Berufung vertagt Pussy-Riot-Punkerin feuert Anwälte

Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina sind zu je zwei Jahren Straflager verurteilt. (Foto)
Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina sind zu je zwei Jahren Straflager verurteilt. Bild: dpa

Die Entscheidung, ob die drei Pussy-Riot-Punkerinnen ins Straflager müssen, ist vertagt: Jekaterina Samuzewitsch hat kurz vor Beginn der heutigen Berufungsverhandlung ihre Anwälte gefeuert.

Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen patrouillieren im Gerichtssaal des Moskauer Stadtgerichts, die drei Pussy-Riot-Frauen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch sitzen hinter dunklen Glasscheiben. Um 9 Uhr hat die Berufungsverhandlung gegen die regimekritische Punkband begonnen und wird gleich zu Anfang unterbrochen, eineinhalb Stunden später schließlich komplett vertagt.

Auslöserin ist das Bandmitglied Jekaterina Samuzewitsch. Sie entließ zu Beginn der Anhörung unerwartet ihre drei Verteidiger, da es Meinungsverschiedenheiten gegeben habe. Die Richter lehnten die Eingabe zunächst ab, boten ihr aber wenig später an, eine förmliche Ablehnung ihrer Verteidiger zu beantragen. Die Verhandlung soll den Angaben zufolge am 10. Oktober fortgesetzt werden.

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Video: afp

Nikolaj Polosow, einer der Anwälte der Musikerinnen, zeigte sich überrascht von Samuzewitschs Entscheidung. Es habe im Laufe des Prozesses «niemals eine Meinungsverschiedenheit» gegeben, erklärte er nach der Anhörung. Einer der Gründe für das Zerwürfnis sei die «undurchsichtige Verwendung von Spenden für Pussy Riot», berichtete die Zeitung Nowaja Gaseta. Zudem sollen die Juristen Briefe unterschlagen haben.

Nebenklärer spricht von abgekartetem Spiel

Dagegen sprach der Anwalt der Nebenkläger von einer «abgekarteten Sache». Er fürchte, dass am 10. Oktober die beiden anderen Frauen ihre Verteidiger entlassen würden, um den Prozess in die Länge zu ziehen, sagte Alexej Taratuchin.

Nach der Vertagung wurden Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) - beide Mütter kleiner Kinder - sowie Samuzewitsch (30) zurück ins Untersuchungsgefängnis gebracht. «Keine Sorge, alles normal», sagten sie einer Nowaja Gaseta-Korrespondentin. Das Gericht muss entscheiden, ob die Verurteilung «aus tiefstem Hass gegenüber Gläubigen», so der Richterspruch vom 17. August, rechtmäßig ist.

Vor dem Gerichtsgebäude nahm die Polizei mehrere Menschen fest, die mit aufblasbaren Puppen eine schärfere Verurteilung der drei Frauen gefordert hatten. Sie kritisierten die internationale Unterstützung für Pussy Riot als «Politschwindel». Dagegen zeigten zahlreiche andere Demonstranten ihre Sympathie für die Musikerinnen. Sie sangen kremlkritische Lieder der Punkband, während in der Nähe wiederum eine Gruppe orthodoxer Christen Gebete sprach. Die Polizei sicherte das Gebäude im Stadtzentrum mit einem Großaufgebot.

Pussy Riot wollen keine Buße tun

Die einflussreiche orthodoxe Kirche hatte die drei Musikerinnen im Vorfeld der Verhandlung aufgefordert, für ihr Punkgebet gegen Kremlchef Wladimir Putin in einer Moskauer Kirche Buße zu tun. Der Anwalt Mark Fejgin wies die Forderungen zurück. «Falls mit Buße ein Schuldeingeständnis gemeint ist, so ist das sehr unwahrscheinlich», sagte der Verteidiger. Die jungen Frauen hätten stets klar gemacht, dass sie ihr umstrittenes Punkgebet gegen Kremlchef Wladimir Putin in einer Kirche als politische Performance sehen. Bei Gläubigen, die sich durch die Aktion beleidigt fühlten, hätten sich die Künstlerinnen bereits entschuldigt.

Die Musikerinnen waren wegen Rowdytums aus religiösem Hass zu je zwei Jahren Straflager verurteilt worden. Das Moskauer Stadtgericht muss nun in der Berufungsverhandlung prüfen, ob das international scharf kritisierte Urteil rechtmäßig ist. Er rechne nicht damit, dass die Frauen freigesprochen würden, sagte Fejgins Kollege Nikolai Polosow der Agentur Itar-Tass. Allerdings erwarte die Verteidigung, dass das Urteil abgemildert werde.

Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) - beide Mütter kleiner Kinder - und Jekaterina Samuzewitsch (30) sitzen seit Anfang März hinter Gittern. Bürgerrechtler kritisieren das Vorgehen der Justiz als politisch motiviert. Der Richterspruch vom 17. August wegen Rowdytums aus religiösem Hass war weltweit auf Empörung und scharfe Kritik gestoßen. Die Führung in Moskau weist die Vorwürfe zurück.

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iwi/news.de/dpa

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