Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte: Lars Eidinger: "Die Sehnsucht nach Polygamie ist groß"

Am Sonntag ist Lars Eidinger in "Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte" als Siegfried Wagner zu sehen. Als Sohn des großen Komponisten soll er das Werk fortführen, stattdessen zieht er sich aber lieber mit seinem Geliebten zurück.

Gestatten: Der Wagner-Clan. Isolde Wagner (Petra Schmidt-Schaller, l.), Cosima Wagner (Iris Berben), Siegfried Wagner (Lars Eidinger, vorne), Eva Wagner (Eva Löbau) und Houston Chamberlain (Heino Ferch) Bild: ZDF/Hannes Hubach

Nach der Ausstrahlung des sehr sehenswerten Familiendramas "Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte" am Sonntag um 20.15 Uhr im ZDF wird Lars Eidinger (38, "Alle anderen"), der in der Oliver-Berben-Produktion als Siegfried Wagner zu sehen ist, wieder ein paar Fans mehr haben. Der Nachrichtenagentur spot on news hat der Berliner erklärt, wie er es schafft, zu unterscheiden, wer an ihm und wer an dem Star Eidinger interessiert ist. Verraten hat der verheiratete Schauspieler und Vater einer Tochter auch, ob er sich in einen Mann verlieben könnte.

Was halten Sie von Machtmenschen?

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Lars Eidinger: Im Film spiele ich eine Figur, die sich der Macht beugt. In moralischer Hinsicht macht es die Figur aber keinen Deut besser. Das ist einfach die verbreitete Haltung, auf die die meisten Systeme wie Nationalsozialismus, Faschismus oder vielleicht sogar Kapitalismus bauen. Alles ertragen, nicht aufbegehren, sei's gegen Antisemitismus, Deportation oder eben die eigene Mutter. Insofern sind nicht unbedingt immer die Machtmenschen das Problem, sondern diejenigen, die sie gewähren lassen.

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Video: spot on news

Können Sie nachvollziehen, dass sich Siegfried Wagner beugt?

Eidinger: Ich habe schon Verständnis für die Zwänge, in denen sich ein Mensch wie er befindet. Auch würde ich mir nicht anmaßen, zu sagen, ich hätte mich anders verhalten. Man muss sich nur mal vorstellen, in so einer Zeit homosexuell zu sein, dem nicht nachgehen zu dürfen, und außerdem zu wissen, dass es strafbar ist. In dieser Gesellschaft und dieser Familie war das existenzgefährdend.

Wie man nach dem Outing von Fußballer Thomas Hitzlsperger sehen konnte, schlägt das Thema sogar heute noch hohe Wellen.

Eidinger: Und das extrem potenziert wäre das, was Siegfried Wagner entgegengeschlagen wäre, wenn er sich bekannt hätte. Undenkbar!

Glauben Sie, dass er ausschließlich schwul war oder ging es vielleicht um den Menschen Dorian (Vladimir Burlakov), weil er seine glücklichsten Momente im Film ja mit seiner Frau und den Kindern hat?

Eidinger: Klar, das gibt es schon auch, dass ein Mann jahrelang mit Frauen zusammen war und sich dann plötzlich in einen Mann verliebt und umgekehrt. Obwohl ich bisher keine Tendenz in diese Richtung habe, würde ich nicht kategorisch ausschließen, dass ich nicht auch einem Mann begegnen könnte, in den ich mich verlieben könnte. Ich glaube, man belügt sich selbst, wenn man sagt, mir könnte das nicht passieren.

Was halten Sie von dominanten Frauen?

Eidinger: Ich finde schon sehr interessant und bewundernswert, dass Cosima Wagner (Iris Berben) den Mut, die Kraft und Energie aufgebracht hat, sich in der damals so von Männern dominierten Gesellschaft zu behaupten. Das ist für uns heute selbstverständlicher, aber in der damaligen Zeit war es natürlich eine unglaubliche Innovation, dass eine Frau das Erbe eines so wichtigen Mannes vertritt.

Warum tolerieren die Ehefrauen in dem Film das Fremdgehen der Männer so sehr?

Eidinger: Richard Wagner (Justus von Dohnányi) erklärt es seiner Frau im Film so: "Ich bin ein Gigant, ich muss Frauen lieben. Hör auf mit diesem bürgerlichen Gehabe." Das ist lustig und provokant, aber im Grunde genommen kann ich es nachvollziehen, weil ich schon auch merke, wie schwer sich Menschen in meinem Umfeld mit dem Gesellschaftsmodell Monogamie tun und wie groß dann doch auch die Sehnsucht nach Polygamie ist, was in der Regel zu Konflikten führt.

Worin unterscheidet sich Wagners Fremdgehen von dem seines Schwiegersohnes Franz Beidler (Felix Klare)?

Eidinger: Richard Wagner lebt diese Freiheit, die Anarchie, das ständige Einfordern von Rebellion und seine Triebhaftigkeit, die er natürlich auch braucht, um die Musik schreiben zu können, offen und ehrlich aus. Im Gegensatz dazu betrügt Franz Beidler seine Frau Isolde (Petra Schmidt-Schaller) heimlich, feige und somit eher kleingeistig.

Auch Sie haben inzwischen viele Fans. Wie schaffen Sie es, zu unterscheiden, ob jemand an Ihnen oder an dem Star interessiert ist?

Eidinger: Ich kann das ganz gut trennen, weil ich weiß, dass es viel um Projektion geht. Die wenigsten kennen mich privat, die meisten kennen eher die Summe der Charaktere, die ich verkörpert habe. Sogar in Interviews spielt man ja eine Form von Rolle (lacht).

"Ist Erfolg ein Maßstab für den Wert eines Kunstwerkes?", fragen Sie Cosima Wagner im Film. Was denken Sie?

Eidinger: Wichtig ist mir zu allererst, dass ich selbst mit der Umsetzung zufrieden bin. Auf diese Weise bin ich auch unabhängig von den Kritiken, vor denen ich früher große Angst hatte, weil Kritiker für mich so eine anonyme Instanz einer allwissenden Geschmackspolizei waren. Inzwischen kenne ich viele persönlich, verstehe den anderen Blickwinkel und jetzt lese ich Kritiken auch wieder.

"Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte" tritt gegen den "Tatort" an. Gegen welches Team könnte es am schwersten werden?

Eidinger: Ich hoffe nicht, dass wir gegen Nora Tschirner und Christian Ulmen antreten müssen, die fand ich super (lacht).

spot on news

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