Mode in Berlin Die zwei Gesichter der Klamotte

Hip im Hanger: Bread & Butter bietet Alltagsmode vor der Kulisse jüngster Geschichte. (Foto)
Hip im Hanger: Bread & Butter bietet Alltagsmode vor der Kulisse jüngster Geschichte. Bild: dpa

Fashion Week und Bread & Butter - das sind die beiden Seiten der Mode. Haute Couture glitzert bei der einen, zerfetzte Jeans und Hardrock beleben die andere. Berlin entwickelt als Modestadt seinen eigenen Charakter.

Auf einer Mode-Messe reicht es nicht, Mode zu zeigen. Möglichst extravagant muss der Veranstaltungsort sein, damit eine Modenschau zum Happening wird. Die Bread & Butter macht es auf dem alten Flughafengelände in Tempelhof vor: Die aus Barcelona nach Berlin zurückgekehrte Streetwear-Messe hat die monumentale Kulisse so aufwendig inszeniert, dass sie interessanter scheint als die dort ausgestellten Jeans und T-Shirts.

Dem Glanz der Großen in Mailand und Paris eifert hingegen das zweite Event der Modewoche nach: 33 Laufstegschauen stehen bei der Fashioin-Week auf dem Bebelplatz auf dem Programm: Michael Michalsky, Boss Orange, Kaviar Gauche, Lala Berlin, Custo Barcelona und Strenesse sind darunter. Drumherum, und das macht den eigentlichen Charme des Modestandorts Berlin aus, wuselt eine Vielzahl kleineren Modeveranstaltungen in der ganzen Stadt.

Edel präsentiert sich etwa der Green Showroom im Hotel Adlon. Die Designerinnen Magadalena Schaffrin und Jana Keller zeigen High-Fashion-Kollektionen aus ökologisch gewonnenen und fair gehandelten Materialien. Sechs Suiten haben die Veranstalterinnen für diesen Zweck angemietet, und die Wohn-, Schlaf- und Badezimmer samt nobler Einrichtung werden Teil der Präsentation.

Atmosphäre der anderen Art erlebt der Besucher im Parkhaus in der Behrenstraße gegenüber der Komischen Oper. Im ersten Stock findet vier Tage lang ein temporärer Mode-, Kunst- und Kultursalon statt, zu dem jeder kostenlos Zutritt hat. Das Parkhaus wird währenddessen weiter genutzt. Der New-York-Style hat Gregor Marvel-Wyrwich von der Galerie und Künstler-Plattform Friendly Society zum Nebeneinander von geparkten Autos und Kultur inspiriert.

Während die Fashion Week bei einer Gala am Mittwochabend ihre Prominenz Wolfgang Joop, Julia Stegner, Diane Kruger und Nadja Auermann im pinken Escada-Schimmer hüllte, wollte die Bread & Butter mit US-Popstar Justin Timberlake einen Promi-Höhepunkt setzen. Er kam - aber missmutig und leicht genervt. Kein Lächeln, keine Antworten auf Fragen. Drei Minuten dauerte sein Auftritt bei der Präsentation seines Modelabels «William Rast» im Silver Wings Club auf dem Tempelhof-Gelände. Dann verschwand er im VIP-Bereich.

«William Rast» empfiehlt für die kommende Herbst/Winter-Saison lässige Outfits, die Anleihen bei den 80er Jahren nehmen. Starke Schultern und schmale Silhouetten, gerne auch die Jeans als Pumphose.

Mehr Glanz gab es da bei der Escada-Party. Das angeschlagene Modeunternehmen versucht, seiner Krise zu trotzen. An Puppen wurde eine Kleiderauswahl aus 30 Jahren glamouröser Firmengeschichte gezeigt. Escada, heute geleitet von Bruno Sälzer, hatte seine große Zeit in den 80er Jahren - genau in der Zeit, die «William Rast» nun erfolgreich als Inspirationsquelle gebraucht. Escada dagegen bangt um seine Zukunft.

Wolfgang Joop zeigte seine Solidarität mit Bruno Sälzer und präsentiert in Berlin seine Wunderkind-Boutique. Seine Kollektionen aber zeigt er nicht in Berlin, sondern in Paris und London: «Dort macht man gesellschaftlich Relevantes». Doch Berlin braucht sich nicht zu ducken, zumal die gefürchtete Laufsteg-Kritikerin Suzy Menkes von der International Herald Tribune ein Lob aussprach: «Berlin hat Mode im Blut.» Die Deutschen sollten stolz auf ihre Ökomode sein, sagte sie.

Berlin-Kult wird derweil auch in Tempelhof gepflegt: «Ich fühl' mich gut, ich steh' auf Berlin», dröhnt ein alter Hit von Ideal über das Rollfeld. In den Hangars posieren Models in Kätzchenunterwäsche, eine Armee von Gartenzwergen ziert einen Stand. Draußen am Rollfeld servieren Kellnerinnen in Trachten - in Berlin meist ironisch gemeint - Weißwürste und Latte Macchiato im «Kaiser Beer Garden».

Die Bread & Butter ist etwas für Leute, die eigentlich lieber in Clubs als auf Messen gehen. 550 Aussteller aus aller Welt sind dabei, darunter Levi's, Replay, Woolrich, Birkenstock, Bench, Converse und G-Star. In «Streetwear» gilt die Messe als führend. Im Vorfeld hatte es um die Bread & Butter viel Streit gegeben, weil sie den seit Herbst stillgelegten Flughafen über zehn Jahre zwei Mal jährlich nutzen darf.

Jetzt drängen sich zwischen dem ausgedienten Gepäckband und den für die Besucherregistration wiederbelebten Check-In-Schaltern vermutlich mehr Menschen, als der Flughafen in seinen letzten Jahren abgefertigt hat. Etwa 80.000 Besucher werden bis Freitag erwartet. Das Publikum ist international gemischt, und von Krise ist hier nichts zu erahnen.

Und die Mode im Sommer 2010? Rosafarbene oder zerfetzte Moonwashed-Jeans und hohe Turnschuhe in Neongrün sind nicht verkehrt. Auch Jeans-Overall und Pumphose sind wieder da. Der Tattoo-Rockabilly-Look ist immer noch stark, selbst auf Bademänteln finden sich Totenköpfe. Einige italienische Jeanshersteller haben sich zum «Laboratorio» zusammengeschlossen. Besucher können sich hier aus verschiedenen Entwürfen für 100 Euro ihre persönlichen Jeans zusammenstellen und auch gleich nähen lassen. Bürgermeister Klaus Wowereits Outfit bei der Eröffnungsparty: Jeans, offenes Hemd, Jackett. «Urban Wear» heißt das im Fachjargon.

 

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Aus dem Netz:

Die «Süddeutsche Zeitung» spricht mit dem Designer Patrick Mohr, der Obdachlose auf den Laufsteg schickt.

iwi/seh/news.de/dpa/ap/ddp

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