Kachelmann-Prozess Alice Schwarzer und die Groupies

Alice Schwarzer (Foto)
Für viele auch ein Star vor Gericht: Alice Schwarzer vor dem Landgericht in Mannheim.   Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Mannheim
Sie kommt, versteht den Richter nicht und verweigert die Aussage. Alice Schwarzers Auftritt im Kachelmann-Prozess ist kurz, doch für viele Zuschauer trotzdem ein unvergessliches Erlebnis. Mancher Gerichtstourist sieht darin sogar seinen Lebenstraum erfüllt.

In der Mittagspause werden sie unter den Zuschauern herumgezeigt: Autogrammkarten der Journalistinnen Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen. Ein Mann mit Rucksack und einem dicken Schlüsselbund an einem Band um den Hals sagt, er habe die Autogramme zugeschickt bekommen, jetzt wolle er die beiden Frauen wieder live sehen. Am 27. Verhandlungstag im Strafprozess gegen den Ex-Wettermoderator Jörg Kachelmann steht nicht nur der Angeklagte im Mittelpunkt.

Wo in den vorangegangenen Verhandlungstagen noch leicht ein Platz in den Zuschauer- und Journalistenreihen zu finden war, sind jetzt Ellenbogen gefragt, es ist proppenvoll. Um 14 Uhr soll Alice Schwarzer aussagen, deshalb wartet vor dem Saal eine Schlange von 20 Schaulustigen, die drinnen keinen Platz mehr finden. Sie haben nur eine Chance - sobald jemand aufsteht. Und das tun in Erwartung der Aussage der Bild-Kolumnistin die Wenigsten.

Prozess
Freispruch für Kachelmann
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Studenten der dem Landgericht gegenüberliegenden Uni, Hausfrauen ab Mitte 40 und ältere Herren haben sich belegte Brote mitgebracht, um den ganzen Tag im Gericht auszuharren. «Ich hab mir heute schon zum zweiten Mal meinen Lebenstraum erfüllt», sagt einer. «Ich bin hier beim Prozess dabei.»

Der mit den Autogrammkarten erzählt noch kurz, wie er nachts aufgewacht ist und wusste, was die Verteidigung vorhat. Was das ist, verrät er nicht. Dreier-Frauengruppen der älteren Generation schreiben derweil bedächtig mit, was Zeugen, Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu sagen haben. Besonders die Verteidigung hat es den meisten angetan. Die eindeutige Tendenz im Saal: Pro-Kachelmann.

Um 15.12 Uhr ist die Emma-Herausgeberin dran, wird in den Saal gebeten, vor dem ein Schild warnt «Noch nicht vernommenen Zeugen ist der Eintritt nicht gestattet». Zur Zeugin wurde Schwarzer erst, als Jörg Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn ihr Kontakte zu einem Therapeuten, der als Zeuge aussagte, unterstellte. Schwenn beantragte ihre Vernehmung.

«Wir sind hier nicht im Restaurant»

Alice Schwarzer trägt ein schwarz-samtenes Oberteil, ist geschminkt und gut geföhnt. Am Abend will sie eine Ausstellung eröffnen. Ein Hinweis für den Vorsitzenden, dass sie 16 Uhr wieder weg müsse. Die «Sonderbedingungen für Frau Schwarzer» seien so nicht hinnehmbar, meint der Kachelmann-Anwalt und erntet im Publikum verständiges Nicken. Wenn er spricht, baut sich die Frauengruppe auf, um genau hinzuhören. «So was kann man nicht lernen, das ist Talent», sind sie sich einig über die Präzision seiner Aussagen. Schwenn ist immer da, wach, während sein Mandant den Großteil der Verhandlung abwesend auf seinem iPad herumtippt.

Gerade in den Zeugenstand gekommen, versteht Schwarzer gleich die erste Frage, ob die 68-Jährige mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert sei, akustisch nicht und sorgt mit einem «Mit wem?» für Gelächter im Saal. Es wird getuschelt. Was dann kommt, ist erwartbar: Sie macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht als Journalistin Gebrauch, «aus Rücksichtnahme auf ihre Informanten». Schwarzer würde allerdings Fragen zu ihrer Berichterstattung in der Bild-Zeitung beantworten.

Dennoch entlässt der Vorsitzende Richter Michael Seidling die Journalistin bereits wieder um 15.15 Uhr. Schwarzer verlässt den Saal, in ihrem Gefolge die Hälfte der Zuschauer, was die Richter mit «Wir sind hier nicht im Restaurant» und «Normalerweise hat das Publikum zu schweigen» quittieren.

In Fernsehkameras und Mikrofone sagt Schwarzer dann: «Es ist bedauerlich, dass ein so ernster Prozess durch Nebenkriegsschauplätze andauernd verzögert wird.»

«Stellt euch vor, die alle in einem Flugzeug»

Als die Emma-Herausgeberin wahrscheinlich schon auf dem Weg zur Ausstellung ist, entsteht im Saal Verwirrung ob ihrer schnellen Entlassung. Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge weist das Gericht darauf hin, dass Fragen zur bisherigen Berichterstattung möglich gewesen wären. Schwenn antwortet schmunzelnd mit einem despektierlichen «Ich finde es bemerkenswert, dass die Staatsanwaltschaft den Richter die Zeugin entlassen lässt» und erntet besagte Zustimmung der Damen.

Ob Schwarzer vielleicht noch einmal vorgeladen wird und bis zur Klärung nicht mehr aus dem Gerichtssaal berichten darf, wird nicht abschließend geklärt. Stattdessen kommt das Gericht zu Gutachteraussagen zurück, die allesamt den angeklagten Jörg Kachelmann entlasteten. Drei Rechtsmediziner werden gehört. Am Freitag wird der Prozess weitergehen. Auch in der Schweiz soll eine Zeugin vernommen werden.

«Jetzt fahren die alle in die Schweiz», sagt eine ältere Frau, mit kurzen blonden Haaren und dem Juristenlaien-Kennerblick zu ihren beiden Freundinnen. «Stellt euch vor, die alle da vorn in einem Flugzeug auf engstem Raum.» Die drei lachen. Beim Kachelmann-Prozess geht es nicht nur um den Fall.

cvd/reu/news.de

Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Marco Wegener
  • Kommentar 5
  • 24.02.2011 17:07
Antwort auf Kommentar 4

Bei der absoluter Dummheit wird es ihr/ihm/es wohl schwer fallen eigene Peinlichkeit einzusehen. Ja und bevor man sich für Frauen einsetzt muß man erst mal über die Werte einer Frau bescheid wissen, was ihr/ihm oder was immer A... darstellt wohl vollkommen fehlt.

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  • Chris
  • Kommentar 4
  • 11.02.2011 19:05

Was Alice Schwarzer betrifft, so hat sie auch vor der Emma schon für zweifelhafte Medien geschrieben bzw. war dort angestellt. Mit dem Bild-Job kehrt sie zu ihren Wurzeln zurück. Die "Mutter der Emanzipation" ist sie niemals gewesen und hat durch ihre Art oft unnötig polarisiert, war innerhalb der Frauenbewegung niemals wirklich als Fachfrau für irgendetwas anerkannt. Sie hat auch immer schon wichtige feministische Standpunkte verraten, indem sie sich zu allem und jedem äußerte statt die echten Fachfrauen/-männer zu Wort kommen zu lassen. Es hat sich nichts daran geändert. Alice ist peinlich.

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  • Chris
  • Kommentar 3
  • 11.02.2011 18:57

@ Edith und Philippina: Ich finde, daß ich beide nicht oder kaum zum eigentlichen Thema schreibt. Auch scheint mir, daß eure - wenn auch unterschiedlichen - Standpunkte nicht auf Fakten beruhen. Das ist gerade bei solch schwierigen Themen aber gefährlich und im übrigen kontraproduktiv. zum eigentlichen Thema: Bei sexualisierter Gewalt geht es nicht darum, ob es jemand "nötig" hat, auch nicht um Attraktivität, Alternativen, nicht einmal um Sex, sondern es geht um Macht und um Demütigung. Das ist Stand der Forschung und wird auch von (nicht feministischen) Polizeipsychologen so vertreten.

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