Günther Maria Halmer Über Alzheimer und Selbstmord

Über Alzheimer und Selbstmord (Foto)
Günther Maria Halmer Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Julia Pfeifer
Im neuen Münchner Tatort geht es um Alzheimer, das aufgrund des Sachs-Selbstmordes so aktuell ist wie nie. News.de sprach mit Günther Maria Halmer, der im Film einen dementen Mordverdächtigen spielt, über die tückische Krankheit.

Herr Halmer, was bedeutet der Tatort-Titel Gestern war kein Tag?

Günther Maria Halmer: Das ist ein Satz, den ich im Film sage und der sehr schön das Demenz-Problem benennt, ohne zu platt zu werden. Meine Figur sagt: «Gestern war kein Tag. Gestern ist mein Sohn gestorben.» Er kann sich nicht mehr an den Tag an sich erinnern, nur an den Tod des Sohnes.

Wie bereitet man sich auf dieses schwierige Thema vor?

Halmer: Ich habe Material von meinem Regisseur bekommen und mich mit ihm besprochen. Und ich habe Interviews mit Betroffenen gelesen. In Erinnerung geblieben ist mir eines aus dem Spiegel. Der Journalist hat mit einem von Demenz Betroffenen gesprochen und anfangs nicht bemerkt, dass sein Gegenüber an der Krankheit erkrankt ist. Erst im Verlauf des Gespräches, als sein Interviewpartner immer seltsamer reagiert - zum Beispiel einfach plötzlich aufsteht und für eine Stunde verschwindet - wird ihm das klar.

Alzheimer
Vom Rampenlicht in die Vergessenheit

Hängt diese Rolle nach Drehschluss noch nach?

Halmer: Dazu bin ich zu lange dabei. Ich beschäftige mich mit der Rolle wie ein Maler mit einem Bild. Wenn ich die Beschäftigung beendet habe, kann ich auch über andere Dinge reden. Ich bin dann nicht schwermütig und deprimiert. Natürlich kann es schon mal sein, dass, wenn man eine schlecht gelaunte Figur spielt, man nach Hause kommt und in Ruhe gelassen werden will. Aber die Rolle bringt man in der Regel nicht wie eine Akte mit nach Hause und arbeitet am heimischen Schreibtisch daran weiter. Man hakt das schnell ab. Mit Kollegen spricht man natürlich schon darüber, aber dann geht es um fachliche und nicht um seelische Probleme, die eine Rolle mit sich bringt.

Sind Sie in Ihrem Umfeld schon einmal mit Demenz konfrontiert worden?

Halmer: Wenn man älter wird, hat man zunehmend Bekannte, deren Eltern mit dem Thema Alzheimer konfrontiert werden. Die erzählen dann natürlich von den Problemen, die das mit sich bringt.

Wie schwer war es für Sie, den an Demenz erkrankten Max Lasinger zu spielen?

Halmer: Monica Bleibtreu hat ihre Figur in Marias letzte Reise, wo sie eine krebskranke Frau spielt, mal als «dankbare Rolle» beschrieben, weil man mit einem solchen Schicksal sofort die Herzen der Menschen gewinnt. Spielt man einen normalen gesunden Menschen, sind die Zuschauer weniger beeindruckt.

Heißt das, man muss sich als Schauspieler für komplizierte Rollen gar nicht so ins Zeug legen?

Halmer: Das muss man natürlich schon. Aber es ist einfacher, weil man von vornherein eine schrille Nummer spielt. Wenn sich eine Figur merkwürdig verhält, sorgt sie für Aufmerksamkeit und ist automatisch spannender.

Man sieht das ja auch bei den Oscar-Preisträgern. Behinderungen, Drogenprobleme oder Krankheiten kommen immer gut an ...

Halmer: Es gewinnt auch kaum eine Komödie einen Oscar. Der Mensch neigt dazu, ein schweres Thema als wahres Thema anzusehen. Wir Deutschen mögen es ja auch gern ernst. In diesem Sinne ist meine Rolle in Gestern war kein Tag also eine dankbare Rolle.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Günther Maria Halmer über Selbstmord bei Alzheimer denkt

Die Kommissare Batic und Leitmayr sprechen vom Freitod als Ausweg aus der Demenz- bzw. Alzheimer-Erkrankung - wegen des Selbstmordes von Gunther Sachs ein sehr aktuelles Thema. Was sagen Sie dazu?

Halmer: Ich bin katholisch aufgewachsen und für mich ist der Freitod schon eine harte Nummer. Bei uns im Ort gab es einen 92-jährigen Mann, der sterben wollte, aber nicht konnte. Da hat er sich mit 92 Jahren tatsächlich umgebracht. Ich fand es schon grauslich, dass sich jemand in diesem hohen Alter umbringt. Wenn man einen Zettel bekommt, auf dem steht: A) Wollen Sie lange leben und Alzheimer haben? Oder B) Wollen Sie früher sterben? Dann werden wohl fast alle das Kreuzchen bei B) machen.

Haben Sie sich beim Drehen über das Alter und die Folgen Gedanken gemacht?

Halmer: Selbstverständlich. Das ist nicht das Thema eines 20-Jährigen sondern eines älteren Menschen. Wenn man älter wird, macht man sich sowieso über alles mögliche Gedanken. Da fragt man sich, ob der neue Leberfleck ein Melanom ist oder ob die Bauchschmerzen nicht sogar ein Magengeschwür bedeuten. Und klar, man denkt auch an Alzheimer und an Pflege.

In Gestern war kein Tag kümmert sich eine illegal in Deutschland lebende Frau um den alten Max Lasinger, weil sich die Familie keine andere Pflege leisten kann. Wie stehen Sie dazu?

Halmer: Jemand, der an Alzheimer erkrankt ist, muss 24 Stunden beobachtet werden, was wahnsinnig anstrengend ist. Daher ist es für mich verständlich, dass die Familie jemanden holt, der das mit Liebe macht und wenig kostet. Heime sind auch wahnsinnig teuer. Außerdem nehmen die ja auch nicht jeden an. Es gibt Demenz-Patienten, die sehr aggressiv sind und um sich schlagen. Die werden von den Heimen abgelehnt.

Wie sieht denn für Sie der perfekte Lebensabend aus?

Halmer: So wie er ist. Ein bisschen Lesen, ein bisschen Urlaub, ein bisschen Arbeiten. Wenn man noch mitmachen darf mit der arbeitenden Bevölkerung, dann ist das schön.

Die von Ihnen verkörperte Figur kennt sich sehr gut bei den Heiligen aus? Wie halten Sie es denn mit der Religion?

Halmer: Ich war Ministrant und habe gebeichtet bis ich 13 Jahre alt war. Seitdem komme ich mit meinen Sünden allein klar. Es ist so, wie bei allen vernünftigen Menschen: Als Kind ist man geprägt von der Religion. Dann kommt der Verstand hinzu und man beginnt zu zweifeln.

Ihre Filmfigur ist Löwen-Fan. Welcher Verein ist Ihrer: Bayern oder 1860?

Halmer: Wer ein 1860er Fan ist, muss ein Masochist sein, muss leiden können. Ich bin eher ein Genießer und schaue, wie sie spielen. Wenn sie gut spielen, bin ich ein Fan. Spielen Sie schlecht, bin ich kein Fan. 

Günther Maria Halmer (geboren 1943) ist ein deutscher Schauspieler, der sowohl fürs Theater als auch für Kino und Fernsehen arbeitet. Den deutschen Fernsehzuschauern ist er aus zahlreichen Serien bekannt. Darüber hinaus spielte er in internationalen Filmproduktionen wie Gandhi und Peter der Große an der Seite von Omar Sharif, Ben Kingsley und Maximillian Schell. 1986 war er ein einziges Mal als Münchner Tatort-Kommissar Sigi Riedmüller zu sehen.

Tatort - Heute ist kein Tag, am 05.06.2011 um 20.15 Uhr  im Ersten

wie/news.de

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