Krisenregion! Welche Krisenregion?
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Von news.de-Redakteur Sebastian Haak, Berlin
Artikel vom 12.03.2010
Wo hört ein eigentümliches Verständnis der Realität auf? Wo fängt das Verdrehen der Wirklichkeit an? Auf der ITB in Berlin geht es nicht nur um das Verkaufen von Reisezielen. Manchmal geht es einfach nur um Propaganda.
Dafur? Da könne man jederzeit hinreisen, meint Girham Abdelgaelu. Auch jetzt sofort. «Dort tanzen die Leute vor Freude auf der Straße», sagt der hochgewachsene Mann und schaut über seine Brillengläser. Er sitzt auf einem weißen Plastikstuhl, der eigentlich zu klein für ihn ist. Er macht ein ernstes Gesicht. Nicht unfreundlich. Aber keinesfalls verzieht er die Mundwinkel zu einem Grinsen. Girham Abdelgaelu meint diese Sätze ernst. Der Mann, der eine Reise in eine der latentesten Krisenregionen der Erde anbietet, ist Director of Promotion and Information – Ministry of Tourism and Wildlife – Sudan, wie er in ein paar Minuten in den Block schreiben wird. Kurz und Deutsch: Er ist im sudanesischen Tourismusministerium ziemlich wichtig.
Auf dem kleinen Beistelltisch neben Abdelgaelu stehen weiße Plastikbecher. Darin schwimmen Teebeutel, das Wasser ist inzwischen kalt. Auch ein paar Knabbereien stehen da und drei typisch afrikanische Holzschnitzereien. Der Stand, den Sudan auf der ITB gemietet hat, ist klein und bescheiden. Mit den großen Präsentationen Ägyptens oder gar der arabischen Staaten kann das bettelarme Land nicht mithalten. Das größte Land Afrikas präsentiert sich hier auf vielleicht 25 Quadratmetern und versucht, Touristen anzulocken.
Denn die seien wichtig für den Sudan, sagt Abdelgaelu. «Der Tourismus schafft bei uns Jobs und hilft uns, unsere Umwelt zu schützen», sagt er. «Ich würde schätzen, dass nicht weniger als 20.000 Menschen im Sudan vom Tourismus leben.» Jedes Jahr kämen etwa 600.000 Menschen, vorwiegend aus Westeuropa, in sein Land, um dort Urlaub zu machen. „Und der Tourismus wird in Zukunft noch wichtiger werden“, fährt er fort, seinen Körper leicht nach vorne gebeugt. „Unsere Gastfreundschaft, die wunderschöne Natur und all die Geschichte, die Sie bei uns erleben können. Das sind wertvolle Schätze.“ Doch dabei lässt es der Mann aus dem Ministerium nicht bewenden: „Außerdem wird unsere Infrastruktur immer besser ...“
Selbstverständlich sind die Medien schuld
Girham Abdelgaelu gehört zu den Menschen, die allem etwas Positives abgewinnen können. So ließe es sich formulieren. Eine Alternative lautet: Girham Abdelgaelu gehört zu den Menschen, die eine ganz eigene Sicht auf die Wirklichkeit haben. So wie die Griechen an ihrem ITB-Stand gute Mine zum bösen Streikspiel in ihrer Heimat machen, so ist auch Abdelgaelu bemüht, auf jede Nennung des D-Wortes mit einem Satz zu antworten, der es unmöglich macht, nicht in den Sudan reisen zu wollen.
Dass die humanitäre Katastrophe, das Plündern und Töten in Dafur in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig Schlagzeilen in der Weltpresse gemacht hat, dass die Weltgemeinschaft die Vorgänge in Dafur gar als Völkermord beschrieben hat und dort Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Menschen auf der Flucht sind: Auf dem kleinen Messestand in der deutschen Hauptstadt spielt das keine Rolle.
Von diesem Kurs lässt sich Abdelgaelu auch nur ein kleines Stück weit abbringen. Nochmal auf die Krisenprovinz des Sudan angesprochen, sagt er ruhig: «Es sind sehr traditionelle Tänze, die die Menschen tanzen, die Sie dort finden werden.» Erst auf eine nochmaliges Nachbohren sagt er schließlich: «Es sind nur ganz kleine Gebiete, über die da immer wieder berichtet wird.»
Und damit hat er eine Vorlage für den Rest des Gesprächs gefunden: Die Medien hätten die Unruhen in Dafur falsch dargestellt, zumindest aber überbewertet. «Eine wirklich objektive Berichterstattung», sagt er, jedes Wort einzeln betonend, «muss das berücksichtigen.» Wenn die Menschen nach Dafur kämen und sein Land erlebten, «dann würden sie sehen, was ich meine, und ihren Freunden davon erzählen.» Während Abdelgaelu diese Sätze spricht, läuft auf einem Notebook hinter ihm ein Werbevideo für den Sudan als Reiseziel. Es zeigt: tanzende Menschen.
Alles eine Frage der Entfernung
Wäre nicht Carla Piazza am Stand des Sudan, um ebenfalls Reisen in das schwarzafrikansiche Land anzupreisen, der geneigte Westeuropäer könnte mit einem schlechten Gewissen über die tendentiöse Berichterstattung der Medien zurück in den ITB-Trubel entschwinden. Doch auch, wenn Piazza das gar nicht will, als sie hinter ihrem kleinen Tresen steht und ihre braungebrannten Finger über eine Karte des Sudan kreisen lässt: Die Frau entlarvt die Sätze des Ministeriumsvertreters als das, was sie sind: Propaganda.
Die Italienerin leitet ein kleines Reiseunternehmen in Khartum, der Hauptstadt des Sudan. Jedes Jahr zeigt sie vier- bis fünfhundert Touristen das Land, das auch sie gleich im ersten Satz als «sehr sicher» beschreibt; so als wolle sie der Frage nach Dafur und der Sicherheitslage im Land vorbeugen. Am Nil, sagt Piazza, sei es wunderschön, das Land habe so viel Natur zu bieten und es gebe mehr Pyramiden als in Ägypten zu sehen. «In der ganzen Nil-Region sind überall Sicherheitskräfte präsent.» Auch Gastfreundschaft und Toleranz der Menschen preist sie: «Im Sudan leben keine Extremisten. Ich kann dort als Frau umherlaufen, ohne einen Schleier zu tragen.» Piazza stützt sich auf den fragilen Stand, der unter ihrer südländischen Impulsivität bebt. «Ich bin am Montag erst von dort angereist. Ich weiß, wovon ich rede.»
So weit, so gleichlautend. Doch wenn es um Dafur geht, hat Carla Piazza eine ganz andere Kommunikationsstrategie entwickelt als Girham Abdelgaelu. Nein, nach Dafur würde sie nicht reisen, gibt sie unumwunden zu. Und auch keine Touristengruppe dorthin führen. «Aber der Sudan ist das größte Land Afrikas», wirft sie entschieden ein. Die Region nördlich von Khartum sei sicher. Also warum den Sudan meiden, wenn so viel Land zwischen den Krisenregion und den Touristenorten liege?
«Vor zehn Jahren gab es im Kosovo Krieg», sagt Carla Piazza dann plötzlich. Sie blickt so ernst drein wie Abdelgaelu. «Aber die Deutschen sind trotzdem nach Italien in den Urlaub gefahren, obwohl das viel näher ist als die Entfernung zwischen Khartum und Dafur.» Eine bizarre Argumentation.
iwi/reu/news.de
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