Joachim Gauck in Kiew über die deutsche Schuld: Nazi-Gräuel verpflichten zum Einsatz für Menschenrechte

Der Bundespräsident Joachim Gauck bekennt sich zur deutschen Verantwortung für die Ermordung zigtausender Juden durch die Waffen-SS und die Wehrmacht in Kiew im Jahr 1941. Und er geht noch einen Schritt weiter: Das Massaker in Babi Jar an den Kiewer Juden war der Vorläufer des industriellen Massenmordens der Nazis. Der Bundespräsident bekennt sich zur Schuld - und mahnt gemeinsames Erinnern an.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck während einer Rede in der Nähe der Schlucht Babi Yar in Kiew, Ukraine, am 29. September 2016. Bild: Stepan Franko/dpa

Es ist eine Reise zu den beinahe vergessenen Abgründen deutscher Schuld: Am 29. und 30. September 1941 löschen die deutschen Besatzer in der Schlucht Babi Jar fast die ganze zurückgebliebene jüdische Bevölkerung von Kiew aus. Mit Beihilfe der Wehrmacht ermorden Männer einer SS-Sondereinheit 33.771 Juden. Vor allem Frauen, Kinder und Greise. Mit Genickschuss. In immer neuen Zehnergruppen werden die Opfer in die Schlucht geführt. Sie müssen sich auf die Leichen der zuvor Erschossenen legen. Dann werden sie selbst massakriert.

Joachim Gauck sucht nach den richtigen Worten für das Massaker von Babi Jar

Jetzt, Jahre später, sucht Joachim Gauck nach den richtigen Worten für dieses unvorstellbare Verbrechen. Nach Sätzen, die versöhnen können und in die Zukunft weisen. Das deutsche Staatsoberhaupt nimmt an einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des deutschen Massenmords an den Kiewer Juden im Jahre 1941 teil. Der Bundespräsident will an diesem Septembertag ein weiteres Zeichen setzen gegen das Vergessen. Seine Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen der Ukraine soll auch so etwas wie ein Schlussstein in einer ganzen Begegnungskette des Präsidenten in Ländern sein, in denen die Deutschen in der Nazizeit gewütet haben.

Themen Schuld und Verantwortung der Deutschen durchziehen Gaucks Amtszeit

Schon ganz zu Beginn seines Wirkens als Bundespräsident war dem im Krieg geborenen Gauck klar: Die Themen Schuld und Verantwortung der Deutschen würden seine Amtszeit durchziehen, genauso wie jene Ermutigungsreden, die er immer wieder ans eigene Volk gerichtet hat.

Allein 12 Reden Gaucks zum Gedenken an die Nazi-Opfer und den von den Deutschen angezettelten Zweiten Weltkrieg in Deutschland reihen sich in seiner Amtszeit aneinander. Zwischen 2012 und 2016 hat der Bundespräsident 8 Auslandsreisen quasi in den Geist der Versöhnung gestellt. Und dabei gerade auch Orte besucht, die von deutschen Soldaten heimgesucht wurden, deren Opfer aber in Vergessenheit zu geraten drohten.

FOTOS: Die Reisen des Bundespräsidenten Joachim Gaucks Amtszeit in Bildern
zurück Weiter 2013 geht Gauck Hand in Hand mit dem Überlebenden Robert Hébras durch die Ruinen von Oradour, begleitet von Präsident Francois Hollande. 1944 hatte die deutsche SS in dem französischen Dorf 642 Menschen, darunter 207 Kinder, getötet. (Foto) Foto: Philippe Wojazer/Pool/dpa Kamera

Um Vergebung für deutsche Kriegsverbrechen bitten

Wie beispielsweise im März 2014, als er im nordwestgriechischen Dorf Lingiades in einer bewegenden Zeremonie deutlich wie keiner seiner Vorgänger um Vergebung für deutsche Kriegsverbrechen bat. Am 3. Oktober 1943 hatte die Wehrmacht dort mehr als 80 Menschen ermordet, unter ihnen mehr als 30 Kinder.

Und nun Babi Jar. Der Bundespräsident hat in seine Delegation die in Berlin lebende 41 Jahre alte Schriftstellerin Katja Petrowskaja eingeladen. Für einen Auszug aus ihrer Erzählung "Vielleicht Esther" hat sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Darin beschreibt die gebürtige Kiewerin, wie ihre Urgroßmutter einem Aufruf der Besatzungsbehörden folgt, nach dem alle Juden sich mit Dokumenten, Geld- und Wertsachen um 8.00 Uhr an den Friedhöfen am Stadtrand einfinden sollten. Ein deutscher Soldat erschießt Petrowskajas Urgroßmutter am 29. September vor 75 Jahren auf offener Straße.

  • Seite:
  • 1
  • 2
Empfehlungen für den news.de-Leser