Konstantin Wecker: Sind Sie spießig, Konstantin Wecker?

In "Die Hochzeit meiner Schwester" spielt Konstantin Wecker den Musiker und Lebemann Valentin. Wie seine Filmfigur ist Wecker nie Mitläufer gewesen und hat oft rebelliert - gegen Faschismus, gegen bestimmte Tendenzen in der Gesellschaft und auch sich selbst.

Ein Mann und seine Gitarre: Konstantin Wecker spielt den Musiker Valentin

Bild: ARD Degeto/Elke Werner/spot on news

In "Die Hochzeit meiner Schwester" (2. Mai, 20:15 im Ersten) spielt Konstantin Wecker (66, "Wut und Zärtlichkeit") nicht nur eine der Hauptrollen; der Liedermacher schrieb auch die Musik für den Film. Mehr als die Liebe zur Musik hat Wecker mit seiner Filmfigur Valentin allerdings nicht gemeinsam. Während Valentins Verhältnis zu seinen Töchtern eisig ist, verbindet Wecker mit seinen Söhnen ein inniges Vertrauensverhältnis, wie er im Interview mit spot on news erzählt.

Ihre Figur Valentin sagt im Film: "Musik ist mein Leben". Würden Sie das so unterschreiben?

Was Konstantin Wecker über sein Leben und "Die Kunst des Scheiterns" erzählt, können Sie in seiner Autobiografie nachlesen

Konstantin Wecker: Ich würde für mich sagen, dass die Lyrik und die Musik mein Leben sind. Die Verbindung zum Wort ist für mich schon extrem wichtig. Und das ist bei Valentin natürlich überhaupt nicht der Fall. Wir haben auch sehr darauf geachtet, dass er keine Kopie des Musikers Wecker ist, sondern wirklich eine ganz eigenständige Figur, die ich als Schauspieler bediene. Da steckt nicht unbedingt sehr viel Konstantin Wecker drin.

Das ist beruhigend, denn Valentin ist zwar liebenswert, aber manche Dinge kann man ihm nur schwer verzeihen. Müssen Sie eine Figur mögen, um sie zu spielen?

Wecker: Nein, allein dieses doofe graue Pferdeschwänzchen, das ich da trage, hab ich ihm nie verziehen. Aber im Ernst: Ich glaube nicht, dass man eine Figur mögen muss, die man spielt. Ich habe ja auch einmal einen SS-Mann gespielt, das war meine vielleicht spannendste Rolle. Den mochte ich nun ganz bestimmt nicht. Trotzdem macht es natürlich dann grade wieder Spaß, sowas zu spielen. In der SS-Uniform habe ich mich dann plötzlich wohl gefühlt, wenn ich sie anhatte.

Was war das für eine Erfahrung?

Wecker: Das war erschreckend. Das war eine erschreckende Erkenntnis, die mich zu der sicheren Überzeugung geführt hat, dass ich 40 Jahre Antifaschismus nicht nur nach außen, sondern auch gegen mich selbst betreibe, weil es in jedem von uns wohnt. Goethe hat mal so schön gesagt: "Ich habe niemals von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können." Und ich glaube, dessen sollte man sich immer bewusst sein. Es gibt nichts, was nicht auch in uns schlummert.

Gilt das auch für Spießigkeit? Haben Sie Spießiges in sich?

Wecker: Aber natürlich, auch das habe ich. Auch mein Kampf gegen das Spießertum, den ich ebenfalls seit 40 Jahren führe, ist ein Kampf gegen bestimmte Tendenzen in mir selbst. Ich bin allerdings mit einer Sache gesegnet: Mir wird es schnell zu idyllisch. Ich versuche dann, auszubrechen. Das ist ein automatischer Reflex bei mir. Weil ich der Idylle misstraue. In manchen Augenblicken ist sie sehr schön, aber sie darf nicht zu lange andauern. Das Wesen des Spießertums ist ja, dass man sich irgendwann in einem Weltbild einlullt und dann darauf verzichtet, zu rebellieren. Aber das muss man - auch gegen sich selbst.

Viele akzeptieren ja ab einem gewissen Punkt den Spießer in sich einfach. Sie haben sich nie damit abgefunden?

Wecker: Nein, aber das war ein automatischer Reflex, da habe ich nicht viel überlegt. In meinem Leben musste ich feststellen, dass das immer wieder passiert ist; irgendetwas in mir hat dann eben automatisch rebelliert. Vielleicht immer dann, wenn für mich die Selbstlügen begonnen haben. Schon vor 30 Jahren habe ich in einem meiner Lieder geschrieben: "Von all meinen großen Lieben ist mir nur eine treu geblieben, der Selbstbetrug." Damit stehe ich mit Sicherheit nicht allein auf der Welt. Aber man muss es erkennen. Letztendlich ist die Selbstreflexion eine der wesentlichsten und wichtigsten menschlichen Eigenschaften, die wir nie aufgeben dürfen.

Ist Ihnen das Spießertum denn zuwider?

Wecker: Nein, das nicht. Man kann sich ja in einem Spießertum zurechtfinden, warum nicht. Die Gefahr liegt letztendlich in der Grenze vom Spießer zum Mitläufer. Und wie wir alle wissen, ist Mitläufer zu sein nicht das, was wir in der Gesellschaft brauchen.

Ein Mitläufer waren Sie mit Sicherheit nie.

Wecker: Das war ich nie, nein. Man muss allerdings auch aufpassen, dass das Rebellische nicht wiederum zur Attitüde wird.

Man muss hierbei allerdings auch zwischen Rebellion und Provokation unterscheiden. Würden Sie sagen, dass Sie auch gerne provozieren?

Wecker: Absichtlich habe ich das nie gemacht, es ist mir aber passiert. Ich glaube, die bewusste Provokation ist sehr schnell durchschaubar. Für die ersten jungen Rockgruppen gehörte es schon zur PR, den Fernseher aus dem Hotelzimmerfenster zu schmeißen. Etwas anderes ist es, wenn man etwas aus einer ehrlichen Erkenntnis sagt und dadurch provoziert.

Dieter Hildebrandt ist vor wenigen Monaten gestorben. Nach seinem Tod haben Sie uns im Interview mitgeteilt, dass er in seinen letzten Jahren noch kämpferischer und radikaler geworden ist. Ist er in dieser Hinsicht ein Vorbild für Sie?

Wecker: Dieter ist in allen Punkten ein Vorbild für mich gewesen. Der Dieter ist der unbestechlichste Kollege, den ich in meinem Leben jemals kennengelernt habe. Ich fand das ganz toll, was für jugendliches Feuer ein so alter Mann - bei 86 Jahren kann man das ja durchaus sagen - geistig noch gehabt hat.

Werden Sie denn in seinem Alter auch noch so ein Feuer in sich haben?

Wecker: Das hoffe ich. Man muss auch das Glück haben, dann noch in einer Gesellschaft zu leben, in der man seine Meinung noch genauso offen äußern kann. Viele Leute fragen mich ja, ob ich nicht der Meinung bin, dass wir in einer Demokratie leben, weil ich so viel zu meckern habe. Ganz im Gegenteil: Eben weil wir in einer Demokratie leben, sollten wir immer wieder meckern, damit die Demokratie lebendig bleibt. Eine Demokratie ist eine kostbare Pflanze, auf die man aufpassen muss.

Thema Vorbildfunktion: Würden Sie sich selbst heute als Vorbild bezeichnen?

Wecker: Nein, selbst kann man das nicht. Als junger Mann hatte ich geradezu Angst, nicht mehr so frei leben zu können wie ich will, wenn ich plötzlich eine Vorbildfunktion habe. Ich habe immer versucht, das durch ungewöhnliche Dinge zu durchbrechen, die dann an meinem Vorbildcharakter sehr genagt haben. Heute sehe ich das ein bisschen anders. Ich bin kein Vorbild, aber ich sehe eine gewisse Verantwortung, wenn ich weiß, dass ich mit einem politischen Blog manchmal bis zu einer Million Menschen erreiche, sowohl Freunde als auch Gegner. Aber es wäre fatal, von sich selbst zu behaupten, man sei ein Vorbild.

Über ihre eigene Drogenvergangenheit haben Sie oft gesprochen. Haben Sie in Bezug auf ihre beiden Söhne Sorgen, dass diese eines Tages ebenso damit in Berührung kommen könnten?

Wecker: Was das betrifft, habe ich ehrlich gesagt nicht so viel Angst wie andere. Ich kann mit meinen Söhnen unglaublich offen darüber reden. Seit sie sehr klein waren, haben wir bei diesem Thema nichts verheimlicht; das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Deswegen haben wir da ein sehr offenes Verhältnis, was ich als großen Vorteil empfinde. Jemand mit meiner Vergangenheit kann natürlich nicht plötzlich anfangen, auf den Tisch zu hauen und jemanden zu verteufeln. Also wird das mit sehr viel Liebe passieren. Ich habe eher eine andere Angst. Ich habe Angst, dass sie in einer Gesellschaft groß werden, in der ihre sozialen Rechte immer mehr eingeschränkt werden. Was, wenn wieder ein Krieg kommt? Wir hatten jetzt 60 Jahre lang keinen; geschichtlich gesehen ist das sehr lange. Und übersensibel wie ich als überzeugter Friedensaktivist bin, höre ich zwischen Russland und NATO ein Säbelgerassel, das mir überhaupt keine Freude macht. Das ist meine größere Angst.

Ihre Ängste beziehen sich also eher auf äußere Umstände. Ihren Söhnen vertrauen Sie also?

Wecker: Absolut! Ich liebe sie bedingungslos und ich vertraue ihnen ohne Vorbehalt. Meine Söhne sind sehr bewusste junge Männer, die mir durch ihren Verstand und ihr Selbstbewusstsein große Freude bereiten.

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