Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh - 08.12.2009, 11.32 Uhr

Münte und Michelle: Und die Moral von der Geschicht'?

Franz Müntefering heiratet die 40 Jahre jüngere Michelle Schumann. Grund genug für den deutschen Blätterwald und seine Moralwächter einen Tabubruch herbeizuschreiben. Ein Glanzstück in Sachen Boulevardjournalismus.

Sorgen mit ihrer Hochzeit für Aufsehen: Franz Müntefering und Michelle Schumann Bild: dpa

Mit den Worten «Lieber Franz Müntefering, Sie begehen einen Tabubruch. Ich finde ihn wunderbar. Liebe ist alterslos» gratulierte Franz Josef Wagner in seiner Bild-Kolumne dem ehemaligen SPD-Chef zu seiner bevorstehenden Hochzeit mit seiner 40 Jahre jüngeren Freundin Michelle.

Wagner und Bild glauben damit mal wieder die gesellschaftliche Stimmung treffend auf den Punkt gebracht zu haben und der deutschen Bevölkerung gleichzeitig eine Lehrstunde in Sachen Toleranz geben zu müssen - ganz nach dem Motto «Auch wenn ihr Eure Nase rümpft, die beiden haben ein Recht auf ihre Liebe».

Auch andere Medien nahmen das beliebte Wort vom Tabubruch in den Mund und stellten die Frage nach der Moral in der Liebesgeschichte von Münte und Michelle. Zwar wird der extreme Altersunterschied der beiden, sie könnte ohne Probleme seine Enkelin sein, nicht nur im Blätterwald kontrovers diskutiert, aber Bild & Co. schreiben hier einen Tabubruch herbei, der in Wirklichkeit keiner ist - Boulevardjournalismus in Perfektion nennt man so etwas.

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zurück Weiter Simone Thomalla und Till Lindemann (Foto) Foto: news.de/Montage/dpa Kamera

Ob Helmut Kohl, Willy Brandt, Joschka Fischer oder der Nachbar von nebenan - Beziehungen mit einem erheblichen Altersunterschied, also mehr als 20 Jahre, werden zwar noch von vielen skeptisch wahrgenommen, sind aber keine große Sache mehr. Die wenigsten werden wegen einer solchen Beziehung ernsthaft sozial ausgegrenzt oder stigmatisiert, was ein Tabu jedoch zur Folge hätte.

Münteferings Tochter findet die Neue nett


Und so wundert es auch nicht, dass die meisten namentlichen Reaktionen auf die bevorstehende Hochzeit fast durchweg positiv sind. «Ist doch einfach schön mit den beiden», sagte Münteferings SPD-Parteifreund Peter Struck. Mirjam Münetefering, Tochter aus erster Ehe, geht es ähnlich: «Ich freue mich für meinen Vater, dass es ihm endlich wieder gut geht», sagte die Schriftstellerin news.de am Rande einer Lesung.

Einzig Literaturprofessor Hellmuth Karasek schimpfte in einem Interview: «Das wäre so, als zöge Angela Merkel mit einem 16-Jährigen herum.» Doch zu Karaseks Verteidigung ist zu sagen, dass er derzeit sein neues Buch zu vermarkten hat, wo es passender Weise darum geht, was Männer von Frauen wollen.

Aber gerade Kommentare wie der von Karasek bringen Mirjam Müntefering innerlich zum Kochen. Die 40-jährige Tochter des SPD-Politikers kritisiert sehr deutlich die Art und Weise, wie derzeit mit ihrem Vater und ihrer zukünftigen Stiefmutter in der Öffentlichkeit umgegangen wird. «Alle haben vergessen, wie schlecht es ihm ging, als seine Frau ganz schwer an Krebs erkrankt und gestorben ist. Er hat sie selbst gepflegt, hat kein Pflegepersonal zur Hilfe genommen. Ich freue mich, dass es ihm jetzt wieder gut geht. Und Michelle ist eine ganz Nette», sagte sie news.de.

Sogar ihre Mutter, die erste Ehefrau Franz Münteferings, werde von der Presse belästigt, obwohl sie seit über 15 Jahren von ihrem Exmann getrennt sei. «Meine Mutter lebt ihr eigenes Leben. Man sollte Menschen nicht so auf die Pelle rücken, wenn man merkt, das ist denen unangenehm.» Mirjam Müntefering, die selbst gelernte Journalistin ist, hat kein Verständnis für Kollegen, die sagen, sie geben den Leuten nur das zu lesen, was sie lesen wollen. «Ich antworte denen dann immer: ‹Einige Menschen würden bestimmt auch interessieren, wie Menschenfleisch schmeckt.›»

Hauptsache tratschen können

Dass die Liaison von Müntefering und seiner 29-Jährigen Verlobten mit Getratsche bedacht wird, darf nicht überraschen und ist nur menschlich. Aber eines muss einem dabei immer bewusst sein: Hier wird getratscht um des Tratschens willen. Durch die Hochzeit kommt niemand zu Schaden. Neid und die Befriedigung des voyeuristischen Triebes des Menschen sind die einzigen Gründe, warum Müntefering mit seiner jungen Liebe für solch ein Aufsehen sorgt.

Die beiden Protagonisten äußern sich zu ihrer bevorstehenden Hochzeit nicht. Ein kurzes Statement wird es vielleicht nach der Eheschließung geben. Bereits in der Vergangenheit scheute Müntefering nicht davor zurück, Privates öffentlich zu machen. Aber eine gewisse Grenze überschritt er dabei nie. Ob es die Bekanntgabe seiner neuen Liebe oder sein Rückzug aus der Politik seiner todkranken Frau wegen war, stets äußerte er sich öffentlich dazu, um sich dadurch Privatsphäre zu erkämpfen.

Müntefering wird die Tratschlust der Deutschen vielleicht durch die Freigabe ausgewählter Hochzeitsbilder stillen. Und dann wird niemanden mehr die Frage nach der Moral in der Liebesgeschichte von Michelle und Münte interessieren. «Was hat die Braut getragen?» und «Wer war dar und wer nicht?» werden dann die spannenderen Fragen sein.

nak/news.de

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