Fall Kachelmann Der Schlagabtausch der Psychiater

Im Prozess gegen Jörg Kachelmann hat der gerichtlich bestellte Gutachter Zweifel daran, dass das angebliche Vergewaltigungsopfer nur lückenhafte Erinnerungen hat. «In der Regel werden traumatische Ereignisse besonders gut erinnert.»

Kachelmann-Prozess (Foto)
Die Hauptverhandlung im Fall Kachelmann wird sich voraussichtlich noch bis Mai hinziehen. Bild: dapd

Der Psychiater Hans-Ludwig Kröber aus Berlin widersprach damit ausdrücklich den Angaben des Heidelberger Traumatologie-Professors Günter Seidler, dass sich Opfer später nicht mehr gut an das traumatisierende Ereignis erinnern könnten. Kröber betonte, völliger Erinnerungsverlust sei eine seltene Ausnahme.

Die frühere langjährige Freundin Kachelmanns soll bei der Schilderung der angeblichen Vergewaltigung Erinnerungslücken gehabt haben. Journalisten und Öffentlichkeit waren bei ihrer 20-stündigen Vernehmung ausgeschlossen. Ihr Therapeut Seidler erklärt die Erinnerungslücken mit ihrer Todesangst. Diese These ist laut Kröber ohne wissenschaftliche Grundlage. Keinesfalls sei der Umkehrschluss zulässig, dass Gedächtnislücken auf ein tatsächliches lebensbedrohliches Erlebnis schließen ließen, so Kröber.

In lebensbedrohlichen Lagen komme es zu einer Abspaltung des Gefühls. Angst werde nicht mehr empfunden, was später oft zu der Aussage der Betroffenen führe, sie würden sich «nur noch teilweise erinnern».

Nicht nur schlimme Straftaten könnten zu Traumatisierungen führen, sondern ebenso schwere Demütigungen oder Trennungssituationen, sagte der Gutachter. Über die langjährige Freundin Kachelmanns sprach Kröber nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Verteidiger wollen Oberstaatsanwalt als Zeugen vernehmen

Am Morgen des 29. Verhandlungstages war es zu einem Schlagabtausch zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft gekommen. Rechtsanwalt Johann Schwenn beantragte, den Oberstaatsanwalt Oskar Gattner als Zeugen zu vernehmen. Hintergrund ist ein Streit um den Inhalt der Aussage der Schweizer Zeugin. Schwenn wirft Gattner vor, er habe in einem Aktenvermerk unzutreffende Angaben über deren telefonische Aussage gemacht. Diese habe weder am Telefon noch sonst gesagt, sie habe aufgrund eines Übergriffs Kachelmanns beim Sex «Angst gehabt wie noch nie». Sie habe auch nicht gesagt, Kachelmanns Gesicht sei «so anders geworden» und sie sei in der Folge krank gewesen.

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge hielt Schwenn vor, er stelle die Aussage der Zeugin anders dar, als sie war. Da ihre Aussage nicht öffentlich ist, verwies er zur Begründung nur auf eine Seite des Vernehmungsprotokolls.

Die Hauptverhandlung wird sich voraussichtlich noch bis Mai hinziehen. Die Verteidigung teilte mit, Kachelmann werde im April drei Wochen in Kanada verbringen, um sein Besuchsrecht für seine Kinder wahrzunehmen. Die Strafkammer will das Verfahren vor dem Sommer zu Ende bringen.

cvd/news.de/ddp

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