Simon Pearce: Simon Pearce: "Servus, ich bin der Neger!"

Wie lebt es sich als Schwarzer in einem bayerischen Dorf? Fragt man den Schauspieler Simon Pearce, benötigt man auf alle Fälle eine gehörige Portion Humor.

Startet als Stand-up-Kabarettist durch: Simon Pearce

Bild: Alan Ovaska/spot on news

Ein Schauspieler auf Abwegen? Nicht so bei Simon Pearce (33, "Hubert und Staller"). Der Münchner feiert seit geraumer Zeit neben seiner Schauspielkarriere auch große Erfolge auf den Comedy-Bühnen der Republik. Jetzt stellte der Halb-Nigerianer in München sein erstes abendfüllendes Programm "Allein unter Schwarzen, vor, mit überwältigender Resonanz. Die Nachrichtenagentur spot on news traf den 33-Jährigen und sprach mit ihm über das Leben als Schwarzer in einem bayerischen Dorf, den Unterschied zwischen Comedy und Kabarett und über flotte Sprüche als Überdruckventil.

Bislang sind Sie der Öffentlichkeit als Schauspieler bekannt. Wie kamen Sie überhaupt mit Comedy in Berührung?

Auch bei den "Rosenheim Cops" spielte Simon Pearce bereits mit - hier gibt es die komplette erste Staffel

Simon Pearce: Ich wurde da irgendwie reingespült: Ein guter Freund von mir hat in München eine Comedy-Veranstaltung organisiert und mich gefragt, ob ich dort als Moderator auftreten möchte. Zufällig war ein Produzent im Publikum, der mich wohl lustig fand und in der Pause angesprochen hat. Zwei Wochen später stand ich zur Aufzeichnung für ein neues Stand-up-Comedy-Format auf der Bühne und habe meine erste Nummer gespielt.

Quasi wie die Jungfrau zum Kinde?

Pearce: Ein bisschen schon. Ich habe ihm noch erklärt, dass ich eigentlich Schauspieler bin und überhaupt noch kein Programm habe. Mein Gedanke war: Scheiß drauf, ich probier das jetzt aus. Klar, ich bin gerne lustig und liebe es, auf der Bühne zu stehen, aber irgendwie war mein Einstieg fast schon unfreiwillig.

Die Premiere Ihres abendfüllenden Programms in München war ausverkauft, die Resonanz des Publikums riesengroß. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Pearce: Ich mache keine klassische Stand-up-Comedy mit einem Gag-Feuerwerk alle paar Sekunden, Stand-up-Kabarett trifft es schon präziser: Ich versuche, den Leuten etwas mit auf den Weg zu geben und möchte mit lustigen Geschichten aus meinem Leben zum Nachdenken anregen.

Sie haben Schauspiel studiert. Hilft Ihnen das auch auf der Stand-up-Bühne?

Pearce: Auf alle Fälle, gerade bei dieser Art von Comedy. Ich erzähle aus meinem Leben und kann bei Dialogen die anderen Figuren anspielen. Das Publikum kann sich die Situation so besser vorstellen. Zumindest sagen das meine Gäste immer wieder...

Sie thematisieren das Leben als Farbiger in Bayern. Übertreiben Sie mit den Darstellungen oder ist das wirklich alles aus dem Leben gegriffen?

Pearce: Im Prinzip ist mir alles genauso passiert. Das sind wahre Anekdoten, auch wenn es manchmal traurig ist, dass einem so etwas heutzutage noch passiert. Nur ab und zu schmücke ich etwas mit meiner Phantasie ein bisschen aus oder drehe eine Geschichte weiter als sie wirklich gegangen ist. Ich war zum Beispiel noch nie im Knast! Ehrlich!

Nehmen Ihnen die Leute ab, dass Sie von der Realität erzählen?

Pearce: Das Erstaunliche ist: Die wahren Geschichten und Zitate glauben mir die Leute oft nicht. Ich sage mittlerweile auf der Bühne schon immer dazu, wenn etwas wirklich genau so abgelaufen ist. Man erlebt schon seltsame Dinge...

Zum Beispiel?

Pearce: Die Geschichte, dass mein ehemaliger Kollege mir erklären wollte, wie böse doch "die Neger" sind. Unabhängig davon, dass er absoluten Blödsinn geredet hat, hat er nicht kapiert, dass ihm quasi einer gegenüber steht. Auch, dass ich als Affe beschimpft wurde.

Bleibt einem da nicht manchmal das Lachen im Halse stecken?

Pearce: Auf alle Fälle, das gehört aber zu meinem Programm. Ich will den Leuten ja schon ein bisschen den Spiegel vorhalten und nicht nur Witze erzählen. Deswegen lege ich großen Wert darauf, zu betonen, dass meine Anekdoten die Wahrheit sind.

Ist Humor eine Art Ventil für Sie, diese Ungerechtigkeiten zu verarbeiten?

Pearce: Das ist wie ein Schutzmantel für mich und war es schon immer. Ein Beispiel: Als ich neu in eine Fußballmannschaft kam, habe ich als erstes gesagt: "Servus, ich bin der Neger!" So sind die Leute kurz vor den Kopf gestoßen, lachen aber anschließend. Damit ist das Thema meiner Hautfarbe mit Humor abgebügelt. Ich lache mir den Ärger weg.

Mittlerweile wohnen Sie nicht mehr auf dem Dorf, sondern in München. Gibt es Rassismus auch in der Metropole oder nur auf dem Land?

Pearce: München ist auch nur ein Dorf, durch das eine U-Bahn fährt. Rassismus gibt es überall. Leider. Übrigens auch bei Schwarzen und Türken oder bei Homosexuellen. Das steckt einfach in vielen Köpfen fest.

Warum glauben Sie, gibt es auch heute noch Vorurteile gegenüber Schwarzen?

Pearce: Größtenteils ist es einfach nur Angst vor etwas Fremdem. Gewisse Vorurteile sind sicher natürlich und auch gar nicht weiter schlimm. Jeder gruppiert sich irgendwie und denkt in gewissen Schubladen. Aber das darf auf gar keinen Fall irgendwelche rassistischen Tendenzen haben.

In der NDR-Talkshow sprachen Sie über das Problem, als farbiger Schauspieler in Deutschland Rollen zu bekommen. Ist das im Comedy-Bereich nicht so?

Pearce: Nein, da gibt es überhaupt keine Hürden. Ganz im Gegenteil: Ethno-Comedy ist derzeit total gefragt und in dem Bereich kann ich mit meinen Eigenheiten ganz bewusst kokettieren - und die Leute lachen sogar noch darüber!

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