Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh - 04.03.2010, 16.21 Uhr

Eva Braun: Hitlers «Hascherl» war gar nicht so naiv

Dass es sie gab, erfuhren die Deutschen erst, als sie bereits tot war. Nur wenige wussten während der NS-Zeit, dass Adolf Hitler eine Freundin hatte. Die Historikerin Heike B. Görtemaker hat nun eine Biografie über Eva Braun geschrieben und versucht, Neues über sie herauszufinden.

Ein seltenes Bild: Eva Braun und Adolf Hitler ganz privat. Ort und Zeit des Fotos sind nicht bekannt. Bild: dpa

Niemand sollte von Eva Braun wissen. Bis zur letzten Stunde des «Dritten Reiches» hielt Adolf Hitler geheim, dass er eine Geliebte hatte. Denn die Privatperson Hitler gab es in der NS-Propaganda nicht, hatte sich der Diktator mit seinem ganzen Tun doch Deutschland verschrieben. Mit so etwas wie einer Freundin, einer Ehefrau oder gar Kindern, sollte und wollte Hitler nicht verbunden werden. Jedes Bild, auf dem Eva Braun nur in der Nähe von ihm zu sehen war, wurde von Hitler zensiert oder er ließ seine Freundin weg retuschieren. Trat sie trotzdem in der Öffentlichkeit mit ihm auf, musste sie sich als eine seiner Sekretärinnen tarnen.

Doch durch ihren gemeinsamen Tod und der kurz zuvor vollzogenen Ehe ist sie als Hitlers Frau zu einem Mythos geworden. Als politisch, naives, oberflächliches junges Mädchen, das im Leben des Führers nur eine Nebenrolle gespielt und unter der fehlenden Aufmerksamkeit Hitlers gelitten hat, wird sie seitdem dargestellt. Joachim Fest nennt sie in seiner Biographie über Hitler «lediglich seine Mätresse». Sie sei ein «einfaches Mädchen mit anspruchslosen Träumen und Gedanken, die beherrscht waren von Liebe, Mode, Film und Klatsch» gewesen.

Wirklich nur eine Mätresse?


Alles, was man bisher über Eva Braun glaubte zu wissen, entstammt Büchern, die ehemalige Nazi-Größen wie etwa Albert Speer nach Ende des Krieges geschrieben haben. Da es in diesen Schriften meist darum ging, sich zu verteidigen und sich von Hitler und seinen Taten zu distanzieren, erscheint es nur als konsequent, dass Albert Speer zum Beispiel die Rolle Eva Brauns in Hitlers Leben herunterspielte.

Mit dem Mythos, Eva Braun war nur eine unbedeutende Geliebte Hitlers, hat nun die erste wissenschaftliche Biografie über Eva Braun aufgeräumt. Die Historikerin Heike B. Görtemaker zeichnet in Eva Braun. Leben mit Hitler ein anderes Bild von Hitlers geheimer Geliebten. Entstanden ist die Skizze einer Frau, die sehr wohl aktiven Einfluss auf das Leben Adolf Hitlers genommen hat.

Görtemaker hat aus den wenigen Quellen, die es überhaupt zu Eva Braun gibt, ihre Lebensgeschichte rekonstruiert. Dabei ist es ihr auch gelungen, sich der Privatperson Adolf Hitler zu nähern. Indem sie den Spuren seiner geheimen Beziehung mit Eva Braun nachging, entstand auch ein neuer anderer Blick auf Hitler selbst: Es gab eine Privatperson Hitler, die jedoch bewusst verschwiegen wurde. Genausowenig wie die Außenwelt von der Existenz einer Freundin wissen sollte, wusste auch niemand, dass Hitler Vegetarier war, nicht rauchte, keinen Kaffee und Alkohol trank und vor allem nach Kriegsbeginn Unmengen von Tabletten nahm.

Von der Geliebten zur Ehefrau

Eva Braun lernte Hitler 1929 im Münchener Atelier seines Leibfotografen Heinrich Hoffmann kennen. Wann aus der Bekanntschaft «mehr» wurde, kann Görtemaker nicht mit Sicherheit sagen, sie tippt jedoch auf den Winter 1931/32. Hitlers Haushälterin gibt an, dass Eva Braun in dieser Zeit jedes Mal, wenn der Diktator in München war, in dessen Wohnung war. Und laut Görtemaker hat ihre Beziehung in den folgenden Jahren eine Entwicklung genommen: Aus der heimlichen Geliebten in München wurde eine Quasi-Ehefrau auf dem Obersalzberg. Spätestens 1935 sei Eva Brauns Position im engsten Kreis um Hitler unangreifbar gewesen. Aus diesem Grund hätten Speer, Göring und Goebbels auch die Freundin Hitlers begonnen zu hofieren. Sogar bei ihrem «verwöhnten, bissigen Hund» hätten sie sich eingeschleimt.

1939 meldete das US-amerikanische Magazin Time, «a blond Bavarian girl named Eva Helene Braun» sei bei HItler eingezogen. Doch öffentlich zeigte er sich nie mit ihr, jedenfalls nicht als Paar. Sie musste hart dafür kämpfen, dass sie immerhin im inneren privaten Umfeld als Hitlers Freundin gelten durfte. So schreibt Görtemaker, dass erst zwei Selbstmordversuche Eva Brauns Hitler dazu bewegt hätten, dass sie auf dem Obersalzberg, neben dem Berliner Führerbunker Hitlers zweite Machtzentrale, als seine Frau auftreten konnte. Und dort habe sie sich «zu einer kapriziösen, kompromisslosen Verfechterin der unbedingten Treue gegenüber dem Diktator» entwickelt.

Doch erst im Angesicht des Todes entschloss sich der Diktator, sie offiziell zu seiner Frau zu machen. Am 28. April 1945 heirateten sie. Zwei Tage später nahm sich das Paar angesichts der bevorstehenden Niederlage das Leben.

Viele offene Fragen

Viel ist es jedoch trotzdem nicht, was Görtemaker über Eva Braun und ihre Beziehung zu Adolf Hitler rausgefunden hat. Zwar kommt die Historikern zu dem Schluss, dass Hitlers «Hascherl» nicht einfach nur eine unbedeutende Geliebte war, aber viele Fragen bleiben offen. Warum etwa sich Braun Hitler ergeben, obwohl dieser sie auf Distanz hielt? War es Liebe? Hat sich Braun von Hitler Kinder gewünscht? Wieviel wusste sie von Hitlers Greueltaten?

Doch dass das Buch auf diese Fragen keine Antworten gibt, daran ist nicht die Historikerin Schuld. Kurz vor seinem Selbstmord verfügte Adolf Hitler, alle Dinge, die ihr gemeinsames Privatleben dokumentierten, zu vernichten. Es gibt keine schriftlichen Quellen der beiden, die ihre Beziehung belegen und die vielen noch offenen Fragen beantworten könnten.

Doch die Schlussfolgerungen, die man aus den wenigen noch vorhandenen Quellen ziehen konnte, hat Gortemaker gezogen: Eva Braun war einflussreicher als bisher gedacht und Adolf Hitler hatte sehr wohl ein Privatleben, das er nur nach außen gut verheimlichte. Die Lücken, die bestehen bleiben, hat Görtemaker im Gegensatz zu vielen vor ihr nicht mit Mutmaßungen oder Legenden besetzt. Und gerade das ist die Leistung dieses Buches.

Titel: Eva Braun. Leben mit Hitler
Autor: Heike B. Görtemaker
Verlag C.H. Beck
366 Seiten
Preis: 24,95 Euro

nak/ivb/news.de

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