Jackson-Prozess 17 unverzeihliche Fehler

Steven Shafer    (Foto)
Anästhesist Steven Shafer erhob schwere Vorwürfe gegen den Leibarzt von Michael Jackson. Bild: dapd

Von Barbara Munker
Für Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray könnte es eng werden: Vier Wochen lang hat die Anklage schweres Geschütz im Prozess gegen ihn aufgefahren. Und jetzt hat ihm ein Narkosespezialist vor Gericht schwerwiegende Fehler vorgeworfen.

Michael Jackson sprach schlicht von seiner «Milch», wenn der Sänger zum Einschlafen das starke Narkosemittel Propofol verlangte. Die zwölf Geschworenen, die das letzte Wort über die Umstände und die Schuldigen am Tod des Popstars haben werden, kennen inzwischen jede Eigenschaft des Mittels. Wie schnell es wirkt, wie viel Milligramm zum Tode führen, wie es sachgemäß bei Operationen verwendet wird. Der Gerichtssaal in Los Angeles, wo der Herzspezialist Conrad Murray wegen fahrlässiger Tötung vor dem Richter steht, gleicht zeitweise einem Labor oder Krankenzimmer, mit Tropfständern, Diagrammen und Infusionsbeuteln.

Am 25. Juni 2009 war Jackson laut Autopsiebericht an einer Überdosis Propofol im Mix mit Beruhigungsmitteln gestorben. Seit Ende September fährt die Anklage scharfes Geschütz auf, um zu beweisen, dass Murray «grob fahrlässig» seinen Tod herbeiführte. Als 33. und voraussichtlich letzter Zeuge ging der Narkose-Experte Steven Shafer am Donnerstag hart mit dem Mediziner ins Gericht. Murray sei «für jeden Tropfen Propofol in (Jacksons) Zimmer» und damit «direkt» für dessen Tod verantwortlich. Als «verrücktes Szenarium» tat der renommierte Anästhesist die Theorie der Verteidigung ab, dass sich Jackson das Mittel möglicherweise selbst spritzte, als sein Arzt nicht im Raum war.

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Die Schlinge zieht sich zu

Mit aufgeregter Stimme hielt Shafer seinem Kollegen 17 «unverzeihliche» und «ungeheuerliche» Fehler vor, von falscher Wiederbelebung bis zu dem Umstand, dass Murray nicht sofort den Notarzt rief, als er Jackson leblos in seinem Bett vorfand. Über die massive Medikamentensammlung, die im Körper und im Haus des Sängers gefunden wurde, wetterte der Zeuge: «Wir sind hier in einem pharmakologischen Never Never Land. So etwas wurde meines Wissens nur mit Michael Jackson und sonst mit niemandem gemacht.»

Während die Vorwürfe auf den Zwei-Meter-Mann Murray niederprasseln und es so wirkt, als würde sich die Schlinge zuziehen, schaut der 58-Jährige meist regungslos in die Gerichtskameras. Der Arzt hatte im Polizeiverhör gesagt, er habe Jackson nur eine kleine, harmlose Menge Propofol gespritzt. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm bis zu vier Jahre Haft.

Rund 15 Zeugen will die Verteidigung in den nächsten Tagen ins Feld führen, darunter einen Narkose-Experten, der einst eng mit Shafer arbeitete. Vor Gericht könnte es zu einem spannenden, medizinischen Duell kommen.

Die Strategie der Verteidigung gibt noch Rätsel auf. Vor wenigen Tagen überraschten Murrays Anwälte mit einer radikalen Kehrtwende: Sie räumten ein, dass Jackson durch heimliches Trinken von Propofol nicht sterben konnte. Das hätten neue Studien gezeigt. Das Narkosemittel wird Patienten normalerweise direkt in die Vene geleitet. Sie könnten argumentieren, dass Jackson sich selbst Propofol spritzte oder dass er zu anderen Tabletten griff, die den plötzlichen Tod herbeiführten.

Die Verteidigung dürfte es gegen das Aufgebot von 33 Zeugen der Anklage schwer haben. Glaubt man den Aussagen der Rettungssanitäter, Notärzte, Jacksons Hausangestellten und Freundinnen des Arztes, so hat Murray seinen Patienten am Narkosetropf aus den Augen gelassen und telefoniert, dann in heller Panik eine mögliche Wiederbelebung verpatzt, Spuren vertuscht und erst viel zu spät den Notarzt gerufen.

Die Kinder sagen nicht aus

Eine Aussage blieb den sieben Männern und fünf Frauen der Jury allerdings erspart. Prince, der älteste Sohn des Sängers, der zusammen mit seiner Schwester Paris das dramatische Ende seines Vater hautnah miterlebte, wurde nicht in den Zeugenstand gerufen. Keines der drei Jackson-Kinder hat bisher den Gerichtssaal betreten. Doch fast jeden Tag sind einige Geschwister und oft die 81-jährige Mutter des Sängers dabei. Katherine Jackson, die ihre Enkel aufzieht, brach mehrmals in Tränen aus.

Schon zweimal musste sie sich die verzerrte, stammelnde Stimme des Verstorbenen anhören. Die Anklage spielte eine Unterhaltung vor, die Murray mit seinem medikamentensüchtigen Patienten rund sechs Wochen vor dessen Tod aufgezeichnet hatte. Noch größer war der Schockeffekt, als im abgedunkelten Gerichtssaal ein Foto des Popstars - bleich und leblos auf einer Trage - aufleuchtete. Auch ein Autopsiefoto legte die Anklage vor. Jackson liegt nackt auf einem Tuch, sein Intimbereich ist mit schwarzen Balken unkenntlich gemacht. An seinem dünnen Körper sind Verbände und Kanülen angebracht.

War er das Opfer eines gewissenlosen Arztes, der ihn mit Medikamenten vollpumpte, oder war er selbst der Täter, der heimlich zu seiner «Milch» griff? Ein bis zwei Wochen könnte sich der Prozess noch hinziehen, dann muss die Jury entscheiden.

car/news.de/dpa

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