Emanzipation einer Amerika-Freundin: Nach Abkehr von USA - Trump schießt gegen Merkel

Es ist keine Abkehr der Kanzlerin von den USA. Dafür ist ihr die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten viel zu wichtig. Aber sie löst sich von dem neuen Präsidenten - und will Europa stärken. Ein schwerer Gang.

Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel am 25. Mai in Brüssel beim Nato-Gipfel. Bild: Kay Nietfeld/dpa

Von diesem Traum erzählt Angela Merkel immer wieder: Im Rentneralter wollte sie unbedingt zu allererst nach Amerika. Da war die Physikerin noch jung, eine recht brave DDR-Bürgerin und hinter einer Mauer eingesperrt. Die Vereinigten Staaten waren für sie der Inbegriff von Freiheit. Für Meinung, Religion, Presse, Reisen, einfach alles. Ihr Traum wurde viel früher wahr: Die Mauer fiel, die Naturwissenschaftlerin kämpfte sich in der Politik nach ganz oben. In Deutschland, Europa, in der Welt. Washington als wichtigster Partner an der Seite. Doch jetzt geht Merkel einen neuen Weg.

Angela Merkel nach G7-Gipfel in Sizilien: Ernüchtert, desillusioniert, verstimmt

"Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt." Merkel hat das am Sonntag (28.05.2017) in einem Bierzelt in München gesagt, wenige Stunden nach Ende des für den Zusammenhalt der westlichen Industrienationen desaströsen G7-Gipfels auf Sizilien. Ernüchtert, desillusioniert, verstimmt. Nicht über den großen Freund und Partner USA im Ganzen, sondern über seinen neuen Präsidenten Donald Trump. Und auch ein wenig über Großbritannien, das der Europäischen Union den Rücken kehrt - und in ihrer Mitte doch so sehr gebraucht würde.

Merkel weiß um die vielen Stimmen in den USA, die sie nach der Wahl von Trump im vorigen Herbst als letzte Retterin der liberalen westlichen Werte auserkoren hatten. "Völlig absurd" nannte Merkel das damals. Aber inzwischen arbeitet sie an diesem Ruf - ob gezielt oder automatisch. Vertrauen, Berechenbarkeit - das ist der Kitt, der Partner zusammenhält, auch wenn es mal kracht und scheppert. Aber wenn für Merkel auch nur "ein Stück vorbei" ist, wird es ernst.

Finanzkrise und Abhöraffäre: Die USA blieben immer wichtiger Partner für Deutschland

Sie hat die USA trotz mancher Hindernisse wie in der Finanzkrise mit US-Präsident George W. Bush oder mit der Abhöraffäre zu Zeiten Barack Obamas immer unbeirrt als wichtigsten Partner bezeichnet. Weil die Bundesrepublik nach denselben Werten strebt, nach Freiheit, Gleichheit, Menschenrechten, Gerechtigkeit. Aber auch, weil Deutschland auf die Hilfe der USAbei Sicherheit, Verteidigung und Geheimdiensten angewiesen ist.

Daran willMerkel sicher nichts ändern. Regierungssprecher Steffen Seibert betont am Montag (29.05.2017): "Da hat eine zutiefst überzeugte Transatlantikerin gesprochen." Gerade weil die transatlantischen Beziehungen so wichtig seien, sei es auch richtig, Differenzen ehrlich zu benennen. Aber das tut eben weh.

Kritik aus der SPD an Kanzlerin Merkel: "Keine Kunst"

In den jüngsten Wochen hat Merkel auffallend oft betont, man müsse in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten rechnen. In der DDR hätten viele an den Mauerfall geglaubt und seien belächelt worden. Und nach 28 Jahren sei es so gekommen. Sie könnte auch sagen: Die Amtszeit eines US-Präsidenten ist spätestens nach acht Jahren zu Ende.

SPD-Generalsekretärin Katarina Barley wirft Merkel vor, ihre Kritik an den USAinszeniert zu haben. "Es ist keine Kunst, im Bierzelt über Donald Trump zu schimpfen", sagt sie. Das hätte Merkel beim G7-Gipfel tun sollen. Aber die kurze Passage in Merkels Wahlkampfrede bei der CSU von Horst Seehofer in München wird schnell von Medien in den USA und auch in Großbritannien verbreitet. Als hätte Merkel eine Brandrede gehalten.

Trump legt nach und wiederholt Anschuldigungen an Deutschland

Nach der heftigen Kritik Deutschlands an der US-Politik schlägt Präsident Donald Trump zurück. Am Dienstag übte er auf Twitter massive Kritik am Handelsüberschuss Deutschlands und den aus seiner Sicht geringen Militärausgaben und fügte hinzu: "Sehr schlecht für die USA. Das wird sich ändern."

Das Handelsdefizit ist der US-Regierung seit längerem ein Dorn im Auge. Bei den Verteidigungsausgaben pocht Washington auf eine massive Erhöhung auch seitens der Bundesregierung, die ihrerseits auf eine deutliche Anhebung dieses Postens verweist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte nach dem G7-Gipfel auf Sizilien Distanz zu Trump erkennen lassen. Sie sagte, Europa müsse sein Schicksal mehr selber in die Hand nehmen.

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