Jan Josef Liefers im Interview «Ich habe die Hirnwäsche überstanden»

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Singen kann er auch: Schauspieler Jan Josef Liefers bringt den Ostrock auf die Bühne. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Steffen Rüth
Als Schauspieler ist Jan Josef Liefers ausgesprochen vielseitig. Mit seiner Band Oblivion erweitert der 44-Jährige sein Schaffen um die Facette Ostrock. Mit news.de sprach der Berliner über Familie, DDR-Hirnwäsche und Ostrock.

news.de: Herr Liefers, täuscht der Eindruck oder sind Sie ein wenig übernächtigt?

Liefers: Der Eindruck täuscht überhaupt nicht. Ich bin seit 20 Jahren unausgeschlafen.

news.de: Wie das?

Liefers: Bekommen Sie mal Kinder, dann wissen Sie, wovon ich rede. Mein ältestes ist 20, der Junge ist 11, die Töchter von AnnaJan Josef Liefers ist seit 2004 mit der Schauspielerin Anna Loos verheiratet, mit der er zwei Töchter hat. Aus erster Ehe hat er eine Tochter, die mit ihrer Mutter in Russland lebt. Mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Ann-Kathrin Kramer hat er einen Sohn. und mir sind 6 und knapp 1. Um spätestens halb sieben ist bei uns zu Hause die Nacht vorbei. Allerspätestens.

news.de: Wie bekommt Sie und Ihre Frau das mit der Arbeit und den Kindern hin?

Liefers: Wie alle anderen Menschen auch, die arbeiten müssen. Wir sind angewiesen darauf, dass wir einen Kindergartenplatz haben, dass uns die Familie hilft und dass Freunde gelegentlich einspringen. Und wir versuchen, möglichst nicht lange gleichzeitig zu arbeiten.

news.de: Im «Tatort», als Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne, wirken Sie immer sehr ausgeschlafen. Wie bekommen Sie das hin?

Liefers: Durchschlafen kann ich nur, wenn ich arbeite. Deshalb sind die Zeiten, in denen Anna und ich drehen, fast schon wie Urlaub - weil uns nachts keiner weckt. Das Drehen ist auch immer eine klar strukturierte Arbeit. Du bekommst abends deinen Plan für den nächsten Tag und weißt dann genau, wann du aufstehen musst, wann du abgeholt wirst und was sonst noch auf dem Programm steht. Dann musst du dich nur auf deine Arbeit konzentrieren und brauchst nicht alle paar Minuten aufpassen, ob nicht wieder jemand ein Glas vom Tisch wirft.

news.de: Der Film «Rossini», mit der Sie Ihren ersten großen Erfolg als Schauspieler hatten, spielte in München. Der «Tatort» ist in Münster angesiedelt. Hat sich Ihre Herkunft im Laufe der Karriere aus der Wahrnehmung des Publikums geschliffen?

Liefers: Das hat sich eher nie in die Köpfe eingeschliffen. Ich habe nie ein Geheimnis darum gemacht, dass ich in Dresden geboren bin. Aber letztlich ist das ja auch egal, wo jemand herkommt. Komisch ist bloß, wenn du im Westen Leute triffst, die sagen ,Wie, Jan Josef, Du bist aus dem Osten? Das merkt man gar nicht.' Diese Reaktion habe ich nie verstanden.

news.de: Als Jugendlicher in der DDR sind Sie mit Songs von Bob Dylan oder Neil Young aufgetreten. Demnächst sind Sie wieder mit dem Programm «Soundtrack meiner Kindheit» auf TourTourtermine unter www.janjosefliefers.de und spielen mit Ihrer Band Lieder von Ostrockern wie Silly, Puhdys, Pankow oder City. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Liefers: Die Musik ist hängen geblieben. Ich war beim Anhören dieser alten Platten und CDs teilweise erschrocken, was sich alles bei mir eingegraben hat. So ist eine Auswahl von Songs zustande gekommen, bei denen keine Rolle spielt, ob sie je Hits waren. Wichtig war nur, ob sie etwas mit mir und meiner Jugend zu tun haben. Ich erzähle auf der Bühne auch Geschichten und zeige Schmalfilme, die mein Vater gedreht hat und die noch viel mehr sind als Filme über Jan Josef. Wenn Sie so wollen, ist meine Show eine Zeitreise. Anfangs dachte ich, der Osten interessiert im Westen keine Sau. Aber da habe ich mich mächtig getäuscht. Wenn die Leute diese Lieder erstmal entdecken, dann interessieren sie sich auch für das Thema. Insofern ist diese Tour auch eine kleine Mission.

Lesen Sie auf Seite 2, ob Jan Josef Liefers alle Ämter von Honecker kennt

news.de: Was ist das Besondere am Ostrock?

Liefers: Aus der Notwendigkeit heraus, es zwar nicht so deutlich auf der Bühne sagen zu können, aber den Leuten doch klar zu machen, dass man auf ihrer Seite ist, mussten Wahrheit und Schonungslosigkeit in der DDR-Lyrik total versteckt werden. Dadurch ergibt sich gerade bei Bands wie Silly oder Renft eine herrliche, feine Poesie in den Texten. Wir spielen aber nur Lieder, aus denen auch Menschen etwas herausziehen können, die das damals alles nicht mitbekommen haben. Gute Gedanken überdauern selbst so eine Hirnwäsche-Diktatur wie die DDR. Ich bin sowieso überrascht, wie spurlos das alles an mir vorübergegangen ist.

news.de: Wie meinst Du das?

Liefers: Die Hirnwäsche hat nicht funktioniert. Wir Bürger waren ja nicht blöd. Menschen, die in einer Diktatur leben, machen jeden Tag die Erfahrung, dass ihre Lebensrealität nichts zu tun hat mit dem Bild, das die Regierung nach außen transportieren will. Die Regierung der DDR hat nicht nur sich, sondern ihren Leuten und der ganzen Welt in die Tasche gelogen. Wenn man sich heute überlegt, wie lange die Aufzählung der Ämter von Erich Honecker in der Aktuellen Kamera gedauert hat ...

news.de: Bekomen sie es noch auf die Reihe?

Liefers: Vorsitzender des Staatsrats der DDR, Generalsekretär des Zentralkommittees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrats der Nationalen Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik.

news.de: Sie haben in der DDR Theater gespielt, sind auf die Schauspielschule Ernst Busch gegangen und haben gleich in Ihrem ersten Film «Die Besteigung des Chimborazo» den Forschungsreisenden Alexander von Humboldt gespielt.

Liefers: Das war Wahnsinn. Wir haben in Südamerika gedreht. Für einen 23 Jahre jungen Mann aus Dresden, der gerade Schauspieler geworden war, ist das die größte Sache überhaupt gewesen. Damals war ich in Versuchung, nicht wiederzukommen. Aber ich konnte das Filmteam nicht hängen lassen. Anschließend drehte ich auch noch in Madrid, Paris, Amsterdam und Westdeutschland.

news.de: Also kam eine Flucht aus der DDR nicht in Frage?

Liefers: Doch. Hätte ich zur Armee gemusst, dann wäre ich geflohen. Ich wollte Totalverweigerer werden, das wurde aber abgelehnt. Im Oktober 1989 hätte ich einrücken müssen. Aber dann kam ja zum Glück die Wende dazwischen.

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