Dinner in Stockholm Speisen wie ein Nobelpreisträger

Was hatten Günther Grass, Heinrich Böll und Albert Einstein auf den Tellern, als sie den Nobelpreis gewannen? Genauso wichtig wie die Auszeichnung selbst ist das Menü, dass jedes Jahr akribisch geplant wird.

Nobelpreis (Foto)
Der Speisesaal des Restaurants Stadshuskällaren. Hier dinnieren Nobelpreisträger und Gäste. Bild: srt/Archivbild

Für Nobelpreisträger gibt es nur das Beste. Und so werden sie auch nach der Übergabe des Preises kulinarisch verwöhnt. Schon im September, also viele Wochen vor der Nobelpreisverleihung, beginnen die Köche des Edelrestaurants Stadshuskällaren in Stockholm, das Dinner für den Abend des 10. Dezembers zu planen.

Was den Preisträgern und rund 1300 Ehrengästen aufgetischt wird, hat zuvor das Nobelpreiskomitee bestimmt. Die Herren, die dem auserlesenen Komitee angehören, prüfen dabei ausgiebig die von Chefkoch Gunnar Eriksson vorgeschlagene Speisenfolge.

Koch und Köchin unter Volldampf

Bei der Menüauswahl entscheiden oftmals Kleinigkeiten. Mal liegt das Salatblatt schief drapiert in der Schüssel, mal hat der Koch die Beilage auf dem Teller ungünstig platziert - und schon wird das Gericht als nicht würdig erachtet, im Magen des Nobelpreisträgers zu landen.

Ähnlich lang dauert es, bis sich die Mitglieder des Nobelpreiskomitees - und das sind ausgesprochene Kenner edler Tropfen - auf die endgültige Weinauswahl für den exklusiven Abend einigten, erzählt Maria Backelin, die Verkaufschefin des Stadshuskällaren.

Kompliziert ist die Auswahl der Speisen und Getränke, eine logistische Meisterleistung das Kochen und Bedienen durch die Mitarbeiter. Die Angestellten des Stadshuskällaren allein schaffen es niemals, die zahlreichen Ehrengäste zu bekochen und zu bedienen.

Schon einen Tag vor dem Dinner sind allein 20 Personen acht Stunden lang damit beschäftigt, die Tische zu decken und zu schmücken. Die Blumengestecke werden übrigens aus Italien eingeflogen. Stifter ist der Bürgermeister von San Remo. Der Grund: Alfred Nobel hatte nach 1891 jeden Winter in dieser Stadt an der Riviera verbracht und ist dort am 10.12.1896 auch gestorben.

Sämtliche Köche sowie das Küchen- und Servierpersonal aller Stockholmer Spitzenrestaurants empfinden es als eine große Ehre, dazu beizutragen, dass das Nobelpreisdinner gelingt.

«Der 10. Dezember ist ein heiliger Tag fürs Personal; es ist wie eine kleine Olympiade», sagt Maria Backelin. Und an der nehmen unter anderem mehr als 300 Bedienungen und Ober, 30 Köche und 25 Spüler teil - sowie fünf Männer und Frauen, die ausschließlich damit beschäftigt sind, Weinflaschen zu öffnen.

Studenten müssen hinten Platz nehmen

Hohen Wert wird bei der Auswahl der Mitarbeiter neben der Qualifikation auf die Sicherheit gelegt. SÄPO, der schwedische Verfassungsschutz, prüft das Personal auf Herz und Nieren. Kein Wunder: Zu den Gästen zählen nicht nur Mitglieder des schwedischen Königshauses, sondern auch der Regierungschef und seine Minister.

Unter den Gästen finden sich aber nicht nur hochgestellte Persönlichkeiten, sondern auch 200 Studenten schwedischer Universitäten. Sie müssen zwar ganz hinten beziehungsweise weit an der Seite des Saales sitzen, dürfen dennoch sehr stolz sein: Ihre Teilnahme soll nämlich zeigen, dass Nobel mit seinem Preis immer auch aufstrebende Wissenschaftler motivieren wollte.

Nicht unwichtig ist aber auch der zweite Grund, weswegen die Studenten eine Einladung erhalten haben: Sie werden als Animateure gebraucht. Nach dem Dinner soll nämlich getanzt werden, und damit täten sich, so Maria Backelin, viele der hochrangigen Gäste «ganz schön schwer».

Trotz ihrer Aufgabe als Vortänzer müssen die Stundenten, die per Losverfahren bestimmt werden, genau wie die meisten anderen eingeladenen Gäste für ihre Teilnahme zahlen. Umgerechnet etwa 150 Euro kostet es, im Kreise der Preisträger zu speisen. Vom Nobelpreiskomitee eingeladen sind nur die Nobelpreisträger und deren Gäste. Angeblich bezahlen sogar der König und die Königin für ihr Essen.

Japanische Nobelpreisträger

Speisen wie ein Nobelpreisträger kann im Stadshuskällaren übrigens jeder. Vorausgesetzt, man ist bereit, umgerechnet etwa 175 Euro auf einen der wuchtigen Holztische des Restaurants zu blättern. Das Menü des aktuellen Jahres wird dort auch kurzfristig innerhalb von 24 Stunden für Gäste zusammengestellt. Wer jedoch ein Nobelpreisdinner aus weiter zurückliegenden Jahren probieren will, der muss länger vorausbuchen - und mit einer kleinen Gesellschaft von mindestens acht Personen antreten.

Und genau das machen japanische Touristen besonders gerne. Für sie gehört ein Nobelpreisdinner einfach zu einer gelungenen Europatour. Allerdings trifft nicht jedes Nobelpreismenü den Geschmack der asiatischen Gäste. Am besten kommt hier das Dinner von 1994 an, das bislang schon rund 28.000 mal verkauft worden ist.

Das verwundert nicht, denn damals gewann der Japaner Kenzaburo Oe den Literaturnobelpreis - und verzehrte im Rauch von Wacholderholz geräucherten Lachs mit Senfsoße, Wildente mit schwarzen Johannisbeeren und Karottenkuchen.

Hin und wieder melden sich auch amerikanische Reisegruppen im Stadshuskällaren zum Nobelpreisdinner an. Deren Essenswunsch wisse man meist schon vorab, sagt Maria Backelin: Das Einstein-Dinner von 1921. Deutsche Touristen sind selten unter den Gästen des Stadshuskällaren. Bestenfalls 40 Deutsche ordern übers Jahr verteilt das exklusive Mahl - dann aber gerne den Lammrücken, den Heinrich Böll 1972 vorgesetzt bekam, oder das Lammfilet, das Günter Grass 1999 verzehrte.

som/sis/news.de/srt

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