leipziger Straße 11 wegen seiner Hausnummer seit jeher genannt wird, vorübergehend als Herberge dienen.

«Wir glauben, dass das supergut angenommen wird», sagt der Kasseler Immobilienunternehmer Gotthard Fels. «Es ist doch mal was Verrücktes, im Gefängnis zu übernachten.» Zusammen mit seinem Geschäftspartner Christopher Posch - Strafverteidiger, Fernsehanwalt und Sohn des hessischen Wirtschaftsministers Dieter Posch (FDP) - hat er das denkmalgeschützte Gebäude bis Ende 2012 vom Land gemietet. Bis zu 200.000 Euro will das Duo in das Projekt investieren. «Natürlich soll sich das am Ende rechnen», sagt Posch. «Aber es gehört auch Idealismus dazu - wir machen das, weil wir Lust dazu haben.»

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Der rote Klinkerbau mit seinen 72 Zellen hat eine bewegte Geschichte. Errichtet wurde er 1876 als Landgerichtsgefängnis. Im Nationalsozialismus, als die Gestapo in der «Elwe» residierte, wurden hier Regimegegner misshandelt. 1994 sorgte das Gefängnis europaweit für Schlagzeilen, als Flüchtlinge aus Nordafrika gegen ihre monatelange Abschiebehaft revoltierten und einen Justizbeamten als Geisel nahmen. Vor gut anderthalb Jahren wurde die Haftanstalt stillgelegt, weil die überfällige Sanierung des maroden Gebäudes zu teuer gewesen wäre. Am 18. Dezember 2009 verließen die letzten Häftlinge die «Elwe».

Stacheldraht und Fluchtwege im Gefängnis

Auch heute noch strahlt das ehemalige Gefängnis eine beklemmende Atmosphäre aus. Auf den Mauern windet sich Stacheldraht, und im Inneren scheint sich seit der Eröffnung nicht viel geändert zu haben. Das einzige Zugeständnis an modernen Justizvollzug, das sich ausmachen lässt, ist die Farbe an der einen oder anderen Wand. An langen Gängen auf drei Etagen reiht sich eine Zelle an die nächste, eng, mit brüchigen Fliesenböden und Neonröhrenbeleuchtung. «Schon die Hölle besucht?», hat ein Häftling mit Kugelschreiber an seine Zellenwand geschrieben. «Dann schau dich mal um.»

Der Gefängnischarakter soll auch künftig erhalten bleiben. «Wir werden nicht versuchen, irgendeinem Hotelstandard hinterher zu hecheln, den wir sowieso nicht erreichen können», sagt Mitbetreiber Posch. Die Umbauten beschränken sich auf das Notwendigste: neue Schlösser, damit sich die Zellentüren auch von innen öffnen lassen, Brandschutz und - was in einem Gefängnis naturgemäß nicht vorgesehen war - Fluchtwege. Die Zimmereinrichtung aber wird spartanisch bleiben, mit Betten aus Bundeswehrbeständen und Toiletten, die wie eh und je mitten im Raum stehen.

Ein Hotel für den «schmalen Taler» soll es werden, erklärt Posch: einfach, aber dafür in zentraler Lage. Etwa 70 bis 80 Euro, so kalkuliert er, werde ein Doppelzimmer kosten. Man hat ein Bett, ein Waschbecken, ein Klo, einen Stuhl - und die Duschen sind auf dem Flur. Als Kontrapunkt zur Knastatmosphäre ist nicht nur Gastronomie, sondern auch ein Kulturprogramm mit Kunst, Live-Musik, Filmen und Lesungen geplant. Das Ex-Gefängnis als angesagter Treffpunkt für Besucher der documenta - das ist das Ziel. Vom 9. Juni bis 16. September 2012 öffnet die 13. Kasseler Weltkunstausstellung für 100 Tage ihre Tore.

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som/ham/news.de/dapd

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • ein Pfälzer
  • Kommentar 1
  • 08.08.2011 10:45

Die Idee ist nicht wirklich neu... in kaiserslautern gibt´s sowas schon länger. Siehe auch unter www.alcatraz-hotel.com.

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