Wahlen in Venezuela Der letzte Kampf des Comandante Chávez

Ein krebskranker Hugo Chávez oder der smarte Henrique Capriles? Heute entscheiden die Venezolaner, wer sie regieren wird. Chávez schürt die Angst, dass soziale Errungeschaften mit Capriles verloren gehen. Und die Opposition rechnet damit, dass Chávez die Wahl ohnehin manipuliert.

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Knapp 19 Millionen Venezolaner entscheiden heute über den künftigen Kurs ihres Landes - und in den Lagern der beiden aussichtsreichen Kandidaten macht sich die Angst vor einer ungewissen Zukunft breit. Falls der Kandidat der Opposition, Henrique Capriles, gewinne, «werden sie Jagd auf uns machen», sagt Luis Gustavo Marin, ein Unterstützer von Amtsinhaber Hugo Chávez. Buchhalterin Dunia Nessi will für Capriles stimmen und befürchtet, unter Chávez werde die Zahl der Gewaltverbrechen weiter zunehmen. «Es gibt hier absolut keine Sicherheit», sagt Nessi. «Falls er gewinnt, kann ich entweder hier mit dieser Belastung leben bleiben oder zwei Koffer packen und weggehen.»

Der äußerst polarisierende Wahlkampf hat dazu geführt, dass viele Bürger nicht auf Grundlage von Wahlversprechen entscheiden, sondern sich von Ängsten beeinflussen lassen. Am Mittwoch versprach Capriles in Venezuelas zweitgrößter Stadt Maracaibo zwar, mit ihm als Präsident werde es «weder Hass noch Revanche noch Rache geben». Doch Chávez warnt ununterbrochen vor Chaos und einem Auseinanderfallen des von ihm aufgebauten Wohlfahrtsstaates, falls er sein Amt verliere.

Als am Samstag zwei Mitglieder von Capriles' Team im Westen des Landes erschossen wurden, forderten zwar beide Kandidaten die Abkehr von Gewalt. Doch die Atmosphäre bleibt aufgeheizt, die Verwandten der Opfer beschuldigten weiter Anhänger von Chávez, hinter dem Angriff zu stehen.

Capriles ist der erste echte Herausforderer für Chávez seit 1999

Der 58-jährige Präsident führt Venezuela seit Anfang 1999 auf strammem Linkskurs. Nun trifft er das erste Mal auf einen ernst zu nehmenden Herausforderer, der mit seinen 40 Jahren weit jugendlicher wirkt als der krebskranke Chávez. Henrique Capriles setzte in seiner Kampagne vor allem auf Tuchfühlung mit den Wählern und absolvierte zahllose Wahlkampfveranstaltungen im ganzen Land. Sein zentrales Motto heißt «Hay un camino» (Es gibt einen Weg). Er wirft Chávez vor, er habe es trotz des Ölreichtums nicht geschafft, die Probleme der Venezolaner zu lösen. Der Jurist wäre im Falle eines Wahlsieges der jüngste Präsident in der Geschichte Venezuelas.

Hugo Chávez schürt im Volk die Angst vor seinem Herausforderer. Capriles vertrete die gierigen Eliten, es drohe der Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten, warnt der Präsident und wirft dem jungen Kontrahenten vor, er wolle die aus dem Ölgeschäft stammenden Gewinne nicht mehr für das kostenlose Gesundheitssystem, subventionierte Nahrungsmittel und andere Sozialmaßnahmen nutzen, die Zehntausende aus der Armut geholt haben.

Capriles hat zwar versprochen, die Programme nicht anzutasten. Aber Chávez redet unbeirrt weiter, wie etwa bei einer Wahlkampfveranstaltung im September in Charallave: «Ich bin überzeugt: Falls die venezolanische Bourgeoisie versucht, ihr Paket anzuwenden, könnte Venezuela einen Bürgerkrieg erleben.» Am Dienstag sagte Chávez in Barquisimeto, «sie würden euch Gesundheitsfürsorge, Essen und die Renten wegnehmen».

Die als Chávistas bekannten Anhänger des Präsidenten befürchten weiter, Capriles könne eine Hetzjagd auf sie starten. «Wir haben doch am 11. April 2002 gesehen, was für ein Regierungsmodell sie anwenden würden», sagt Marin. Damals vereitelte das Militär einen Putschversuch. Doch nur Stunden nach dem Coup wollte Interimspräsident Pedro Carmona Estanga Parlament und Verfassungsgericht auflösen.

Opposition rechnet mit Wahlbetrug

Chávez' Kritiker sagen, Strategie des Präsidenten sei es, sie gezielt einzuschüchtern. So befürchten einige Regierungsbeamte, ihre Posten zu verlieren, wenn sie offen zu Capriles stehen. 2004 hatte eine Regierungspartei schon einmal eine Liste von zwei Millionen Bürgern veröffentlicht, die eine Volksabstimmung gegen Chávez unterstützen. Viele sollen deshalb gefeuert worden sein.

Eine Umfrage im April 2011 durch das von Jesuiten unterstützte Forschungsinstitut Centro Gumilla ergab, dass 42,6 Prozent der armen Venezolaner Angst haben, über Politik zu reden, weil sie glauben, dadurch Hilfe oder Jobs der Regierung verlieren zu können. Von einem «Rückzug in Unentschiedenheit als Vorsichtsmaßnahme» spricht Luis Salamanca, der die Studie koordiniert hatte.

Die Opposition sorgt sich derweil, dass die Wahl weder geheim noch fair verlaufen könnte. Tatsächlich hat die Regierung keine internationalen Wahlbeobachter eingeladen. In Venezuela kann nur per elektronischem Wahlautomaten gewählt werden - die laut Regimekritiern häufig manipuliert werden oder einfach ausfallen, wenn es gerade passt. Das Lager von Capriles will deshalb in jedem Wahllokal mitzählen. Trotz aller Unwägbarkeiten wird eine Wahlbeteiligung von über 75 Prozent erwartet, in den meisten Umfragen führt Chávez.

iwi/news.de/dapd/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • zombie1969
  • Kommentar 1
  • 07.10.2012 19:34

Chavez und seine letzten Verbündeten aus Nordkorea, Iran, Weissrussland, Syrien und den linksgrünen Parteien Europas, scheinen die Zeichen der Zeit immer noch nicht erfasst zu haben. Zumindest mit Syrien dürfte ein Verbündeter bald verschwunden sein. Andere werden zweifellos auch noch folgen.

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