Dienstleistungen Günstige Preise, teuer erkauft

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Ob im automatischen Hotel, an der Ikea-Kasse oder beim Paket, das in der Packstation auf Abholung wartet: Die Dienstleistungsbranche setzt auf die Mitarbeit der Kunden, um die Preise senken zu können. Das spart zwar Geld – kostet aber Zeit.

Am Morgen halte ich auf dem Weg ins Büro noch schnell an der SB-Bäckerei mit den günstigen Preisen an. Keine Verkäuferin berät mich. Ich selbst stelle mir die Frage, was es denn sein darf und beantworte sie auch umgehend. Ein Pizzabrötchen und ein Muffin, danke. Ich greife die Backwaren mit der Zange aus dem Regal, das Loch in der Scheibe ist für die Zange wie immer zu klein, ich stochere wild hinein, bis die Beute endlich auf dem Tablett liegt. Ich bin es auch, der das Backwerk in die Tüte hievt. Nur das Geld bekommt die Dame an der Kasse, die einzige Mitarbeiterin im SB-Backparadies.

Immer mehr Dienstleistungsbereiche setzen auf den aktiven Konsumenten. Sie locken vor allem mit mehr Wahlfreiheit und niedrigen Preisen – und lassen Verbraucher dafür Teile ihrer ehemaligen Aufgaben übernehmen. Der Kunde wird zum Teil der Verkaufskette. Angefangen hat es, so wird erzählt, an Tankstellen in den 1950er Jahren, als der Tankwart langsam ausstarb. So stehe ich am Mittag an der Zapfsäule, öffne den Deckel und flöße selbst den Treibstoff ins Auto.

Dann kam Ikea und perfektionierte das Do-it-yourself-Vorbild. Nach der Arbeit schiebe ich also am späten Nachmittag meinen Einkaufswagen selbst durchs Möbellager, schnappe mir das Paket, aus dem irgendwann man ein Billy-Regal werden soll, trage es selbst ins Auto, baue es selbst zusammen. Seit vergangenem Jahr bietet das Möbelhaus Self-Service-Kassen an. Ich scanne selbst, ich zahle selbst, nur ein Kasseninstruktor wacht noch darüber, dass auch wirklich alle Artikel einmal ihren Strichcode unter das rote Licht halten durften.

Rechnungen und Tickets müssen selbst ausgedruckt werden

Abends dann folgt mein Gang zur Packstation. Schließlich hatte die Post doch so schmeidelnd gefragt: «Sind Sie auch oft nicht zu Hause, wenn Ihr Paket ankommt?» Dann sei doch die Packstation die ideale Lösung. Klar, spart sich der Konzern ein Auto und einen Fahrer, die den ganzen Tag durch die Stadt tuckern. Oder die Telefon- und Handyrechnungen, das E-Ticket für Bahn und Flug, die allesamt per Mail eintreffen. Die Unternehmen sparen – allerdings muss ich selbst dafür sorgen, stets einen Ersatztoner zum Ausdrucken im Haus zu haben. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Deutschland wird so zur Servicewüste. Wir haben uns die günstigen Preise teuer erkauft, denn wir sind nebenher noch Handwerker, Verkäufer und Büroangestellter. Das spart zwar Geld, kostet aber viel Zeit. Am Ende ist das wohl ein Nullsummenspiel.

mik/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • jarauh
  • Kommentar 3
  • 12.07.2011 10:07

Tja - so schauts halt aus in der Dienstleistungsgesellschaft, wenn keiner für die Dienstleistungen zahlen will. A propos Post: Ganz toll ist, dass einige Packstationen notorisch überfüllt sind. Dann kann man auch wieder in der Postfiliale vorbeischauen, ohne dass die Post zumindest versucht hätte, das Päckchen zuzustellen.

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  • Bert100
  • Kommentar 2
  • 25.08.2010 15:34
Antwort auf Kommentar 1

Stimmt, wir schaffen uns selbst ab. Irgendwann wird die Arbeitsweltt ganz ohne Menschen auskommen - nur, wer kauft dann den produzierten Mist, wenn wir nichts mehr verdienen, um konsumieren zu können?

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  • carl
  • Kommentar 1
  • 15.08.2010 17:15

wir Menschen haben sie doch nicht mehr alle wir vernichten uns selbst

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