Sexualaufklärung Dr. Sommer ist tot

Offene Worte statt prüde Tabus: Dr. Sommer hat die Bravo zum Aufklärungsmagazin gemacht. Martin Goldstein, der Liebe und Sexualität zum Thema machte, ist nun im Alter von 85 Jahren gestorben.

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Er war «Dr. Sommer», ihm vertrauten sich tausende Teenager an: Martin Goldstein wurde 85 Jahre alt. Der Sexualaufklärer, Autor und Psychotherapeut starb in einem Hospiz in Düsseldorf nach langer schwerer Krankheit, teilte seine Familie am Freitag mit. 15 Jahre lang beriet er in Deutschlands größter Jugendzeitschrift Bravo die junge Leserschaft in Fragen von Liebe, Sex und Zärtlichkeit.

Noch vor zwei Jahren unterhielt sich news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier mit Martin Goldstein darüber, wie sich die Sexualität von Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Der damals 83-Jährige erwies sich als überaus spannender, aber auch recht sperriger Gesprächspartner.

Es war 1969, als der damalige Bravo-Chefredakteur anrief, weil er Goldsteins Aufklärungsbuch Anders als bei Schmetterlingen gelesen hatte. Bis dato war in dem Heft kaltes Duschen gegen Onanie empfohlen worden. Goldstein sollte diese Rubrik übernehmen und modernisieren. Er willigte ein: «Ich wollte die Jugendlichen direkt erreichen.»

Goldstein: Briefe müssen unverklemmt beantwortet werden

Sexualität war damals noch stark tabuisiert und die Teenager blieben mit ihren ganz konkreten, praktischen Fragen zur Sexualität oft allein. Schnell gingen tausende Briefe wöchentlich in der Redaktion ein und ein ganzes Team musste eingestellt werden, um sie nach Goldsteins Vorgaben «unverklemmt» zu beantworten.

Zweimal stand die Bravo 1972 wegen Dr. Sommer auf dem Index. Als Goldstein die Selbstbefriedigung enttabuisierte, befanden die staatlichen Jugendschützer in ihrer unnachahmlichen Art: «Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.»

Dabei hatte der Junge, der später Dr. Sommer werden sollte, selbst keine richtige Jugend. Wegen seines jüdischen Vaters wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt. Der Vater wurde ins Konzentrationslager verschleppt, die evangelische Mutter schaffte es, ihren Sohn aus einem Zwangsarbeiterlager in Sachsen zu holen. In einem Versteck im Wald bei Bielefeld überlebte er das Dritte Reich: «Ich hatte Angst vor der Gestapo, nicht vor dem Geschlechtsverkehr», sagte er viel später. Goldstein brauchte 50 Jahre, um über diese Erlebnisse sprechen zu können.

Er selbst hatte mit 23 erstmals intimen Kontakt

Er wurde zum Aufklärer der Jugend, ohne selbst je aufgeklärt worden zu sein. «Mit 23 Jahren hatte ich das erste Mal näheren Kontakt zu einer Frau», erzählte er - im Präparierkurs an der Universität. «Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge.» Goldstein studierte damals Medizin.

Danach wurde Goldstein aber nicht Arzt, sondern Leiter einer evangelischen Anlaufstelle für Jugendliche in Düsseldorf. Die Tabus, die seine eigene Pubertät zur Qual gemacht hatten, waren allgegenwärtig. Goldstein hatte das Thema seines Lebens gefunden.

15 Jahre lang, bis 1984, arbeitete Goldstein als «Dr. Sommer». Die Jugendlichen wüssten heute vielleicht mehr, aber sie seien noch genauso unsicher. «Kann ich schwanger werden, wenn ich Sperma schlucke?», hätten Mädchen damals gefragt. Heute heiße es eher: «Wie viele Kalorien hat Sperma? Werde ich davon dick?»

Ab 1975 war Goldstein ärztlicher Psychotherapeut in der eigenen Praxis in Düsseldorf. Die letzten 15 Jahre seiner Praxis arbeitete er fast nur noch mit männlichen Klienten. 2000 ging er in den Ruhestand. Goldstein war Mitbegründer des Männerhauses Hilden. Sein letztes Buch Teenagerliebe erschien 2009. Goldstein lebte zuletzt mit seiner Lebensgefährtin in einer Wohngemeinschaft in Kaarst bei Düsseldorf.

zij/loc/news.de/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Elster
  • Kommentar 1
  • 01.09.2012 10:03

Die letzte Adresse ist der Friedhof ,auch für Dr. Sommer .

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