Rolf Zacher «Die Zivilisation geht doch nach hinten los»

Vor der Kamera gibt er gern den Unangepassten, Figuren am Rande der Gesellschaft: Rolf Zacher. Doch eigentlich gehört sein Leben schon immer der Musik. Dies betont er im Gespräch mit news.de. Heute feiert der Charakterkopf seinen 70. Geburtstag - und blickt zurück auf ein bewegtes Leben.

Rolf Zacher (Foto)
Rolf Zacher feiert seinen 70. Geburtstag. Bild: dpa

Er ist der ewige Ganove - jedenfalls im Film: Rolf Zacher. Doch auch sein reales Leben verlief unkonventionell. Heute, am 28. März, wird er 70 Jahre alt. Nach der Schule machte er eine Bäcker- und Konditorenlehre. Anfang der 1960er Jahre ging er dann zum Film. Seine Spanne reicht vom Arthouse-Epos Berlin Alexanderplatz über den Tatort bis zur Telenovela Rote Rosen. Für seine Darbietung in Endstation Freiheit wurde er 1982 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

Später saß er mehrfach im Gefängnis, war heroinabhängig. Seit Jahrzehnten macht er Yoga - und Musik. Unter anderem trat Zacher mit der Rockband Amon Düül II auf, 2005 stand er in dem Ramones-Musical Gabba Gabba Hey auf der Bühne. Für etwas Besonderes hält er sich nicht, versteht sich eher als Volksschauspieler ohne Stargehabe.

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Derzeit schreibt der Charakterkopf ein Buch - «über den Sinn und den Unsinn des Lebens». Welche Bedeutung Sinnlichkeit und Neugier im Leben haben, erzählt er im Gespräch mit news.de. Und wie langweilig dies doch ohne Grenzerfahrungen wäre. Dabei spricht Zacher sehr ruhig und langsam. Manchmal flüstert er gar.

Herr Zacher, wie alt fühlen Sie sich?

Rolf Zacher: 70 - das war für mich eigentlich immer schon scheintot.

Aber so fühlen Sie sich jetzt nicht?

Zacher: Nee, überhaupt nicht. Nee, ich bin ja Musiker - schon mein Leben lang. Und die bleiben jung. Das sieht man doch an den Musikern des Buena Vista Social Clubs auf Kuba zum Beispiel.

Die auch gern mal 80, 90 Jahre alt werden.

Zacher: Exactly. Das ist es ja.

Ist das Alter für Sie dann überhaupt ein Thema oder ist Ihnen das völlig egal?

Zacher: Sagen wir mal so: Ich merke, dass ich schon 70 Jahre auf dieser Welt bin. Und dass ich auch so einiges mitgekriegt habe.

Was meinen Sie?

Zacher: Naja, wie viel und was man im Leben so mitgenommen hat - und eben nicht nur vorbeigelebt hat. Aber für mich ist das jetzt kein Schnitt, nur weil da die 70 steht. Das ist halt eine runde Zahl und alle machen so ein Remmidemmi darum. Aber ich feiere meinen Geburtstag eigentlich nie. Nur meinen 50. habe ich damals gefeiert. Aber das hat meine Freundin alles veranstaltet. Und ich war dann mittendrin. In Köln war das, und ich kannte kaum jemanden. 30 Leute hat sie eingeladen. «Ich kenne die doch gar nicht», habe ich gesagt. «Ja, aber die kennen dich. Und die lieben dich alle», meinte meine Freundin. Na, das ist doch wunderbar.

Aber ist das nicht irgendwie auch ein etwas komisches Gefühl, wenn es heißt: «Die lieben einen.» Und man kennt diese Menschen gar nicht?

Zacher: Nee, das geht mir ja dauernd so. Ich treffe Leute auf der Straße und die sagen: «Herr Zacher, wir lieben Sie.» Die kommen aus allen Schichten. Und ich frage dann immer, warum sie mich so mögen? «Weil Sie so authentisch sind.»

Und Authentizität war Ihnen immer wichtig. Dieses Unkonventionelle, das Sie verkörpern, ist ja auch kein Programm. Das sind Sie, oder nicht?

Zacher: Genau so ist das. Auch wenn ich auf der Bühne bin. Dann merke ich, wie die Leute zuhören - wenn ich über Sinnlichkeit und Innehalten rede und singe. Was wir eigentlich alle machen sollten. Vor allem jetzt in dieser Zeit.

Wieso gerade in dieser Zeit?

Zacher: Na, wegen des ganzen Atomwahnsinns. Das muss ja mal aufhören. Das schaffen wir nur, wenn wir uns alle neu entdecken auf dieser Welt. Da bleibt uns gar nichts anderes übrig. Das sind wir unseren Kindern schuldig. Weg von der Übersättigung. Wer braucht denn das alles? Wir brauchen es doch nur, weil wir so vollgestopft sind mit Technik, mit Industrie, mit Elektronik. Das ist doch Wahnsinn diese Übertechnologisierung. Da geht die Sinnlichkeit verloren.

Was bedeutet denn für Sie Sinnlichkeit? Was macht diese aus?

Zacher: Alle fünf Sinne, die wir haben. Wenn wir die alle in Funktion setzen, dann kann gar nichts passieren - auch mit der Welt. Dann merken wir, dass wir zu schnell fahren. Dass wir zu schnell essen, zu schnell kauen. Dass wir im Überfluss leben - und die Hälfte der Welt verhungert. Wir müssen innehalten. Innehalten ist ein wunderbares Wort. Wir müssen die Sinne spüren - laufend. Es ist wichtig, bewusst zu essen: nicht nur dreimal kauen und runterschlucken. Die Zivilisation geht doch nach hinten los. Das ist ja keine Evolution. Mit der Erotik ist es genau dasselbe. Guck dir mal an: Die wichsen heute alle nur aufs Internet. Und wo das hingeführt hat.

Aber Sie beziehen Sinnlichkeit jetzt nicht nur auf das Zwischenmenschliche, das Sexuelle.

Zacher: Nee, überhaupt nicht! Die Sinnlichkeit wird immer leicht nur auf die Erotik bezogen. Aber die Sinnlichkeit ist ja beim Essen, beim Gehen, beim Laufen, bei jeder Bewegung von Bedeutung. Wie die fernöstlichen Kulturen sagen: Der Weg ist das Ziel. Nur nehmen wir unsere Sinne gar nicht mehr wahr. Neben der Autobahn stehen diese Schilder: «Besonnen sein.» Aber das kann keiner lesen, weil wir alle daran vorbeirasen.

Ihnen geht es also um die Wiederentdeckung der Langsamkeit.

Zacher: Genau!

Haben Sie diese für sich bereits entdeckt?

Zacher: Ja, schon seit Jahren. Die Erlebnisse, auch meine Grenzgänge - bei all dem kannst du dich immer wieder beobachten. Ich meditiere ja auch seit der Hippiezeit. Und mache seit vielen Jahren Yoga. Man bezeichnet mich immer als Berufsverrückten. Aber ich habe alle überlebt: ob das Rainer Werner Fassbinder ist oder Diether Krebs, Bernd Eichinger jetzt auch noch. Weil sie alle nicht die Bremse ziehen. Und gefangen sind in diesem Überfluss.

In Ihren Filmen spielen Sie häufig zwielichtige Milieutypen und Ganoven. Doch auch im realen Leben gelten Sie als Rebell und Grenzgänger.

Zacher: Aber das liegt daran ... das ist wie immer wieder bei Fritz Wepper: von wegen «Kommissar Klein, holen Sie mal den Autoschlüssel.» Oder wie war das?

«Harry, hol schon mal den Wagen.»

Zacher: Ja genau. Oder Klausjürgen Wussow aus der Schwarzwaldklinik. Den haben Sie auf der Straße immer nach Rezepten gefragt. (lacht)

Sie sind also auch im realen Leben dieser unkonventionelle Typ, der immer wieder das Extreme sucht?

Zacher: Aber das ist Hamlet ja auch gewesen.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Fehler Rolf Zacher in seinem Leben wieder machen würde.

Und Sie sagen, dass Sie aus diesen Grenzgängen viele Erfahrungen gezogen haben.

Zacher: Ja. Klar, das kann jeder Mensch.

Das heißt, Sie bereuen nichts?

Zacher: Nee.

Sie waren mehrfach im Gefängnis, lange Zeit heroinsüchtig.

Zacher: Ja, aber das ist doch alles 40 Jahre her. Nur, da spricht man immer drüber. Wenn ich jetzt 40 Jahre auf Alkohol wäre, da würde keiner drüber reden. Das kommt nur, weil es ein exotisches Ding ist. Das ist eigentlich alles. Es ist ein Politikum. Also, ich meine: Jedes Land hat seine Genussmittel. Und Genussmittel können alle zur Droge werden. Vom Zucker angefangen.

Das heißt, für Sie war es wichtig, immer wieder gewisse Grenzen auszutesten?

Zacher: Ja. Ohne Grenzen auszutesten, ist es doch langweilig. Das wäre genauso, als ob du immer nur die Hauptstraße entlang gehst, und die Nebenstraßen guckst du dir gar nicht an, wenn du in einer fremden Stadt bist.

Wobei man dort meistens die interessantesten Dinge und Orte entdeckt.

Zacher: Genauso ist es. Auch menschliche Begegnungen - überall. Man darf eben nicht nur daran vorbeigehen, sondern darauf zu - auch auf die Menschen. Und das mache ich, besonders auch durch die Musik. Und dass ich bei diesem so genannten extremen Leben überlebt habe, kommt nur daher, weil ich auch immer aus jedem sogenannten Missgeschick, aus jeder extremen Situation, die man selber herbeigeführt hat, gelernt habe. Da passiert dann immer etwas. Man darf sich nur nicht bemitleiden.

Sie haben gerade von Missgeschicken gesprochen, andere würden diese vielleicht als Fehler bezeichnen. Welche würden Sie denn wieder machen?

Zacher: Nee. Fehler, das klingt mir schon wieder zu sehr nach Leistungsprinzip.

Okay, sagen wir es so: Auf welche Missgeschicke würden Sie sich denn wieder einlassen?

Zacher: Auf jedes … das kommt. Ich meine, es sind ja auch Herausforderungen. Situationen, in denen man sich neu entdecken muss.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie sich schon ein wenig wundern, dass Sie angesichts Ihres Lebenswandels so weit zurückblicken können - also eben 70 Jahre.

Zacher: Ach, das mit dem Lebenswandel wird auch immer so heroisiert, immer so spektakulär dargestellt. Für mich waren das einfach normale Wege, die ich gehen musste im Leben. Das kommt durch meine Neugier. Wenn du neugierig bist und dich traust, Dinge zu tun, die andere nicht tun. Das fing schon in der Schule an. Als ich 14 war oder so. Ich musste mit dem Bus von der Schule nach Hause fahren. Meine Mitschüler sind auch alle mit dem Bus gefahren. Ich bin allerdings zu Fuß gegangen, bin die Straße lang gelaufen und habe die Handwerker beobachtet: Ob das ein Schuster war oder Schneider, man konnte ja überall reingucken. Beim Bäckermeister bin ich nach hinten in die Backstube gegangen - der fand mich prima. Die wollten damals schon, dass ich da gleich anfange. Weil mich das alles so sehr interessiert hat.

Zuhause hatte ich dann Ärger mit meiner Mutter. Aber ich habe viel gesehen und viel gelernt. Das war eben schon immer mein Weg. Ich wollte nie etwas Besonderes sein. Wenn, dann kann man etwas nur besonders gut machen. Man ist jedoch nichts Besonderes. Mein Großvater hat mir früher gesagt: Rolf, mach in deinem Leben immer Qualität. Egal, was du machst, mach alles bewusst und mit einem gewissen Vergnügen.

Es ist Ihnen aber schon wichtig, auf dem Boden zu bleiben? Und Sie sehen sich selbst eher als Volksschauspieler?

Zacher: Natürlich, das wollte ich auch immer sein. Ich wollte nicht so ein Star werden, der sich sein Leben lang nur durch sein Star-Sein definiert und sich auf seinem Ruhm ausruht. Das ist langweilig und dämlich. Früher als ich zum ersten Mal erkannt wurde, habe ich so getan, als würde ich es nicht merken. Wie alle anderen Schauspieler das auch machen auf dieser Welt. Aber dann habe ich mir gesagt: So, das machst du nicht mehr. Sondern ich zeige jedem, der mich erkennt, dass ich ihn auch erkenne - als den, der mich erkennt. Dann kriegst du Power zurück, den ganzen Tag. Liebe geben und Liebe bekommen, das ist das, was ich will. Und das habe ich erreicht.

Wollen Sie sich künftig überwiegend auf die Musik konzentrieren?

Zacher: Ja, unbedingt. Ich habe in mehr als 250 Filmen und Fernsehspielen mitgewirkt. Also mein Bedarf ist eigentlich gedeckt.

Wie nehmen Sie den heutige Film wahr? Gibt es etwas, das Sie vermissen - oder bei den jüngeren Kollegen? Etwas, das Ihre Schauspieler-Generation damals hatte und die heutige nicht mehr hat?

Zacher: Nee, die jungen Schauspieler haben ja gar keine Möglichkeit, tolle Sachen zu spielen, sich auszuprobieren. Die gehen ja meistens in irgendwelche Serien, damit sie Arbeit und Geld haben, um leben zu können. Ich habe diese ganze Jungfilmzeit mitgemacht. Ich war New-Wave-Star. Und danach bin ich halt Film- und Fernsehstar geworden. In dieser Zeit habe ich wahnsinnig viel gelernt. Wir konnten experimentieren, konnten noch politische Sachen machen oder kryptische. Und das gibt es so ja heute gar nicht mehr.

Sie haben mit Regisseuren wie Reinhard Hauff, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und Oskar Roehler gedreht. Gibt es Filmemacher, mit denen Sie gern noch arbeiten würden?

Zacher: Mich interessieren die Leute, die mit mir arbeiten möchten. Ich werde, so lange ich lebe, Musik machen und auf der Bühne sein. Aber wenn ein guter Film kommt, dann mache ich den auch. Und wenn es gutes Fernsehen ist, dann mache ich das auch noch. Das heißt ja nicht, dass ich jetzt komplett weggehe davon. Aber mein Hauptinteresse gilt der Musik.  Das war eigentlich schon immer so. Und durch irgendwelche Filme, die dann immer wieder dazwischen gekommen sind, habe ich ganz viele Musikprojekte beendet.

Am 25. März wurde Rolf Zachers Album Latest Hits noch einmal veröffentlicht. Zudem arbeitet er derzeit an einem neuen Langspieler: Die Lieder will er im April aufnehmen, im September soll die Platte erscheinen. Im Anschluss ist eine Tournee geplant.

krc/sua/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Brasilianer
  • Kommentar 1
  • 28.03.2011 14:35

Das war mal ein interessantes Interview mit viel Hintergrund ein Mensch der auch in seinem Leben Fehler machte - aber heute klare Sicht hat natürlich sollte er nicht falsch verstanden werden sicher meint er nicht das die modere Entwicklung aufgehalten werden soll aber im Leben nachzudenken auch an vieles ruhiger heranzugehen dh auch geniesen ,nach Harmonie streben und Grenzen einzuhalten . Ich denke mit 70 hat man schon Erfahrung u.kann da einiges weitergeben. Auf alle Fälle kann man Herrn Zacher noch viele Jahre mit Glück u. Freude vor allem Gesundheit wünschen.

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