Sahra Wagenknecht exklusiv
Darum sollten wir AfD und Angela Merkel nicht überschätzen

Sahra Wagenknecht, Fraktionschefin der Linken im Bundestag, beklagt einen massiven Rechtsrutsch in Deutschland. Im Interview mit news.de erklärte sie, warum man Angela Merkel nicht überschätzen sollte, und warum die AfD die Probleme Deutschlands gar nicht lösen will.

Sahra Wagenknecht kämpft als Fraktionsführerin der Linken im Bundestag gegen den Kapitalismus. Bild: dpa

Das neueste Buch von Bundespolitikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke) "Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten können" will Deutschland ein alternatives Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept aufzeigen. Im Interview mit news.de erläuterte die Fraktionschefin der Linken im Bundestag, wie wahnsinnig Deutschland aktuell ist.

Frau Wagenknecht, angesichts der Flüchtlingskatastrophe in Europa und dem AfD-Schock-Erfolg in Deutschland stellt sich die Frage: Haben wir gerade nicht dringendere Aufgaben als uns vor dem Kapitalismus zu retten?

Sahra Wagenknecht: Aber auch die Flüchtlingskrise hat mit der kapitalistischen Weltordnung und Wirtschaftskriegen um Rohstoffe und Absatzmärkte zu tun. Wir erleben doch überall, dass das bestehende Wirtschaftssystem sich in einer tiefen Krise befindet. In vielen Ländern ist die Zivilisation auf dem Rückzug: Staaten zerbrechen, die Macht übernehmen Warlords und Terrorbanden, die der Westen mit seinen Kriegen stärkt statt schwächt. Und in den Industrieländern ist der Wohlstand breiter Teile der Bevölkerung gefährdet: Die Mittelschicht erodiert, die Zahl prekärer Jobs wächst und mit ihnen die Armut.

"Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert" - Dieses Zitat von Albert Einstein haben Sie Ihrem Buch vorangestellt. Wie wahnsinnig sind wir in Deutschland aktuell, Ihrer Meinung nach?

Sahra Wagenknecht: Wir erleben in Deutschland aktuell einen massiven Rechtsrutsch, der in erster Linie aus Abstiegsängsten, Verunsicherung und dem berechtigten Gefühl resultiert, dass die herrschende Politik die Interessen der kleinen Leute missachtet und sich um sie nicht mehr kümmert.

Aber die AfD wird dieses Problem nicht lösen, weil sie die aktuellen wirtschaftlichen Machtverhältnisse gar nicht ändern will. Diese Machtverschiebung zugunsten des großen Geldes ist das eigentliche Problem. Die großen Konzerne und der hinter ihnen stehende Geldadel können heute jede Regierung erpressen oder schlicht kaufen und so ihre Interessen gegen alle anderen durchsetzen. So gesehen leben wir eher in einer Oligarchie als in einer Demokratie.

FOTOS: Linkspartei Die prominentesten Köpfe der Linken

Immer mehr junge Erwachsene streben danach, eben nicht mehr dem Geld und der Karriere hinterher zu hetzen. Sie besinnen sich auf andere Werte, wie Familie und soziale Bindungen. Sie selbst sagen: "Viele Millionen zu bunkern ist kein Reichtum, sondern armselig." Sollten die Deutschen ihre Einstellung zu Geld und Reichtum grundlegend ändern?

Sahra Wagenknecht: Geld ist ein Mittel zum Zweck, nicht mehr. Aber dass Geld heute so sehr zum Selbstzweck überhöht wird, hängt natürlich auch damit zusammen, dass viele Menschen trotz harter Arbeit eben nicht genug Geld verdienen, um sicher und sorgenfrei zu leben.

Wer ständig rechnen muss, bei dem dreht sich zwangsläufig alles ums Geld. Und Kapitalismus bedeutet, dass Unternehmen zu bloßen Anlageobjekten werden, die in erster Linie Rendite bringen müssen. Echte Unternehmer haben andere Motive, aber in vielen Aktiengesellschaften geht es doch nur noch um kurzfristige Finanzkennziffern. Genau das muss anders werden.

Sie haben schon mehrfach Werke zur Kapitalismus-Kritik verfasst. Warum hört denn niemand auf Sie, wenn Sie doch offenbar eine Lösung parat haben?

Sahra Wagenknecht: In früheren Büchern habe ich in erster Linie kritisiert. Jetzt habe ich erstmals ein Gegenmodell entwickelt. Viele Menschen denken doch, die einzige Alternative zum Kapitalismus wäre eine Plan- oder Staatswirtschaft, wie sie früher im Osten Europas und in der Sowjetunion existierte. Und dahin wollen sie aus gutem Grund nicht zurück. Deshalb war es mir wichtig zu zeigen, dass es viel attraktivere Alternativen gibt, solche, die Produktivität und Innovation weit besser fördern als der heutige Kapitalismus.

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18 Kommentare
  • Ushiro

    29.03.2016 11:04

    [Zitat]:"...Natürlich fände ich es besser, wenn wir eine Chance hätten, unsere Ideen auch umzusetzen...." Das hatten die Kommunisten doch. Ich habe 24 Jahre meines Lebens diese "Ideen" ertragen müssen, bis das Volk diese Verbrecher zum Teufel gejagd hat. Der Terroristen-Import der derzeitigen Regierung ist auch Problem des Kapitalismus, sondern lediglich dem Größenwahn einiger Politiker gechuldet. Ich hoffe, dass das deutsche Volk sich seiner Traditionen aus dem Jaht 1989 entsinnt und auch die derzeitigen Verbrecher verjagd. Mit den Erfogen der AfD ist ein Anfang ist gemacht.

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  • hpklimbim

    27.03.2016 17:36

    @Alwin Albrecht - Das war ironisch gemeint. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Aber ganz ehrlich - es fällt jeden Tag ein Stück schwerer, dieses ganze politische Ranzpack mitsamt seiner volksaufspaltenden Lobbyistenkultur zu ertragen.

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  • Alwin Albrecht

    27.03.2016 13:33

    @hpklimbim ""Da werden Sie geholfen......"" Von @Rene Willert etwa ??? ...oder wie war das gemeint? Nee, falsch, dem ist nicht mehr zu helfen.:-)

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