Xavier Naidoo «Es kann nicht sein, dass wir alles totschweigen»

Xavier Naidoo (Foto)
Xavier Naidoo nutzt seine Popularität für soziale Zwecke. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Oliver Roscher
Er ist Popstar, Poet und polarisiert: Xavier Naidoo setzt sich für die Schwachen der Gesellschaft ein. Vor allem der Kampf gegen Kindesmissbrauch liegt ihm am Herzen, weil er selbst betroffen war. Vor seinem Auftritt bei der José-Carreras-Gala spricht er bei news.de Klartext.

Sie sind bekannt für ihr soziales Engagement und treten heute Abend bei der José-Carreras-Gala auf. Kritiker werden wieder den Zusammenhang zwischen Kommerz und Charity anprangern. Stört Sie das?

Naidoo: Das kalkuliere ich mit ein. Es ist für uns Künstler so leicht mitzuhelfen. Jeder, wie er kann. Man spielt einfach ein Konzert. Es gibt einfach gute und wichtige Einrichtungen, die sich über den Charity-Gedanken finanzieren. Solange am Ende der Fahnenstange etwas Gutes passiert, arbeite ich auf diesem Gebiet eben auch mit Leuten zusammen, mit denen ich sonst nicht zusammenarbeiten würde. Ich muss nur irgendwo hin und singen, um zu helfen. Einfacher könnte es ja gar nicht sein, deswegen wäre es jetzt dumm zu sagen, so was mache ich nicht, weil es einen komischen Beigeschmack haben könnte. Man setzt Beispiele und kann anderen helfen, das ist einfach gut.

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Sie haben zur umstrittenen Sendung Tatort Internet einen Song beigesteuert. Ist es Ihnen als Betroffener besonders wichtig, sich gegen Kindesmissbrauch einzusetzen?

Naidoo: Ich habe natürlich eine besondere Sensibilität dem Thema gegenüber, weil ich selbst einmal in der Situation war. Nicht allein der sexuelle Übergriff hat mich so schockiert, eher die möglichen Folgen. Der Täter musste ja davon ausgehen, dass ich es meiner Verwandtschaft erzähle. Da wirst Du vom Achtjährigen zum Erwachsenen, weil Dir klar wird: Hier geht es um Leben und Tod. Ich kann mich also sehr gut in Kinder hineinversetzen, die wegen Missbrauchs plötzlich aus ihrer Kindheit herausgerissen werden. Es kann nicht sein, dass wir immer alles totschweigen. Tatort Internet ist eine erste Stufe für mich. Es hat einfach gepasst. Die Macher dieser Serie haben meinen Song entdeckt, der sich auch um dieses Thema dreht.

Sie beschäftigen sich aber schon länger mit dem Thema Kindesmissbrauch ...

Naidoo: Spätestens seit 1996 ist das wieder zu meinem Thema geworden. Eine Woche, bevor der Dutroux-Fall an die Öffentlichkeit kam, bin ich durch die Stadt gefahren, wo alles passierte, Charleroi. Da ist mir übel geworden. Aber nicht nur durch diesen Fall bin ich der rituellen Kindesmisshandlung auf der Spur. Tatort Internet ist eine erste Stufe, aber mir geht es eigentlich um ganz andere Leute. Die, die in der Gesellschaft ganz oben angesiedelt sind und Kinder auf brutalste Weise umbringen. Man hat es kürzlich wieder in Portugal gesehen, wo ein Kinderschänder-Ring gesprengt wurde, der bis in die höchsten Kreise reichte. Das sind meine Gegner. Ich möchte nicht von dieser Welt gehen, ohne dass ich was gegen diese Männer unternommen habe.

Sprechen wir über das nächste Jahr. Sie gehen dann wieder auf große Europa-Tour und spielen auch vor nicht-deutschsprachigem Publikum. Wie ist das?

Naidoo: Wir haben eine ähnliche Tour schon einmal gemacht und das war fantastisch. Auch wenn man natürlich dann ein entsprechend kleineres Publikum hat. Da sind viele Deutsche darunter, die im Ausland leben, es sind aber auch eine Menge Einheimische dort. Das hat einfach einen großen Reiz.

Fühlen sie sich als Botschafter der deutschen Sprache?

Naidoo: Das ist mir erst in den letzten Jahren bewusst geworden. Wenn wir beispielsweise in Israel spielen, dann sehen die uns einfach als deutsche Band. Das ist schon bewegend, denn es ist nicht nur Popmusik, sondern deutsche Popmusik. Ist auch irgendwie eine Verantwortung. Der Begriff «Wortschatz» trifft es auf den Kopf. Es ist schön, wenn Leute mir erzählen, dass sie mit meiner Musik Deutsch gelernt haben.

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Wann haben Sie ihr Talent für das Texten entdeckt?

Naidoo: Angefangen habe ich mit ersten Radioprogrammen, die ich mir als Kind geschrieben und dann auf Kassette aufgenommen habe. Ich war der Moderator, habe die Songs gesungen und auch die Werbung gemacht. Im Ferienlager habe ich Sketche geschrieben. Ich habe quasi als Sketcheschreiber angefangen (lacht). So mit 13 und 14 habe ich dann Songtexte auf Deutsch geschrieben. Dass es etwas ist, was ich besonders gut kann, habe ich erst viel später bemerkt. Da hatte ich schon meine ersten Alben rausgebracht.

Und das ziemlich erfolgreich ...

Naidoo: Es war das Erste, was ich wirklich durchgezogen habe. Vorher wurde alles abgebrochen, die Lehre, Sport im Verein, was auch immer. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass mit der Musik und dem Texten habe ich durchgezogen. Das ist das Schönste, wenn man spielerisch an seinen Beruf herangeführt wird, das Hobby zum Beruf wird. Das verhält sich so wie eine Kindergarten-Freundschaft, die irgendwann zur Liebe wird.

Gab es einen Moment, wo ihnen klar wurde: Jetzt habe ich den Durchbruch geschafft?

Naidoo: Das war eher ein schleichender Prozess. Es gibt nicht den einen Moment, selbst dann nicht, wenn ich vor tausenden Menschen spiele. Es ist eher so, dass einem bewusst wird, davon leben zu können. Es ist ein ständiger Kampf, weil man natürlich nichts geschenkt bekommt. Man muss sich treu bleiben. Den Erfolg auf Musik aufbauen zu können, das ist schon ein Geschenk und hat definitiv auch damit zu tun, dass man die richtigen Leute kennt und die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Welche Rolle spielt denn ihre Heimat Mannheim?

Naidoo: Die war immer wichtig, deswegen bin ich hier auch nie weggegangen außer 2006, weil mich da wirklich jeder erkannt hat, selbst die kleinen Kinder. Da bin ich mal nach Paris «geflohen». Das war aber okay, um mal einen Blick von außen zu bekommen.

Sie sind einer der Superstars im deutschsprachigen Raum mit dunkler Hautfarbe. Ist das überhaupt noch ein Thema?

Naidoo: Bei mir war das eigentlich nie ein Thema, bilde ich mir zumindest ein. Ich bin eher durch den Glauben an Gott aufgefallen. Das mit der Hautfarbe war schon zu meiner 3P-Zeit kein Thema und ist es auch jetzt nicht.

Sie sind ja bekennender Autofan. Welchen Wagen fahren sie denn gerade?

Naidoo: Im Moment fahre ich einen Smart. Ich bin aber ein «Automobilist», das heißt, ich bin glücklich in jedem Auto - Hauptsache, das Ding fährt.

Formel-Eins-Weltmeister Sebastian Vettel kommt aus Heppenheim – bei ihnen um die Ecke. Besteht Kontakt?

Naidoo: Nein. Ich habe seinen Weg zwar verfolgt, aber ich habe ihn noch nicht kennengelernt. Außerdem würde ich ihm die Ohren lang ziehen, weil er aus Steuergründen nach Monaco geflüchtet ist.

Wie verbringen sie Weihnachten und Silvester?

Naidoo: Meine Eltern sind ja Südafrikaner, deswegen habe ich Weihnachten nie so klassisch gefeiert. Ich mache zu dieser Zeit keine Termine und lasse alles offen. Da kann alles passieren. Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt noch nicht, was ich machen werde.

Xavier Naidoo bei der MDR-José-Carreras-Gala: Donnerstag, 16. Dezember, ab 20.15 Uhr live im Ersten

bok/reu/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Rainer Franzke
  • Kommentar 3
  • 16.12.2010 17:05

Lb. Xavier Naidoo, völlig d'accord m. Ihnen, Stephanie zu Guttenberg u. Til Schweiger zu dem letzten o.g. Sommerpausenfüller. Daß die hehre Wiss. Pädagogik, Psychologie u. Soziologie zu dem Phänomen sich nicht bisher kompetent äußert, um klare Grenzen des Jugendwahns auch im Sport aufzuzeigen, wundert mich am meisten. DOSB-GD Michael Vesper u. Kriminalprävention Köln haben sich in SPIEGEL-Interviews zwar geäußert, das war's aber dann auch. MfG Ihr RMF

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  • astrowolf hannover
  • Kommentar 2
  • 16.12.2010 15:17

es gibt nur einen Feind der Menschheit +++ der Mensch.... das MonsterHÖLLE wurde... der geheim Tipp

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  • g kohl
  • Kommentar 1
  • 16.12.2010 14:12

Ja, Junge, tu was - und mache anderen Mut, da auch "zu tun" - und nicht nur "Beifall" zu klatschen... "Es gibt nichts gutes - außer man tut es!", heißt es daher nicht ohne Grund! Wenn jeder, da, wo er/sie was tun kann, das Mögliche tut, würde viel getan! Die Gesellschaft wird ohne privates Engagement - sei es im Sportverein, beim DRK, bei den "Grünen Damen" im Krnakenhaus oder den "Zivis" und an anderen Fronten nicht bestehen... Wer also etwas Zeit frei machen kann - sollte das tun und sich engagieren! Der Eine singt Lieder - der Andere hört Betroffenen nur zu - da ist für Viele Platz!

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