Mi., 08.02.12

Ökotourismus Reisen mit gutem Gewissen

Von Claudia Ottilie

Artikel vom 12.02.2010

Wer um den halben Erdball fliegt, braucht sein CO2-Konto für zwei Jahre auf. News.de erklärt, wie umweltschädlich Reisen ist - und wie man den Frevel zumindest in Grenzen hält.

Mit verschiedenen Gütesiegeln versuchen Reiseveranstalter, einen klimaverträglichen Urlaub zu garantieren. Doch obwohl sich weltweit Hotels und Pensionen eine grüne Flagge aufs Haus gestellt haben, mangelt es noch immer an umfassenden Qualitätsstandards.

Die Organisatoren locken mit wenig bebauter, natürlicher Umgebung, Zimmern ohne Klimaanlage und ohne tägliches Handtuchwechseln. Sie haben Solarzellen auf dem Dach oder nur eine Petroleumlampe für den Abend. Die Möglichkeiten, sich energiesparend zu präsentieren, sind vielfältig und werden von zivilisationsmüden Großstädtern gern angenommen. Naturreisen, Öko-Lodges und Kompensationsangebote boomen.

«In Öko machen» darf jeder. Zahlreiche von unabhängiger Stelle geprüfte Unternehmen führen ein Umweltsiegel. Die Gütesiegel sollen garantieren, dass umweltbewusste Urlauber ihre Spenden in Klimaschutzprojekten gut angelegt wissen. Denn welche Projekte er konkret unterstützt, ob die Siegel wirklich umweltverträgliche Hotelanlagen bewerben und ob Einheimische als Mitarbeiter in den Tourismuszentren geschult werden, ist für den Verbraucher nicht immer erkennbar.

Namen wie Eco-Label, Green Globe, Atmosfair und Gold Standard geistern durch den Dschungel der Bescheinigungen. Es fehlt an einem weltweiten, offiziellen Tourismus-Siegel, das die guten von den schlechten trennt, das Nachhaltigkeit für den Reisenden wie für die Urlaubsregion garantieren kann. Aber es soll kommen, das internationale Siegel, das alle anderen einschließt. Die Vereinten Nationen, die Welttourismusorganisation und andere haben sich im Tourism Sustainability Council (TSC) zusammengeschlossen und einen Kriterienkatalog herausgegeben, dem sich Unternehmen aus der Branche unterstellen können. «Der Verbraucher muss dann nicht mehr gucken, welches Hotel was für ein Siegel führt und ob das ein anerkanntes ist. Er muss nur noch auf das TSC-Siegel achten», erläutert WWF-Tourismusexpertin Martina Kohl.

Sich als Veranstalter oder Hotel von dieser Kommission begutachten zu lassen, sei nach wie vor freiwillig. Man hoffe jedoch darauf, dass auch die Großen der Branche einige ihrer besonders naturnahen und umweltschützenden Angebote unter diesem Gütesiegel eintragen lassen.

Noch müssen Urlauber selbst prüfen

Bis das seit über einem Jahr laufende Projekt des TSC ein umfassendes Siegel offiziell einführt, müssen Urlauber jedoch weiterhin genau prüfen, unter welchen Kriterien sich Unternehmen um Nachhaltigkeit und CO2-neutrales Reisen bemühen. Der Verein forumandersreisen mit seinen 149 Reiseanbietern stellte 2009 ein Zertifikat vor, durch das Veranstalter sich freiwillig in ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Vorgehensweise beurteilen lassen können. Das CSR-Siegel des Forums ist deutschlandweit anerkannt und setzt sich neben klimatechnischen Projekten auch für soziale und kulturelle Werte ein.

Auch der Gold Standard gelte als vertrauenswürdig, erklärt Martina Kohl. «Er zertifiziert ausschließlich Projekte, die zur Kompensation von Kohlenstoffdioxid geschaffen wurden.» Siegelführende Verbände und Unternehmen engagieren sich für die aktive Aufforstung von Wäldern. Sie lassen in Dritte-Welt-Ländern Bäume pflanzen, zeigen Einheimischen aber auch, wie sie auf die Energie der Sonne setzen können, statt mit Diesel zu kochen und zu heizen.

Die Höhe der Kompensation von CO2 berechnen Unternehmen wie Atmosfair und Myclimate. Die Klimabilanz eines Passagiers auf dem Flug nach Mallorca wäre demnach mit 18 Euro abgegolten. Gezielt bezifferte der WWF in einer Studie zum Touristischen Klima-Fußabdruck die Umweltkosten des Mallorcaurlaubs. Demnach produzieren Flug, Unterkunft und der zweiwöchige Urlaubsspaß so viel CO2 wie ein Jahr Autofahren: 1221Kilogramm. Im Durchschnitt stehen einem Erdenbürger 3000 Kilogramm CO2 pro Jahr zu.

Umweltverbände mahnen, dass erst ab 700 Kilometern Entfernung zum Urlaubsort ein Flug gerechtfertigt sei. WWF-Tourismusexpertin Kohl rät dennoch nicht komplett von Flugreisen ab. «Aber man sollte schon vorher genau abwägen, ob es denn wirklich in die weite Welt gehen muss und ob man nicht auf einen Umwelt belastenden Flug verzichten kann.»

Vom schlechten Gewissen freikaufen

Wer dennoch seine Traumreise nach Australien antritt, kann das schlechte Gewissen mit einer Geldspende beruhigen und seine CO2-Bilanz so wieder neutralisieren. Unternehmen wie Atmosfair aus Berlin bieten diesen Service auf ihren Webseiten an. Die schon als Ablasshandel verschrieene Kompensation von Emissionen ist auch für WWF-Expertin Kohl «nur die zweite Wahl». Wer nach Mexiko, in die Karibik oder den fernen Osten fliegt, hat die persönlich zugestandene CO2-Emission von zwei Jahren auf dem Gewissen. Letztlich bleibt die philosophische Frage, wie weit man reisen muss, um Urlaub zu machen. Denn: 14 Tage Balkonien = 58 Kilogramm CO2.
 

Umweltkosten für weitere Ziele:

5 Tage Busreise Südtirol = 216 Kilogramm CO2
14 Tage Ostsee = 258 Kilogramm CO2
10 Tage Allgäu = 297 Kilogramm CO2
7 Tage Skifahren Voralberg = 422 Kilogramm CO2
7 Tage Mittelmeerkreuzfahrt = 1224 Kilogramm CO2
14 Tage Mexiko = 7218 Kilogramm CO2

iwi/car/ivb/news.de/srt
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