Angriff auf Türkei Syrien-Konflikt schürt Gewalt in Nachbarländern

Syrien-Konflikt
Assads brutaler Krieg

Von Karin Laub
Türkei, Libanon, Irak: Der Bürgerkrieg in Syrien reicht längst über die Landesgrenzen hinaus. Erneut ist eine syrische Granate in der Türkei explodiert, es wurde zurückgeschossen. Experten prophezeien, dass die fragile Region eine Veränderung durchmachen wird, wie man sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gesehen hat.

Der Vergeltungsschlag der Türkei gegen Syrien hat einmal mehr verdeutlicht, wie schnell der syrische Bürgerkrieg die Nachbarländer erfassen und eine ohnehin unruhige Region destabilisieren kann. Am Morgen ist der Konflikt mit der Türkei nun erneut befeuert worden. Eine syrische Granate schlug 50 Meter von der Grenze entfernt in der Nähe des türkischen Dorfes Güveççi ein. Obgleich die Behörden nicht von einem gezielten Angriff ausgehen, erwiderten die türkischen Streitkräfte das Feuer.

Seit dem 3. Oktober liefern sich die Türkei und Syrien Scharmützel an der Grenze. Zudem hat die Gewalt in Syrien kurdische Separatisten in der Türkei ermutigt. Während des seit nunmehr 18 Monaten andauernden Syrien-Konflikts haben als Folge der Gewalt auch Spannungen zwischen unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften im Libanon und im Irak zugenommen. Auch an der lange Zeit ruhigen syrischen Grenze zu Israel ist die Lage angespannt.

Türkei-Beschuss
Neue Eskalation im Syrien-Konflikt
Video: afp

«Es gibt kein einziges Land an der Grenze zu Syrien, von dem wir ehrlich sagen können, dass es nicht einer realistischen Bedrohung für die innere Stabilität und nationale Sicherheit (durch den Konflikt) gegenübersteht», sagt Aram Nerguizian von der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies in Washington.

Der Syrien-Konflikt war von Anfang an auch über die Grenzen des Landes hinweg zu spüren. So sind seit Beginn des Aufstands gegen das Regime von Präsident Baschar Assad im März 2011 Hunderttausende Syrer vor der Gewalt in die Nachbarländer Jordanien, Türkei, Libanon und den Irak geflohen. Mörsergranaten und verirrte Geschosse schlugen mit teilweise tödlichen Folgen auf türkischem, jordanischem und libanesischem Gebiet, aber auch auf den von Israel kontrollierten Golanhöhen ein.

Syrien
Bürgerkrieg traumatisiert Kinder in Aleppo
Video: afp

Während die Türkei in dieser Woche mit einer Vergeltungsaktion auf einen tödlichen Zwischenfall reagierte, bei dem eine in Syrien abgeschossene Granate in der türkischen Ortschaft Akcakale fünf Frauen und Kinder tötete, haben andere Nachbarländer Syriens Zurückhaltung an den Tag gelegt. Sie wollen damit auch verhindern, dass sich Spannungen zwischen Glaubensgruppen im eigenen Land zuspitzen.

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Kein Interesse an weiterem Krieg im Libanon

Sowohl der Irak als auch der Libanon haben eine ähnliche Bevölkerungsstruktur wie in Syrien, wo sunnitische Muslime den Aufstand gegen die von der alawitischen Minderheit dominierte Regierung anführen. Seit Mai kommt es im Libanon immer wieder zu Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern der Assad-Regierung. Die Gewalt in der von Sunniten geprägten Hafenstadt Tripoli kostete bislang mehr als zwei Dutzend Menschen das Leben.

Zudem wird vermutet, dass die dem Assad-Regime nahestehende und im Libanon aktive Hisbollah-Miliz Kämpfer zur Unterstützung des syrischen Regimes ins Nachbarland entsendet. Dennoch glaube er nicht, dass «irgendjemand im Libanon, unter den wichtigen politischen Führern, den wichtigen Splitterparteien, einen sektiererischen Krieg (zu Hause) unterstützen will», sagt Michael Young, Redakteur der libanesischen Zeitung Daily Star.

Die geschwächte Regierung des Landes könnte nach Angaben von Beobachtern einem langwierigen Konflikt im syrischen Nachbarland womöglich nicht standhalten. «Die Krise untergräbt die Belastbarkeit des (libanesischen) Staats», meint Emile Hokayam vom Internationalen Institut für Strategische Studien in London. «Kleine sicherheitsrelevante Zwischenfälle könnten nur aufgrund schlechten Managements eskalieren.»

Sunnitischer Aufstand im Irak als reale Gefahr

Im Irak hat der syrische Bürgerkrieg die von Schiiten dominierte Regierung vor einen schwierigen Balanceakt gestellt. Im vergangenen Monat geriet Ministerpräsident Nuri al-Maliki unter Druck aus Washington, den irakischen Luftraum für iranische Flugzeuge zu sperren, die mutmaßliche Waffenlieferungen für Syrien enthielten.

Unterdessen hat die Kampflust der Sunniten in Syrien dazu beigetragen, im Irak einen neuen sunnitischen Aufstand zu entfachen. Sollte Assad gestürzt werden und sich Syrien einer sunnitischen Koalition in der Region anschließen, könnte sich die irakische Regierung womöglich um noch engere Verbindungen zum Iran bemühen.

Syrien-Konflikt wird gesamte Region umkrempeln

In der Türkei ist die Unterstützung der Regierung für die Rebellen im Kampf gegen den syrischen Präsidenten mit einem deutlichen Anstieg von Angriffen kurdischer Separatisten im Südosten des Landes kollidiert. Nachdem sich Ankara für die Einrichtung international geschützter Sicherheitszonen in Syrien ausgesprochen hatte, hatten sich im Sommer syrische Regierungsgruppen aus mehreren kurdischen Ortschaften an der Grenze zur Türkei zurückgezogen.

Dadurch erhielten die Kurden einerseits mehr Autonomie, andererseits verkörperten sie eine Art Pufferzone zwischen Syrien und der Türkei. Assad habe der türkischen Regierung gewissermaßen zu verstehen gegeben: «Ihr könnt (in Syrien) intervenieren, aber zuerst müsst ihr die (kurdische Arbeiterpartei) PKK auf dem Weg dorthin bekämpfen», sagt Soner Cagaptay, ein türkischer Experte am Washingtoner Institut für Nahostpolitik.

Nerguizian, der Analyst aus Washington, glaubt, dass der Syrien-Konflikt drastische Veränderungen in Gang gesetzt hat, die die Region umgestalten werden. Das Resultat werde in «keiner Weise wie die Struktur aussehen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gesehen haben.»

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zij/iwi/news.de/dapd

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • 0815
  • Kommentar 1
  • 06.10.2012 22:21

Sure 4, Vers 89: “Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und dass ihr ihnen gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer.” Für Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Sozialhilfe- und Kriminalitätsstatistik…

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