72 Stunden Faschingsmarathon
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Von Volker Strohm
Artikel vom 28.01.2010
Wenn für die deutschen Narren der Fasching vorbei ist, bitten die Basler Dämonen zum Tanz. Die Eidgenossen reden von den «drey scheenschte Dääg». Ein großes Fest mit Umzügen, Bänkelsängern und leuchtenden Laternen.
Eine ganze Stadt hält für einen Moment den Atem an. Dann erlischt das Licht, Tausende kleine und große Laternen dominieren jetzt die Szenerie. «Morgestraich, vorwärts, Marsch!» Piccolos und Trommeln stimmen einen Marsch an - in schier brachialer Gewalt, eine Mischung aus Mystik und Mummenschanz, geordnetes Chaos und klar definierte Narrenfreiheit zugleich. Ort des Schauspiels ist Basel. Dort ist es das nächste Mal zu beobachten am 22. Februar.
Das Spektakel läutet an jenem Montagmorgen Punkt vier Uhr einen 72-stündigen Marathon ein - die Basler reden unbescheiden von den «drey scheenschte Dääg» (drei schönsten Tagen). Und die beginnen eben früh am Morgen. «Die Liebe zur Fasnacht auf den ersten Blick beginnt am Morgenstreich», sagt Felix Rudolf von Rohr, Obmann des Fasnachts-Komitees. Jedes Jahr zieht die Basler Fasnacht Zehntausende von Besuchern in ihren Bann, obwohl oder vielleicht gerade weil sie so gar nicht ins karnevalistische Grundschema passt.
100-jähriges Jubiläum
«Bald ist sie vorbei, die fasnachtslose, die schreckliche Zeit», hatte Rudolf von Rohr kürzlich frohlockt und lüftete «das bestgehütete Geheimnis der Stadt»: das Aussehen des Festabzeichens. Das wird alljährlich anlässlich einer veritablen Vernissage vorgestellt - ein Festabzeichen, das Besucher aber niemals so nennen sollten, um nicht gleich als Auswärtige aufzufallen. «Blaggedde» (Plakette) heißt das Ansteckstück, das in vier Varianten - Kupfer, Silber, Gold und als goldhaltiges «Bijou» - zwischen acht und 100 Franken (5,40 bis 68 Euro) erhältlich ist und als eine Art Eintrittskarte gilt. Aus Anlass des Hundert-Jahr-Jubiläums des Komitees reicht dieses 2010 noch eine Anstecknadel in Form eines «Ueli» (Narr im Stile Till Eulenspiegels) nach, wie sie bereits 1911 als erste Blaggedde zum Einsatz kam. Es gibt sie während der Fasnacht auf dem Münsterplatz, Marktplatz, Barfüsserplatz, Claraplatz und im Kasernenareal an verschiedenen Verkaufsständen. Die Blaggedde gehört genauso zu den sprachlichen Eigenheiten Basels wie die «Larve» (Maske), der «Zeedel» (kritische, themenbezogene Verse in Papierform), der «Diirlivärs» (Reim auf den Laternen, die die Cliquen mittragen) und der «Cortège»(Umzug).
A propos Cortège: Gleich zwei Mal bekommen Zuschauer die Gelegenheit, die oft aufwändig produzierten Motive der Cliquen (Trommler und Pfeifer), Guggemusiken (schräge Blaskapellen) und Wagen zu bestaunen. Angeprangert wird Lokales, Nationales und Internationales - thematische Spitzenreiter im vergangenen Jahr waren die Fußball-Europameisterschaft und Querelen um Schweizer Bundesminister, aber auch vor Kirche und Papst wird nicht Halt gemacht. Dabei ist die Fasnacht nicht immer uneingeschränkt lustig, vielmehr auch bitterböse - oft bleibt einem das Lachen im Hals stecken.
Täglich andere Attraktionen
Am Montag Nachmittag starten jeweils um 13.30 Uhr rund 12.000 registrierte Fasnächtler auf zwei Routen mit je vier Kilometern Länge. Eine Reihenfolge gibt es dabei nicht, es ist ein wildes Durcheinander in geordneten Bahnen. Um 18 Uhr ist Schluss - höchste Zeit, um einen der begehrten Plätze in einer der «Baizen»(Restaurants) oder Cliquenkeller zu ergattern, um abends den Schnitzelbängg (Bänkelsängern) zu lauschen.
Am Montagabend sind um diese Zeit die Cliquen längst auf dem Weg zum Münsterplatz, wo sie ihre Laternen - über 200 wahre Kunstwerke - anzünden und Auge in Auge mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Basler Münster, aufstellen.
Den Fasnachtsdienstag nutzt der Besucher, um morgens in aller Ruhe von Laterne zu Laterne zu schlendern, denn tagsüber steigert sich das Gedränge von Minute zu Minute, an ein gemütliches Durchkommen ist kaum noch zu denken. Spätestens nach dem Dunkelwerden verdrückt so mancher ob des Lichterspiels, das mitunter als «größte Open-Air-Kunstausstellung der Welt» betitelt wird, eine Freudenträne. Wer es weniger melancholisch mag, besucht eines der Guggenmusik-Konzerte, die am Dienstagabend auf dem Barfüsser-, Markt- und Claraplatz stattfinden.
Am Mittwoch Nachmittag geht es noch einmal rund, wenn sich - wie schon zwei Tage zuvor - die Fasnachtszüge erneut auf den Weg machen.
Und was sollten Besucher beachten? Wer die Basler Vokabeln wie «Räppli» (Konfetti) oder «Schyssdräggziigli» (kleine Pfeifer- und Trommlerformation, die abends durch die Gassen streift) büffelt, macht einen guten Eindruck. Wichtig ist es auch, sich an dem zu orientieren, «was man tut und was nicht». Eine Übersicht gibt die Komittee-Homepage. Dabei ist das Event gar nicht so streng , wie es den Eindruck macht. Das Fotografieren mit Blitzlicht am Morgenstreich zum Beispiel zerstört nicht nur die mystische Stimmung, sondern schmerzt die aktiven Fasnächtler unter ihren Larven, die nur mit kleinen Sehschlitzen versehen sind.
Wissen sollten Besucher auch, dass der «echte» Fasnächtler für angemalte Gesichter und torkelnde Gruppen nur ein müdes Lächeln übrig hat. Gäste sollten die Basler Fasnacht, dieses inszenierte Mega-Spektakel in der gesamten Innenstadt, ganz einfach aufsaugen, aber nicht versuchen, aktiv teilzunehmen. «Versuchen Sie nicht zuviel zu verstehen, genießen Sie es ganz einfach», rät Rudolf von Rohr.
Die Möglichkeiten dazu sind zahlreich, das Programm gibt es her. Besonders reizvoll ist es, bereits am Vortag des Morgenstreichs anzureisen und so die Vorboten der Fasnacht auf sich wirken zu lassen: Dann treffen sich die Cliquen gegen Abend in der Stadt, um ihre Laterne vom Künstleratelier zum Morgenstreich-Abmarsch-Ort zu transportieren. Die Trommeln bleiben bei diesem Ritual still, es wird in den Gassen und Strassen von Basel nur gepfiffen. Es ist jener Moment, an dem die Vorfreude auf «die drey scheenschte Dääg» mit Händen zu greifen ist.
Historie der Basler Fasnacht
Die Wurzeln der Basler Fasnacht gehen vermutlich bis in die Römerzeit zurück, doch hat ein großes Erdbeben 1356 die meisten Urkunden zerstört. Immerhin: Die älteste dokumentierte Erwähnung ("böse Fasnacht") trägt die Jahreszahl 1376. Mit der Reformation 1529 wurde die Basler Fasnacht auf die Woche nach Aschermittwoch gelegt - eine der verschiedenen Theorien besagt, dass die Stadt am Rheinknie damit der klerikalen Obrigkeit eins auswischen wollte. Ab 1832 halten noch heute bekannte Formen Einzug: die Schnitzelbänke, der Morgenstreich (1835), Steckenlaternen (1845) und Zugslaternen (1860). Die Fasnacht 1911 steht erstmals unter der Obhut des neu gegründeten Komittees. Während der beiden Weltkriege fand keine Straßenfasnacht statt, 1920 wurde sie wegen einer Grippeepidemie um vier Wochen verschoben. Aktuell sind knapp 500 Gruppierungen beim Fasnachts-Komittee angemeldet. Bereits seit 6. Januar läuft auf verschiedenen Bühnen die sogenannte Vorfasnacht mit Fasnachtsmusik, Schnitzelbänken und Schauspiel.
Das Programm 2010
Sonntag, 21. Februar: ab ca. 17 Uhr Laternen-Einpfeifen durch die Cliquen in der ganzen Innenstadt
Montag, 22. Februar: 4 Uhr Morgenstreich, 13.30 Uhr Umzug (Cortège), ab ca. 19 Uhr Schnitzelbängg in fast allen Restaurants und in vielen Cliquenkellern, Cliquen (Trommeln/Pfeifen) und Guggenmusiken ziehen durch die Gassen der Altstadt.
Dienstag, 23. Februar: ganzer Tag Laternenausstellung (Münsterplatz), ab ca. 14 Uhr Kinder-Fasnacht, 18.30 Uhr Monstermarsch der Guggenmusiken vom Messeplatz zum Marktplatz und Barfüsserplatz, anschließend große Platzkonzerte (bis ca. 22.30 Uhr), Trommler und Pfeifer ziehen durch die Gassen der Altstadt.
Mittwoch, 24. Februar: 13.30 Uhr Umzug (Cortège), ab ca. 19 Uhr Schnitzelbängg in fast allen Restaurants und in vielen Cliquenkellern, Cliquen (Trommeln/Pfeifen) und Guggenmusiken ziehen durch die Gassen der Altstadt (bis Donnerstag vier Uhr).
Weitere Informationen
Basel Tourismus, Aeschenvorstadt 36, CH-4010 Basel, Tel. 0041/61/268686, Fax 2686870, E-Mail: info@basel.com, Internet: www.basel.com;
Basler Fasnacht Online, Internet: www.fasnacht.ch;
Basler Fasnachts-Comité, Internet: www.fasnachts-comite.ch;
Sonderzüge aus Deutschland, www.fasnacht.ch (Fasnachts-Info aktuell), Informationen zu Morgenstreich-Sonderzügen aus Offenburg und Freiburg sowie Busverbindungen aus dem südbadischen Raum.
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