Wolfgang Schäuble «Es gibt Besseres, als vollgekrümelt zu werden»

Ungewohnt offen spricht der Bundesfinanzminister in einem Interview mit Capital über sein Leben im Rollstuhl. Mit viel Selbstironie und brutaler Ehrlichkeit erklärt Wolfgang Schäuble, wie ihn das Handicap verändert hat, warum Fotografen im Bundestag ihn ärgern und er Abendveranstaltungen meidet.

Wolfgang Schäuble: Was Sie nicht über den Finanzminister wussten

Wolfgang Schäuble ist nicht unbedingt als der offenste, gefühlsbetonteste Politiker bekannt. Der Jurist bewahrt fast immer die Form, gibt sich oft staatsmännisch. Einmal fuhr er aus der Haut und kanzelte seinen Sprecher wegen fehlender Unterlagen auf einer Pressekonferenz öffentlich ab - zur Belustigung der Netzgemeinde und zum Ärger der eigenen Partei. Erst vor kurzem erschien ein Buch über den Finanzminister, das ein emotionales Porträt zeichnet. Natürlich geht es dabei auch um sein Leben im Rollstuhl.

Über das hat Schäuble nun selbst ungewohnt offen in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Capital gesprochen. Im Oktober 1990 war der Politiker bei einem Attentat angeschossen und schwer verletzt worden. Seitdem ist er vom Brustwirbel abwärts gelähmt. Sein Handicap, «die Erfahrung, dass von einer Sekunde auf die andere alles ganz anders ist», habe ihn gelassener und resistenter gemacht, sagt er. Auch, wenn das seine Zeit brauchte.

Er sei weder verbittert noch ein besserer Mensch, nur weil er behindert ist. «Alle Menschen sind behindert - aber wir wissen es wenigstens», sage Schäuble gelegentlich zu anderen Behinderten. Seinen Hobbys wie Wandern oder Tennisspielen könne er zwar nicht mehr nachgehen. Doch damit hat sich der Finanzminister offensichtlich arrangiert, macht sogar Witze darüber. «Ich wäre jetzt in der Ü70 spielberechtigt», sagt Schäuble. «Aber das bleibt allen, auch mir, erspart.»

Sein Leben habe er der Politik verschrieben - erst recht nach dem Attentat. «Ich konnte mich vor lukrativen Angeboten retten», erklärt Schäuble mit einem Augenzwinkern. Schlimm sei das nicht; Politik finde er noch immer faszinierend. Nur eines nerve ihn: die Fotografen, die ihn auf der Rampe zum Bundestag ablichten wollten. «Das gibt immer blöde Bilder, weil man die Anstrengung sieht, und dann heißt es wieder: Oh Mann, was hat der Schäuble es schwer.»

Abendveranstaltungen mit Polit-Prominenz kann der Finanzminister nur wenig abgewinnen. Nicht nur, weil man da nicht sonderlich viel verpasse, sondern auch aus rein praktischen Erwägungen. Für Rollstuhlfahrer gebe es einfach Angenehmeres, «als sich mit anderen Leuten um das Büfett zu drängeln, dann vielleicht auch noch von oben vollgekrümelt zu werden oder bei einem Stehempfang immer den Kopf nach oben und hinten zu verdrehen», so Schäuble zu Capital.

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iwi/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • anger
  • Kommentar 2
  • 21.10.2012 09:41
Antwort auf Kommentar 1

Sie haben das System noch nicht in Gänze durchschaut. Merkel hat sich Schäuble ausgeliefert und spielt schon lange nach dessen Regeln. Das Sagen haben in Deutschland letztlich der Polit-Windhund Juncker, der Bankrotteur Barroso, Goldman&Draghi-Monti&Sachs und deren Handlanger. Schäubles ganzes Handeln - alle Lügen und Vertragsbrüche - zielten seit Jahren genau auf diesen Zustand ab. Er hat Deutschland ausgeliefert.

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  • Paul Herchenbach
  • Kommentar 1
  • 20.10.2012 10:31

Es ist eine Schande für Deutschland,so einen Mann als Finanzminister zu haben , aber Merkel hat ja keine Auswahl mehr. Der mann ist für mich schon seit 20 Jahren senil und leidet an Altersstarrsinn. Hoffentlich ist das nächstes Jahr zu ENDE ! Ich bin seit mehr als sechzig Jahren CDU-Wähler,aber nächstes Jahr nicht mehr !!!! Alle Guten (zum Bsp.Friedr.März ) haben sich längst von der Politik verabschiedet und sind in der freien Wirtschaft tätig, hier sind Politnieten nicht gefragt

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