Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh - 09.09.2009, 14.21 Uhr

Tyra Banks und ihre Haare: Kein Mut zum Afro

Das Thema Haare ist für viele Schwarze sehr emotional besetzt. Denn die Frage «Glatt oder kraus?» ist für sie auch eine Frage nach ihrer Identität. Nun hat Model Tyra Banks dem Haar-Wahn den Kampf angesagt, indem sie ihre natürlichen Haare erstmals zeigte.

Mit ihrer echten Haarpracht hat das ehemalige Supermodel die neue Saison ihrer Tyra Banks-Show eingeläutet und den 8. September zum Nationalen Haar-Tag erklärt. «Dies sind unechte Haare», hatte die 35-Jährige vor der Sendung gesagt . «Ich habe mich schon ohne Make-up, mit Cellulite am Po und auf unretouchierten Fotos gezeigt, aber keiner kennt meine echten Haare», erzählte die Talkshowmoderatorin, die gerade erst für ihre Sendung den Emmy erhalten hat.

Wochenlang hatte Tyra ihre «Verwandlung» in den US-Medien angekündigt und immer wieder betont, dass sie mit dieser Aktion Frauen dazu ermutigen wolle, ihre natürliche Schönheit zu zeigen. Was sie dann aber in ihrer Show zeigte, war weder natürlich noch mutig, sondern enttäuschend. Zwar kam Tyra ohne Perücke, Haareinflächtungen und Haarextensions auf die Bühne, aber von ihren echten krausen Haare war nur wenig zu sehen.

FOTOS: Afro Kraus oder glatt?

Tyra betrat die Bühne mit nassen Haaren, die von ihrem Stylisten gekonnt nach hinten gekämmt worden waren und so gar nicht an die Haare erinnern wollten, die eine Frau normalerweise morgens nach der Dusche vesucht in Form zu bringen. Während der Sendung verpasste ein Friseur Tyra eine lockige Mähne - mit Hilfe von reichlich vielen Haarpflegeprodukten. Die trockenen und natürlich krausen Haare des ehemaligen Supermodels bekam der Zuschauer demnach nicht zu Gesicht.

Vor allem viele Afroamerikanerinnen hatten sich wohl mehr von Tyras haariger Aktion erwartet, hatte das Model doch ein hoch sensibles Thema für ihre Sendung aufgegriffen. Denn wie viele andere afroamerikanische Frauen trägt Tyra eigentlich lange glatte künstliche Haarverlängerungen. Der Grund: Krause Haare gelten als unattraktiv, weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen.

Ob die Sängerinnen Beyonce oder Rihanna oder Amerikas First Lady Michelle Obama, sie alle glätten ihre Haare und unterstützen damit die Wahnehmung, dass glatte Haare ein Zeichen für Erfolg und Status sind. Schon Kleinkinder lernen in den USA, was «gute» und was «schlechte» Haare sind und mit welchen chemischen Cremes sie ihre naturkrausen Haare bändigen können. Auch die Haare der Kinder des US-Präsidenten werden künstlich bearbeitet, etwa bei der Vereidigung ihres Vaters zum US-Präsidenten erschienen sie mit glatten Haaren.

Mit dem ehemaligen Supermodel, das auch als strenges Jury-Mitglied aus America´s Next Topmodel bekannt ist, wollte nun ein einflussreicher weiblicher US-Star dem Haar-Wahn den Kampf ansagen. Doch wie ehrlich ihr Engagement wirklich ist oder besser: wie eitel Tyra tatsächlich ist, hat der Auftakt ihrer Aktion bereits gezeigt. In ihren nächsten Sendungen will sie sich zwar immer wieder mit ihren natürlichen Haaren zeigen, aber den «Tyra-Afro» werden die Zuschauer sicherlich nicht zu Gesicht bekommen.

Warum das Thema Haare so viele Afroamerikaner beschäftigt, zeigt der Dokumentarfilm Good Hair, der im Oktober in den amerikanischen Kinos anläuft und bereits jetzt schon für viel Wirbel sorgt. Der Film von Chris Rock (eigentlich Filmschauspieler und Komiker) handelt davon, was für ein Riesen-Geschäft mit den Haaren der Afroamerikanern gemacht wird und wie weit sich das «weiße» Frisurenideal bereits in der schwarzen US-Gesellschaft verfestigt hat.

«Wenn du die Haare glättest, werfen dir Schwarze vor, du verleugnest deine Kultur. Wenn du sie krauselig lässt, riskierst du, in der weißen Gesellschaft diskriminiert zu werden», erklärt Denise King-Miller, Professorin für afroamerikanische Studien an der Howard Universität in Washington in dem Dokumentarfilm das Dilemma. «Natürlich sind wir irgendwie auch mitverantwortlich. So lange die meisten von uns nach glatten Haaren streben, bedienen wir die vorgelegten Standards von Schönheits», ergänzt King-Millers Tochter Jasmine, die sich mittlerweile dazu entschlossen, zu ihren natürlichen Locken zu stehen.

Seit ihrer Ankunft als Sklaven in der «Neuen Welt» versuchen die Schwarzen die Frisuren der Weißen zu imitieren. Was anfangs Schmierfett, Butter oder Gänseschmalz erledigten, vollbringen heute chemische Cremes («Creamy Cracks»). Noch heute, fast 140 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei gelten krause Haare vor allem unter den Schwarzen selbst als minderwertig - nicht zuletzt dank Fernsehen, Werbung und schwarzen Prominenten, die das «weiße» Schönheitsideal hochhalten.

Doch es war nicht immer so. Während der Schwarzenbewegung in den 1970er Jahren trugen viele stolz ihren Afro und zeigten damit ihre Verbundenheit mit den Wurzeln ihrer schwarzen Kultur. Boxer-Legende Muhammad Ali war einer der ersten Schwarzen, der seine Haare bewusst kraus trug. Sängerinnen wie Aretha Franklin oder Abbey Lincoln etablierten den Afro, spätestens mit den Jackson 5 und Diana Ross wurde er in ganz Amerika zum Trend.

Aber warum lehnen noch heute Millionen von Schwarzen ihr krauses Haar ab? Ein Grund hierfür ist die riesiege Industrie, die rund um das krause Haar entstanden ist. Unterstützt von ihren Werbeträgern, zu denen auch Tyra Banks gehört, hat sich das Ideal der glatten Haare längst in den Köpfen der Schwarzen etabliert. Der alltägliche Rassismus, der immernoch in den USA herrscht, tut darüberhinaus sein Übriges. Eine Tyra Banks wird mit ihren natürlich nassen Haaren daran aber auf jeden Fall nichts ändern können.

kat/news.de

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