Grüne Mode Worauf es bei Ökoklamotten ankommt

Grüne Mode (Foto)
Immer mehr Label werben mit Biobaumwolle und Co.. Doch was steckt dahinter? Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Melanie Sohn, Berlin
Die Fashion Week sticht ins Auge. Nicht nur mit knalligen Farben und hautengen Klamotten. In Berlin dominiert das Grün, denn im Rahmen der Conspiracy-Messe werden grüne Mode sowie Öko- und Biotextilien vorgestellt. News.de weiß, was es damit auf sich hat.

Extravagant, edel und manchmal auch ziemlich schrägt ist das, was auf den Laufstegen der Berliner Fashion Week gezeigt wird. Doch es gibt sie, die etwas anderen Designer-Ansätze - biologische und ökologische.

Doch es braucht nicht zwangsläufig eine Fashion Week, um sich für Mode zu interessieren, die auf Nachhaltigkeit und Natürlichkeit setzt. Hilfe zur Grünen Mode bietet Händlern, Herstellern und Verbrauchern der internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (iVN) aus Stuttgart. Ähnlich dem Bio-Siegel bei Nahrungsmitteln hat der Verband eigene Güte-Bewertungen, die bei der Conspiracy-Messe im Rahmen der Fashion Week vorgestellt werden.

Fashion Week Berlin
Nackte Nippel und Promialarm
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Welche Siegel hat der iVN entwickelt und wofür stehen sie?

Das Global Organic Textile Standard-Siegel (GOTS) stellt den Mindeststandard dar, den vom iVN zertifizierte Textilien erfüllen müssen. Eine Bedingung ist, dass die Textilien zu mindestens 90 Prozent aus Naturfasern bestehen. Darüber hinaus wird geprüft, ob mindestens 70 Prozent der verwendeten Fasern von Pflanzen oder Tieren aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft stammen.

Chemische oder synthetische Pflanzenschutzmittel sind verboten, artgerechte Tierhaltung ist eine Bedingung. Auch bei der Weiterverarbeitung der Rohstoffe muss auf Schwermetalle, Lösungsmittel und ähnlich problematische Stoffe verzichtet werden. Obendrein zählen soziale Aspekte wie der Verzicht auf Kinder- und Zwangsarbeit, Arbeitsschutzrichtlinien müssen eingehalten und Arbeiter angemessen bezahlt werden.

Das Naturtextil-Siegel stellt noch höhere Anforderungen an Händler und Hersteller. Die Textilien müssen zu 100 Prozent aus zertifiziert ökologischer Fertigung stammen. Die Richtlinien des GOTS greifen auch hier, sind aber wesentlich strenger.

Das dritte Siegel wird an Lederprodukte vergeben, die natürlich gereinigt, gegerbt und verarbeitet werden. Auf Chromgerbung oder das Gerben mit Formaldehyd muss verzichtet werden. Erfüllen die Produkte diese Anforderungen, dürfen sie das «Siegel Naturleder» tragen.

Seit der Einführung 2006 sind bereits mehr als 4000 Betriebe mit den Siegeln ausgestattet worden, sagt Heike Scheuer vom iVN. Ein offizielles, staatliches Siegel gibt es für Grüne Mode bislang aber nicht. Das sei ein möglicher Grund, warum die Ökomode noch nicht allzu weit verbreitet ist, glaubt die Expertin.

Fashion Week
Grüne Mode auf dem Vormarsch
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Sind Ökotextilien nur ein Trend?

Heike Scheuer hält die Nachfrage nach Grüner Mode nicht für einen vorübergehenden Trend. «Es gab in den 1980er Jahren schon mal den Boom, dass Ökotextilien gefragt waren. Das war aber ein Modetrend. Jetzt ist es so, dass der Verbraucher anfängt, nachhaltig zu denken. Und das haben wir größtenteils dem EU-Biosiegel zu verdanken.» Zudem gehe es den Verbrauchern nicht mehr nur um ein Etikett, das Biomaterialien suggeriert. Die Kunden würden gezielt nachfragen, ob und wodurch die Kleidung zertifiziert ist. «Der Trend ist ganz klar: Es wird mehr und mehr».

Wieso und woher gibt es plötzlich so viele Bioprodukte?

«Das war schon immer da - es war nur nicht zertifiziert», sagt Scheuer. Immer mehr große Firmen fragen nach Biorohstoffen und Materialien, neue Projekte fördern die Bauern und Arbeiter. Viele bauen bereits seit Jahren biologisch an, lassen es jedoch nicht zertifizieren. Mit der Nachfrage nach zertifizierter Ware habe sich das geändert, sagt Scheuer.

Die Masse der Biobaumwolle kommt hauptsächlich aus Asien, der Großteil aus China und Indien. Außerdem liefern die Türkei und Ägypten das Material. Seide wird aus China geliefert, Hanf aus Polen und Litauen. Schafwolle beziehen die Hersteller aus Neuseeland, Australien, Südamerika und zu einem kleinen Teil auch aus Deutschland.

Wie wird die umstrittene australische Schafwolle überprüft?

Schafwolle aus Australien ist wegen des sogenannten Mulesing sehr umstritten. Den überzüchteten Schafen werden dabei überstehende Hautlappen im Afterbereich einfach weggeschnitten. «Das ist ein ganz großes Problem», weiß Scheuer. Dennoch könne dies nicht genau geprüft werden. Der Grund: Die Bioverordnung in Australien verbietet Mulesing nicht. Sie empfiehlt nur, es nicht zu tun. Die meisten Bauern verzichten auch darauf. Verbrauchern empfiehlt Scheuer deshalb nachzufragen, woher die Wolle stammt, und im Zweifel auf südamerikanische Wolle zurückzugreifen.

Wie sicher sind die Siegel?

«Wir versuchen, diese so sicher wie möglich zu machen. Zum einen muss bei uns jeder Betrieb, der in die textile Produktion involviert ist, zertifiziert werden. Das heißt: Es muss ein Inspektor von einer Zertifizierungsgesellschaft in den Betrieb gehen und sich alles anschauen. Und zwar alles, was Soziales, den Einsatz von Chemikalien oder die saubere Trennung zwischen Öko- und konventionellen Textilien anbelangt.»

Auch werden die einzelnen Rohstoffe auf ihre Herkunft geprüft. Stellt ein Label zertifizierte Jacken her, darf es seine Stoffe nur von einem Weber beziehen, der ebenfalls zertifiziert ist. Dieser wiederum darf seinen Ausgangsrohstoff nur von einem zertifizierten Bauern erwerben – so lässt sich die Produktionskette bis zur kleinsten Einheit zurückverfolgen, weiß Scheuer.

Außerdem werden regelmäßig Stichproben vom Endprodukt genommen, die auf Chemikalien, Pestizide, Schadstoffe oder gar genveränderte Organismen untersucht werden. Stellen Betriebe sowohl konventionelle als auch Biotextilien her, überprüfen die Inspektoren, ob das Verhältnis zwischen eingekaufter Biowolle und gefertigten Biotextilien stimmt. Das Risiko eines Betruges bestehe zwar theoretisch. Heike Scheuer selbst habe in den vergangenen zehn Jahren aber keinen einzigen Vorfall erlebt.

Sind Öko- und Biotextilien wirklich teurer als konventionelle Kleidung?

«Ja und nein. Bei Baumwolle gibt es eigentlich keinen Unterschied mehr. Aber: Unter den Ökokollektionen gibt es fast nur hochwertige Kleidungstücke und das ist einfach teurer», sagt Scheuer. Vergleichbar wäre dies mit der Frage, warum ein Shirt beim Discounter günstiger ist als beim Designer. Die minimal höheren Preise resultieren laut Scheuer aus hochwertigeren Qualitätsmerkmalen wie dickerem Stoff, sauberer Verarbeitung und besonderen Accessoires wie Perlen, Perlmutt- und Holzknöpfen sowie sorgfältig verarbeiteten Reißverschlüssen. Außerdem seien Naturfasern per se teurer als synthetische Stoffe.

Warum sollten Verbraucher zu Grüner Mode greifen?

«Einmal natürlich, weil man die Umwelt schont und weil man etwas für die Menschen tut, die die Bekleidung und ihre Rohstoffe herstellen - gerade auch für Kinder und sozial schwache Menschen. Aber man kauft auch gesündere Textilien, denn Naturfasern sind in den Trageeigenschaften viel besser: Sie schwitzen weniger, es riecht weniger und die Kleidung muss seltener gewaschen werden. Außerdem haben sie keine gesundheitsschädigenden Schadstoffe auf der Haut, die bei dauerhaftem Tragen zu Allergien führen können. Gerade bei Kindern ist das ein sehr wichtiger Punkt», ist Heike Scheuer überzeugt.

ham/reu/news.de

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