ZDF-Doku "Putin und die Deutschen": Welche Gefahr stellt der Kreml-Chef wirklich dar?

Das ZDF zeigt heute seine neue Doku "Putin und die Deutschen". Das deutsche Bild des mächtigen Kreml-Chefs ist geprägt von Ablehnung, heimlicher Anerkennung und nicht zuletzt auch von Angst. Ist Putin eine wachsende Bedrohung für Europa und den Westen?

Wie gefährlich ist Wladimir Putin? Bild: picture alliance/Ralf Hirschberger/dpa

Die Forschungsgruppe Wahlen fragte kürzlich die Deutschen, ob der Vorwurf zutreffe, Russland unterstütze rechtspopulistische Bewegungen in Europa um so der EU zu schaden. Mehr als die Hälfte sagte ja, genau ein Viertel nein. Wenig überraschend sind es unter AfD-Anhängern mehr als doppelt so viele, die im Russland Putins keine Gefahr für die demokratische Stabilität hierzulande sehen. 45 Prozent aller Befragten gaben außerdem an, die aktuelle Politik Putins mache ihnen im Allgemeinen große Sorgen. Das sind bemerkenswert hohe Zahlen. Wer verstehen will, warum Putin in der deutschen Rechten ein ungleich höheres Ansehen genießt als im Rest der Bevölkerung, woher die europäischen Ängste vor dem russischen Machthaber rühren und inwieweit sie berechtigt sind, muss verstehen, warum Putin ist, wo und wer er ist.

Fast die Hälfte aller Deutschen in Sorge wegen Wladimir Putins Politik

Wladimir Putin ist aus der Weltpolitik längst nicht mehr wegzudenken, im globalen Ringen um Macht und Einfluss gibt es kaum einen Konflikt, bei dem Putin nicht seine Finger im Spiel hätte. Seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten führt er die ehemalige Supermacht Russland mit Charisma und ruhiger, harter Hand. Der ehemalige KGB-Offizier hat sein Land dem Westen zunächst ideologisch und wirtschaftlich als verlässlicher Partner dargeboten, dann aber zunehmend entfremdet. Russland hat im Zuge des Ukraine-Konflikts seinen Platz in der G8 verloren, der Austritt aus dem Europarat scheint bevorzustehen. Die Krim, Syrien, die Skripalaffäre: Russland ist längst kein Freund oder Verbündeter des Westens mehr, falls es das je war.

Seit Merkel Kanzlerin ist: Zunehmend schlechte Beziehungen zu Russland

Die EU sanktioniert, exkludiert, missbilligt. Im Baltikum fürchtet man Putins Russland, man traut ihm zu, dort fortzusetzen, was mit der Annektion der Krim und der Ostukraine begonnen wurde: Die Einverleibung fremder Staatsgebiete in völliger Negierung des Völkerrechts. Mit der Ukraine befindet man sich seit Jahren in einem blutigen Krieg. Ob in Warschau, Tallinn oder neuerdings scheinbar sogar das bisher uneingeschränkt russlandtreue Minsk: So skeptisch viele dort auch gen Westen und auf die EU blicken mögen – die wahre Bedrohung lauert im Osten, niemand schätzt die NATO und ihre Schutzversprechen gegen Russland mehr als die osteuropäischen Nachbarn des Riesenreichs.

"Russlandversteher" warnen vor Sanktionen und Missbilligung

So mancher (zumeist im öffentlichen Diskurs schnellstens als "Russlandversteher" gebrandmarkte) Europäer mag Verständnis für die Ängste und die Verärgerung der Russen ob der NATO-Osterweiterung entgegen früherer Versprechungen bis an die Grenzen des Russischen Kernlands aufbringen. Man dürfe die Russen mit Sanktionen und Respektlosigkeiten nicht völlig von Europa und dessen Werten abnabeln, wird da gewarnt, das zerrüttete Verhältnis der Kanzlerin mit Putin sei eine Gefahr, warnen viele. Da müssten offene, freundliche, wenn nicht gar freundschaftliche Gesprächskanäle beibehalten werden, sagt nicht nur der "Nord Stream"-Altkanzler Gerhard Schröder, der seit ihren gemeinsamen Flegeljahren als neue Regierungschefs Putin als echten Männerfreund betrachtet, bei dessen letzter Vereidigung in der ersten Reihe stand und die eigene Einlassung von 2004, Putin sei ein "lupenreiner Demokrat", bis heute nicht öffentlich infrage gestellt hat.

Putin zeigt sich gerne als kerniger Kerl und hat politisch alle Zügel in der Hand

Der Machtmensch Putin, physiognomisch beschenkt mit dem, was anglizismusverliebte Jugendliche als "Resting Bitch Face" bezeichnen, versteht die russische Seele nicht nur, er verkörpert sie in Perfektion: So zeigt er sich gerne oberkörperfrei, hoch zu Pferde, beim Hantieren mit großkalibrigen Waffen, beim Angeln und Jagen in den Weiten der Russischen Tundra. Der Herrscher des flächenmäßig größten Landes der Erde hat für seine Vorstellung von erfolgreichem Regieren einen eigenen Begriff geprägt, die "gelenkte Demokratie". Seine Gegner haben ebenfalls einen: den "Putinismus". Beide stehen für die moderne, russische Version eines zunehmend illiberal und autoritär regierten postkommunistischen Staates, wie er anderen Potentaten wie Recep Erdogan oder Victor Orban als Vorbild dient, die ganz ähnlich wie er - auf dem Weg vom Heilsbringer hin zum Autokraten - Erhaltung und Ausbau der eigenen Macht zunehmend über die Werte stellen, deretwegen sie einst an die Regierung gewählt wurden. Ein altes Prinzip.

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