Romanze mit der Romanik
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Von Gerhard Merk
Artikel vom 17.12.2009
Auf der Straße der Romanik entdeckt man ein schönes Stück von Deutschlands Mitte. Auch für die Bildung ist etwas dabei: Goethe kreuzt den Weg, und Postkartenmotive von Walter von der Vogelweide locken.
Wie eine Acht schlingt sich die Straße der Romanik durch die Mitte Deutschlands. Allein Sachsen-Anhalt protzt mit 80 Stationen. Alte Fachwerkstädte bringen Romantik in die Romanik. Und dann taucht Goethe auf.
Das Schlechte war, dass meine Buchung irgendwie verbaselt wurde. Das Gute, dass das Ersatzhotel noch feiner war. Direkt auf den Markt von Quedlinburg gingen meine Fachwerkfenster. Und der Portier raunte: «Unter ihnen auf Zimmer drei schläft der junge Goethe». Jener war morgens noch im braunen Dreispitz und doppelt geknöpften Mantel über den Hof der Stiftskirche gehastet. Durch frischen Schnee aus weißer Cellulose.
«Den Goethe spielt der Alexander Fehling», hilft am Schlossberg ein Wachmann weiter. «Und sein Gegenspieler ist Moritz Bleibtreu.» Die weiße Pracht ist schon verschwunden, der letzte Take zu Goethe! abgedreht. Männer in Orange kehren Filmdreck und Stroh vom Pflaster. Bis zum Kinostart im nächsten Herbst wird Regisseur Philipp Stölzl (Nordwand) nun schneiden. Liebesweh an der Straße der Romanik: Eigentlich hat's den Dichter ja damals in Straßburg erwischt. So unglücklich, dass er sich sein Leiden mit dem Werther von der Seele schrieb. Aber an Quedlinburg führt auch dann kein Weg vorbei, wenn es um eine Romanze geht.
Begonnen hat meine romantische Reise auf romanischen Spuren in Magdeburg.
Im Zentrum der sich hier kreuzenden Routen steht das Kloster Unser Lieben Frauen. Schlank wie Bleistifte zwängen zwei Türme den schmalen Giebel der Kirche himmelan. Als filigranes Gegenstück spitzt, keinen Steinwurf weiter, der Dom in die Höhe. 1209 errichtet, ist er nun 800 Jahre alt. Und so wird im Kulturhistorischen Museum der «Aufbruch in die Gotik» zelebriert. Das berühmte Postkartenmotiv von Walter von der Vogelweide - hier ist es im Original aufgeblättert. Eine ganze Wand bedeckt die Ebstorfer Weltchronik mit dem skurrilen Weltgefüge von 1300 samt Noahs Arche am Berg Ararat. Mit dem «Magdeburger Reiter» präsentiert sich Otto der Große als ältestes Reiterdenkmal nördlich der Alpen.
Quedlinburg ist wie geschaffen für den jungen Werther
Superlative am Laufband: Der Dom gilt als erster gotischer Bau auf deutschem Boden. Von einem Pfeiler blickt ein Ritter im Kettenhemd auf den Lettner mit dem Grab Ottos - schwarzes Gesicht, wulstige Lippen: Es ist der Schutzheilige Mauritius, Märtyrer der Thebaischen Legion, die nicht gegen Christen kämpfen wollte. Mit bizarren Formen und bunten Farben reißt draußen die «Grüne Zitadelle» von Hundertwasser aus trüben Gedanken. Wie sagte der Meister doch zu seinem Wolkenkuckucksheim aus Wohnungen und Läden: «Die gerade Linie ist gottlos.»
Nach zwei Jahrzehnten Einheit sind die Wunden einstiger Vernachlässigung allerorten sichtlich verheilt. Auch kulinarisch trennt längst nichts mehr: Wie drüben im Niedersächsischen schwelgt man auch im Quedlinburger Wirtshaus Zum Schloss (früher Zum blutigen Knochen) in Wurst mit Grünkohl und Bratkartoffeln. Nur beim Trinken teilt sich noch manchmal der Geschmack: «Weißbier, nein danke!», heißt es an einem Tresen. «Trübes Bier, das ham wer in der DDR gehabt.»
Ein angeschlagenes Emailleschild markiert am Finkenherd jene «sagenhafte Stelle, wo dem Sachsenherzoge Heinrich die deutsche Königswürde angeboten sein soll». Das holpert zwar, tut aber der Tatsache keinen Abbruch, dass hier 919 die deutsche Geschichte begann. Heinrichs Grab findet man droben in der zauberhaft ausgemalten Krypta der Stiftskirche St. Servatius neben dem seiner Frau Mathilde. Der klare romanische Bau, dessen Rundbögen auf fein ziselierten Kapitellen ruhen, birgt den Stiftsschatz der Kaiserin Theophanu aus Byzanz. Darunter das mit feinen Elfenbeinschnitzereien und einer pflaumengroßen Gemme aus Amethyst verzierte Reliquiar mit dem Schenkel des Kirchenheiligen Servatius.
Im Wirtshaus gibt's Wurst mit Grünkohl und Bratkartoffeln
In Gernrode an den Ausläufern des Harz schiebt ein Mann seine Frau im Rollstuhl über die tausend Jahre alte Schwelle von St. Cyriakus. «Hier haben wir vor vierzig Jahren geheiratet», sagt er schnaufend. Wie ein roter Punkt sitzt sie still in dem seit ottonischer Zeit nahezu unveränderten Kirchenschiff, während er das Heilige Grab fotografiert. Außer uns keine Besucher. Von Ferne hört man die Dampfpfeife der ältesten Harzer Schmalspurbahn durch das Selketal.
Halberstadt ist windverblasen. Wie Urgestein sitzen die Gotteshäuser in einer nach dem Bombenkrieg neu erfundenen Stadt. Auf einer sandigen Achse stehen sich Romanik und Gotik gegenüber. Dort die Liebfrauenkirche, hier nach Reimser Vorbild der Dom. Orgelmusik füllt die Kathedrale bis hinauf zu den verspielten Kreuzrippen. Im Obergeschoss der Kreuzgangs ist einer der bedeutendsten Kirchenschätze der Welt ausgebreitet. 600 Pretiosen, aber schon eine allein wäre den Besuch wert: der romanische Abrahamsteppich von 1150 mit seinen sicher gesetzten archaischen Figuren.
Droben auf den Brocken haben sich 20 Zentimeter Neuschnee gelegt. Statt zur Kultur zieht es die fröstelnden Touristen in Wernigerode zu Kaffee und Harzer Baumkuchen. Die Bimmelbahn hinauf zum Schloss füllt sich nur zögerlich und der Herr der Senfe hat Muße zur Selbstbesinnung. Knapp vorm Rentenalter hat Frank Reinhardt noch einmal einen Neustart gewagt. Jetzt steht er vor einem Regal mit 60 Senfsorten und sagt: «Ooch die Kommunisten ham mich nicht geschafft.» Von seinen Scharfmachern und dem hochprozentigen «Brockenhexenflugbenzin» lebt er vielleicht nicht üppig, aber frei.
An der Silvesterikirche kreuzt dann doch noch einmal Goethe meinen Weg. 1777 hatte er dort den «wertherkranken» Pfarrerssohn besucht. Beide waren 28. Hinterher hatte der junge Mann seinen Lebensmut wieder, und der Dichter stieg hinauf zu den faustischen Hexen vom Blocksberg.
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