Mo., 13.02.12

Kinderschönheit Maniküre statt Matsch

Von Andrea Barthélémy

Artikel vom 17.12.2009

Statt auf Bäume zu klettern oder im Matsch zu spielen, gehen sie zur Maniküre oder zum Friseur: Immer mehr Eltern legen Wert auf ein gepflegtes, gestyltes Äußeres Ihrer Kinder. Das kann jedoch negative Folgen für die kindliche Entwicklung haben.

Die fünfjährige Marie möchte Strähnchen. Auf ihren Fingernägeln glitzert es rosa und auf den Lippen schimmert Gloss. «Mit Himbeergeschmack, lecker», sagt sie, während sie auf dem Motorrad-Friseurstuhl auf Verschönerung wartet.

Auch Michelle ist mit ihren fünf Jahren bereits Stammkundin im stets gut gefüllten Salon eines Berliner Traditionskaufhauses. «Ich lege Wert darauf, dass sie gepflegt aussieht, weil sie ein Teil von mir ist», gibt ihre Mutter in einem TV-Interview Auskunft. Was Prominenten wie Gwyneth Paltrow, Katie Holmes oder Madonna recht ist, ist mittlerweile auch vielen deutschen Eltern billig: Kosmetik, Friseur oder Kleider - für die lieben Kleinen darf's gerne etwas Besonderes sein.

Vom quietschrosa Prinzessinnen-Shampoo über die komplette Hautpflegeserie bis zum Kinderduft: Das Angebot an speziell für den Nachwuchs kreierten Kosmetikprodukten wächst stetig und findet großen Zuspruch. Egal, ob Hautärzte vor zu viel Duft-, Konservierungs- und Farbstoffen als möglichen Allergieauslösern warnen.

50 Euro für einen Baby-Strampler

Auch Mode für den Nachwuchs lassen sich viele Eltern durchaus etwas kosten - teilweise sogar etwas mehr, wie der Erfolg der Kinderkollektionen von Armani oder Chloé zeigt. Ein Phänomen, das bislang eher aus Frankreich und Italien bekannt war. Vor allem gutverdienende, «späte» Einzelkind-Eltern legen laut Branchenstatistiken auch schon mal rund 50 Euro für einen Babystrampler aus Bio-Baumwolle auf den Tisch.

So berichtete die FAZ jüngst unter der Überschrift «Die 800-Euro-Babys» vom munter wachsenden Marktsegment Babymode - trotz Finanzkrise und stetig sinkender Geburtenzahlen. Demnach nahm etwa der Gesamtumsatz der Firma Petit Bateau vom Herbst 2008 bis Herbst 2009 um 8,5 Prozent zu, während er in der Gesamtbekleidungsbranche um neun Prozent sank.

Ein gepflegtes, modisch gestyltes Äußeres als Alleinstellungsmerkmal - vor allem Mädchen kommen daran immer weniger vorbei. Nicht zuletzt durch Promivorbilder. «Stars, die ihren Nachwuchs in Designerklamotten bereitwillig in die Kameras der Paparazzi halten, sind oft narzisstische Persönlichkeiten von besonderem Geltungsdrang und Ehrgeiz», sagt Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Göttingen, der ein Buch über Starkult geschrieben hat.

«Sich vor anderen zu profilieren gehört zum Starsein dazu. Und das ‹perfekte Kind› ist dann oft der verlängerte Arm des eigenen Narzissmus», sagt Bandelow. Bei Eltern, die viel Wert auf Statussymbole, wie teure Kleidung oder Kosmetik legen, funktioniere das im Umgang mit den eigenen Kindern oft ähnlich: Eigene Wünsche werden auf die Kinder projiziert, die im Extremfall als «Mini-Me», also als Mini-Erwachsenen-Version, betrachtet und entsprechend gestylt werden.

«Die Kindheit schrumpft»

«Das kann für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung auch negative Folgen haben», warnt Bandelow. Denn wer ständig auf seine Klamotten guckt, spielt vermutlich weniger im Matsch, klettert seltener auf Bäume und wählt vielleicht irgendwann auch seine Freunde vor allem nach äußeren Kriterien aus. «Jedes Kind verkleidet sich gern im Spiel. Aber das kann einfach irgendein Glitzerkleid sein. Es merkt ja noch nicht, ob es eine alte Latzhose oder eine Markenjeans trägt.»

Die Psychotherapeutin Ada Borkenhagen von der Uni Magdeburg sieht vor allem für Mädchen die Gefahr, schon früh engen Schönheitsidealen nachzueifern. «Im Gegensatz zu vor 20 Jahren werden heute schon sehr früh bestimmte Verhaltensmaßstäbe gesetzt. Die Kinder haben es schwerer, ihre eigene Identität zu entwickeln, denn ein Abweichen von der Norm macht Angst. Die Kindheit schrumpft wieder», sagt die Professorin.

Für die Diplom-Psychologin gehen die Probleme der Schönheitsidealisierung sogar noch einen Schritt weiter - denn den gleichen Mustern, die die Mädchen schon sehr früh kennen lernten, würden ja auch viele ihrer Mütter nacheifern. Die Folge: Der in der Pubertät notwendige Abgrenzungsprozess wird schwieriger. «Denn die ewig jungen Mütter sind ja immer schon da. Wenn die jetzige Müttergeneration älter wird und keinen Platz macht, kommt noch ein großes Problem auf uns zu.» Sprich: Eine Gesellschaft, die zwischen 5 und 50 dasselbe Schönheitsideal hat und die gleiche Jeansmarke trägt.

car/sis/nbr/news.de/dpa
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 10.01.2010 14:58
von
nirak

Wie können sich das Eltern leisten? Gehört das zur "KINDERARMUT"? Bleibt daher kein Geld mehr fürs "Essen" übrig? Wenn ich solche Artikel lese werde ich über das ständige "Kinder-Armuts-Geschrei" schrecklich wütend!

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  • Kommentar: 1
  • 21.12.2009 22:26
von
Mine

Lasst Kinder Kinder sein alles andere ist Falsch .

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