Von Kohl bis McAllister Dieser Mann hängt Politiker auf

Wahlplakate
Nervig oder sinnvoll?

Von Julia Spurzem
Sie dürfen in keinem Wahlkampf fehlen: die Wahlplakate der Parteien. Auch in Niedersachsen wurde fleißig tapeziert. Und mittendrin Klaus Meyer-Gaus. Der 47-Jährige hat schon so manchem Politiker auf die große Leinwand verholfen. Dabei hat die Arbeit so ihre Tücken.

Ein Wahlplakat ist Klaus Meyer-Gaus besonders in Erinnerung geblieben. Zu sehen war es im Bundestagswahlkampf 1990: Oskar Lafontaine, damals noch in der SPD, im romantischen Licht eines Sonnenuntergangs abgebildet.

«Das war so schön orange. Ich hatte das Gefühl, den ganzen Tag nur orange gesehen zu haben», sagt der 47-Jährige.

Meyer-Gaus ist seit 22 Jahren Plakatkleber in Hannover. Von Helmut Kohl über Oskar Lafontaine bis David McAllister hat er bereits nahezu jeden Politiker auf eine Großfläche tapeziert. Im Landtagswahlkampf in Niedersachsen hat er alle Hände voll zu tun.

Für fast alle Parteien klebt Meyer-Gaus die Großflächen in der Landeshauptstadt - nur die Linken haben jemand anderen engagiert. Eigentlich ist er jedoch gelernter Landwirt.

1500 Liter Kleister pro Wahlkampf

Die Aufgabe, Plakate für Politiker zu kleben, wäre ihm als junger Mann nie in den Sinn gekommen. «Die Idee ist eher zu mir gekommen als ich zu der Idee», berichtet er. Sein jetziger Arbeitgeber war damals nicht wirklich zufrieden mit den Arbeitern, die die Plakate klebten. Irgendwer kam schließlich auf die Idee, Landwirte zu fragen und über Umwege fand dieses Angebot dann zu Meyer-Gaus, der 40 Kilometer nördlich von Hannover in Schwarmstedt lebt.

Die Ausflüge in die Stadt genießt der groß gewachsene Mann inzwischen sehr. «Dort gibt es immer so viel zu schauen. Leute beobachten ist einfach großartig», sagt er und zählt einiges auf:

Punks, schlecht gekleidete Männer, aufgetakelte Frauen. «Ich hab immer was zu schmunzeln», sagt er.

Dabei muss er sich eigentlich auf seine Arbeit konzentrieren. Mit einer Art Besen verteilt der Plakatierer den hochwertigen Kleister auf der sogenannten Wesselmann-Fläche, die er selbst vor einigen Wochen aufgebaut hat. Das alte Plakat von SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil - noch nicht einmal zwei Wochen alt - muss durch ein neues Motiv ersetzt werden.

Etwa 1500 Liter des Kleisters verbraucht er in einem Landtagswahlkampf!

Damit die Plakate nicht durch Feuchtigkeit beschädigt werden, fügt er der Klebemasse Pilzschutzmittel hinzu. Nach dem Kleister folgt schließlich das neue Plakat, die vier einzelnen Teile müssen vor dem Aufhängen 12 bis 24 Stunden gewässert werden. «Ansonsten spannt es zu sehr und würde reißen», erklärt Meyer-Gaus, während er ein Stück mit dem oberen Teil des Kopfes von Stephan Weil auf der Tafel anbringt.

Mit dem Besen glatt streichen und schon hängt zehn Minuten später ein frischer SPD-Spitzenkandidat an der Großfläche.

Meist macht er dann noch ein Foto von dem Motiv. «Die schau ich mir dann mal alle an, wenn ich 85 bin und nichts mehr zu tun habe», sagt er.

Neben Lafontaine befindet sich in dieser Sammlung auch Niedersachsens früherer Ministerpräsident Ernst Albrecht. Schon Helmut Kohl hat der 47-Jährige in insgesamt drei Wahlkämpfen aufgehängt. Ob er einen Lieblings-Politikerkopf oder ein Lieblingsplakat hat? «Manche Motive finde ich sehr schön, andere sind einfach nur stumpf», sagt er ganz diplomatisch.

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Bei den Köpfen auf den Plakaten ist Meyer-Gaus jedoch äußerst vorsichtig...

«Man muss schon aufpassen, dass man daraus keine Fratze macht», sagt er.

Bei einem aktuellen Motiv gehe etwa die Teilungslinie der einzelnen Plakatstücke genau durch die Pupille und den Mundwinkel des Kandidaten. Das sei nicht wirklich optimal, sagt er. Um welche Partei es sich handelt, verrät der norddeutsch nüchtern wirkende Landwirt natürlich nicht. Das ist offenbar eine Art Ehrenkodex für ihn.

Arbeiten bei Minusgraden ohne Handschuhe

Bei allen Parteien gibt er sich deshalb auch die gleiche Mühe. Selbst wenn er stundenlang im Nieselregen, Schnee oder bei Minusgraden arbeiten muss. Handschuhe kann er bei seiner Arbeit nicht anziehen. «Dann habe ich kein richtiges Gefühl für das, was ich tue», sagt er.

Deshalb ist er von dem traditionell im Winter stattfindenden Wahlkampf in Niedersachsen durchaus mal genervt. «Eigentlich wäre es mal mein Wunsch, dass die nächste Regierung nicht die ganze Legislaturperiode durchhält, damit der nächste Wahlkampf nicht im Winter ist», erzählt er.

In diesem Jahr wird der Schwarmstedter aber im Sommer bereits weiter kleben. Ab August wird er die Großflächen für die Bundestagswahl vorbereiten und aufbauen, die er jetzt nach dem 20. Januar abbauen wird. Begleitet wird diese Arbeit dann sicher auch wieder von vielen Passanten, die ihn regelmäßig ansprechen, seine Arbeit kritisieren oder allgemein etwas gegen Politiker haben.

Sogar einen Farbbeutel hat jemand mal aus einem Auto auf ihn geworfen, berichtet er. Getroffen hat er allerdings nur das alte Plakat - und das hat Meyer-Gaus dann einfach wie geplant überklebt.

Die Spitzenkandidaten der Niedersachsen-Wahl gibt's hier im Überblick.

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zij/news.de/dapd

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