Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh - 26.12.2009, 13.14 Uhr

Mirjam Müntefering: Mehr als nur die «Münte-Tochter»

Unzählige Fragen musste sie bereits zu ihrem Vater beantworten. Was daran liegt, dass dieser Franz Müntefering ist. Professionell geht Mirjam Müntefering mir ihrem Leben als Politikertochter um und zeigt, dass sie mehr ist als nur die «Tochter von».

Mirjam Müntefering ist mehr als nur die «Tochter von». Bild: Piper

«Sind Sie nicht die Tochter von ... ?» Dieser Satz begleitet Mirjam Müntefering schon ihr ganzes Leben lang. Wird sie von Journalisten nach ihrem Vater gefragt, antwortet die 40-Jährige jedoch nicht genervt, sondern antwortet routiniert und professionell auf die Neugier der Journalisten: Sie erzählt ein paar Anekdoten aus ihrer Jugend, schildert, wie es war, mit dem berühmten Vater aufzuwachsen, oder kommentiert auch gerne aktuelle Entwicklungen im Leben ihres Vaters.

Stets lehnt sie sich dabei nicht zu weit aus dem Fenster, sondern gibt nur soviel preis, dass es genug ist, um den Durst der Presse für den Moment zu stillen, aber zu wenig, als dass sie sich und ihrer Familie dem Boulevard ausliefern würde. So auch im Fall ihrer neuen Stiefmutter Michelle: Mit der Wahl ihres Vaters sei sie voll und ganz einverstanden, Michelle sei eine Nette und sie sei glücklich, weil ihr Vater wieder glücklich sei, sagte sie Bild, Bunte & Co. Ein paar nette Statements, aber nichts, was sich zu einer Sensations-Meldung aufbauschen lassen würde.

Sie ist sich des öffentlichen Interesses an ihrer Person bewusst und hat sich ihren professionellen Umgang mit der Presse sicherlich nicht zuletzt von ihrem Vater abgeschaut. Und sie hat gelernt, ihren «Tochter-von»-Status auch für ihre eigene Person zu nutzen: Denn sie ist nur nebenberuflich die Tochter von Franz Müntefering, sonst schreibt sie Bücher und betreibt eine Hundeschule - beides mit großem Erfolg. Längst hat sich Mirjam Müntefering einen eigenen Namen gemacht.

Schon als Kind äußerte sie den Wunsch, Bücher zu schreiben. Als Teenager begann sie dann zu schreiben. Bis heute wird sie dabei von dem Bedürfnis getrieben, sich «selbst zu ergründen bis auf den tiefsten Boden hinunter». Dabei spielt ein Thema von Beginn an eine große Rolle: die Liebe zwischen Frauen. 

Selbst hat sie sich mit 20 als Lesbin geoutet, ihr privates und ihr nationales Outing beschreibt sie in ihrem autobiografischen Roman Tochter und viel mehr, das sie geschrieben hat, um die sich ewig wiederholenden Fragen zu ihrem Leben als Politikertochter ein für alle Mal zu beantworten.

Ihr privates Outing war recht unspektakulär: Als ihre Eltern 1989 im Sommerurlaub waren, schrieb sie ihnen einen Brief und erklärte ihnen darin, dass sie Frauen liebe und deswegen auch aus der Kirche ausgetreten sei. Es folgte ein Anruf vom Vater, «der mit beruhigend sonorer Stimme mitteilte, mein Brief sei angekommen, alles sei in Ordnung.» Als ihre Eltern aus dem Urlaub zurückkamen, sagte ihre Mutter lediglich zu ihr: «Wie konntest du das nur tun? Aus der Kirche austreten!»

Das nationale Outing war hingegen ein wenig aufregender: 1998 erschien ihr erster Roman Ada und Eva, ihr Vater war zu diesem Zeitpunkt Verkehrsminister. Nach einem kleinen Artikel in der Marie Claire stand ihr Telefon nicht mehr still - eine Minister-Tochter schreibt einen lesbischen Roman, gefundenes Fressen für die Klatschpresse. Aufgeregt rief sie ihren Vater an, der ihr den Rat gab: «Lad die Bild am Sonntag ein. (...) Mach' ne kleine Homestory und erzähl ihnen ein bisschen von dir.» Am nächsten Sonntag beim Bäcker die Schlagzeile «Lesbische Ministertochter» zu lesen, sei zwar ein «mächtiger Schrecken» gewesen, aber ihr Interview habe allen den Wind aus den Segeln genommen.

Journalisten schreiben gerne, dass Mirjam Müntefering Spartenliteratur schreibt. Es stimmt zwar, dass in ihren Erwachsenen- und Jugendbüchern das Thema der lesbischen Liebe im Fokus steht, aber ihre Bücher funktionieren nicht hauptsächlich über diesen «homosexuellen Schlüssel». Sie selbst sieht sich auch nicht als Spartenliteratin. Sie verfolgt mit ihren Büchern vielmehr den Anspruch, dass die Geschichte im Vordergrund steht und nicht die sexuelle Ausrichtung der Protagonisten.

«Ich bin ich. Und ich hab’s zu sagen mit mir» ist ein Zitat von Mirjam Müntefering, das sich ihr Vater, als sie gerade einmal sechs Jahre alt war, aufschrieb. Zu diesem «Ich» gehört auch das Leben als Politikertochter. Doch liest man ihre Bücher oder besucht ihre Lesungen, lernt man auch «die Liebende, die Hundetrainerin, die Schriftstellerin, die Träumerin und die Freundin» Mirjam Müntefering kennen - ein Kennenlernen, das sich lohnt.

reu/news.de

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