Flüchtlinge in Deutschland: So könnte der Ansturm unsere Gesellschaft verändern

SPD-Chef Gabriel spricht von der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung, Bundestagspräsident Lammert sieht das Land vor einem dauerhaften Wandel. Welche Folgen haben die stark gestiegenen Flüchtlingszahlen?

Wie werden die Einwanderer Deutschland verändern? Bild: thomasschwerdt - Fotolia.com

Vizekanzler Sigmar Gabriel hält 500.000 Flüchtlinge pro Jahr für Deutschland in den kommenden Jahren für realistisch - und für verkraftbar. Doch was würde das bedeuten?

Sind 500.000 Flüchtlinge jährlich über einen längeren Zeitraum überhaupt realistisch?

Weltweit sind fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht, sagt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Allein im Libanon leben 1,2 Millionen geflohene Syrer in Camps. "Das Potenzial ist schon da", sagt Nausikaa Schirilla, Migrationsforscherin an der Katholischen Hochschule Freiburg. Aber: "Migration ist nicht steuerbar." Der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt, sagt: "Es wird sehr stark davon abhängen, wie sich die Grenzstaaten verhalten." Machten Ungarn, Bulgarien und Griechenland ihre Grenzen dicht, würden die Flüchtlingszahlen zurückgehen.

Kann Deutschland solche Zahlen bewältigen?

"Das ist ehrgeizig, aber verkraftbar", sagt Dietrich Thränhardt, emeritierter Professor für Migrationsforschung an der Universität Münster. Vor dem Bau der Mauer 1961 seien Flüchtlinge in ähnlicher Zahl aus Ostdeutschland gekommen.

Kritischer sieht das der Migrationsforscher Wido Geis vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft Köln: "Mein Gefühl ist, 200.000 bis 300.000 pro Jahr kann Deutschland sehr gut aufnehmen." Bei 500.000, insbesondere mit vielen Niedrigqualifizierten, könne es nur funktionieren, wenn sehr stark in die Integration der Menschen investiert werde. Dabei sieht Geis die Kommunen deutlich stärker unter Druck als den Bund.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Das größte Problem ist für Thränhardt aktuell die lange Dauer der Asylverfahren. "Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge müsste viel effektiver arbeiten", sagt er. "Wir haben jetzt schon einen Rückstau bei den Anerkennungsverfahren." Thränhardt spricht von allein 500.000 unbearbeiteten Anträgen in diesem Jahr. "Das ist ein bürokratischer Flaschenhals." Die Anerkennung sei die Voraussetzung für alle weiteren Schritte. Außerdem brauche es mehr Sprachprogramme und eine professionellere Vermittlung durch die Bundesagentur für Arbeit.

VIDEO: Flüchtlinge in München und Hessen eingetroffen

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