Altersarmut Auch Rentner wollen ihr Stück Kuchen

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Plötzlich hat auch Angst vor dem Alter, wer jung ist und im Hier und Jetzt lebt. Die von Arbeitsministerin von der Leyen angedrohten 688 Euro haben das Schlagwort Altersarmut plastisch gemacht. Dahinter stecken Kindermangel, die Tricksereien der Versicherungen mit unserem Tod und der ewige Kampf um den Kuchen.

Wer lügt, will man manchmal gern wissen. Nur 688 Euro Rente prognostiziert Arbeitsministerin Ursula von der Leyen für alle, die bis zu 2500 Euro brutto verdienen, ab dem Jahr 2030. Düstere Aussichten, die auch junge Menschen plötzlich an Altersarmut denken lassen. Eine Milchmädchenrechnung, meckert der Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge. Das Bruttoinlandsprodukt und damit der gesellschaftliche Reichtum werde weiter wachsen, während die Bevölkerung schrumpft - «ein größerer Kuchen für weniger Leute», lautet sein Ergebnis.

Den brauche man nur noch entsprechend umzuverteilen, damit die Reichen weniger und die Armen mehr bekommen. Es ist der ewige Widerspruch zwischen sogenannter Realpolitik und der als utopisch gestempelten Logik von Sozialrevolutionären. Umverteilung fordert die Linke, private Vorsorge plus ein wenig Rumdoktern am bestehenden Modell bietet die politische Mitte.

In der kommenden Woche will die Bundesregierung einen Vorschlag präsentieren. Die aktuellen Ideen stellen wir hier vor: Klicken Sie weiter.

Seinen Ursprung hat das Rentenproblem nicht erst, als Frau von der Leyen ihre Hiobsbotschaft überbrachte, sondern Anfang der 1970er Jahre. Damals brach die Geburtenrate ein, 1990 kam der Nachwendeknick dazu. Von fast 1,4 Millionen Babys 1964 hat sich die Zahl der Geburten bis 2011 auf 660.000 mehr als halbiert. Immer weniger junge Menschen, während die Alten immer älter werden: Bei einem Rentensystem, in dem Jung für Alt zahlt, muss das zum Kollaps führen, analysierte 2001 die damals rot-grüne Regierung und sah sich in der Pflicht, das drohende Vakuum in den Rentenkassen zu kompensieren. Statt gleichbleibend auf die Gesetzliche Rentenversicherung zu setzen, wurde diese zurückgefahren und eine staatliche Förderung der privaten Vorsorge eingeführt, die wir alle als Riesterrente kennen.

Von wegen altes Eisen
Coole Alte

Das Ergebnis ist einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge ernüchternd. Während die BruttoersatzrenteSie definiert das Verhältnis der Rentenansprüche zum früheren Bruttoverdienst. im Schnitt der OECD-Staaten bei 57 Prozent liebt, erreicht sie bei deutschen Durchschnittsverdienern nur 42 Prozent. Und die Riesterrente leistet keinen entsprechenden Ausgleich. Abgeschlossen haben einen solchen Vertrag allerdings nicht einmal die Hälfte der Arbeitnehmer. Insbesondere Menschen mit geringem Einkommen gönnen sich lieber heute ein bisschen was, als in der Riesterrente zu sparen - was gesamtwirtschaftlich auch Sinn macht, schließlich soll konsumiert werden.

Riesterrente ist für die meisten ein Flop

Hier liegt laut den Experten der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge auch einer der Irrtümer der Rentenreform. Anstatt die Beiträge der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) für Arbeitgeber und Arbeitnehmer peu à peu zu erhöhen, wurde ein Deckel von maximal 22 Prozent des Bruttoeinkommens bis 2030 eingeführt (derzeit liegt der Satz bei 19,6 Prozent) - und der Arbeitnehmer muss privat allein vorsorgen, mit verhältnismäßig geringen staatlichen Zulagen. Das wirkt ungerecht und drosselt den Konsum. Deshalb sind sich die Experten der Böckler-Stiftung, aber auch viele Politiker inzwischen einig, dass es sinnvoller gewesen wäre, weiterhin auf die GRV zu setzen.

Gescheitert ist die Rentenreform laut einer aktuellen Studie des Böckler-Instituts aus drei Gründen:

- Der größte Teil der «bedürftigen» Arbeitnehmer wird nur die gesetzliche Rente erhalten - und die fällt Prognosen zufolge von derzeit rund 51 Prozent auf 43 Prozent im Jahr 2030.

- Parallel zur Rentenreform wuchs durch Minijobs und Zeitarbeit auch die Zahl der Geringverdiener, die nicht privat vorsorgen können.

- Die Riesterrente hat nicht gehalten, was sie verspricht: «Gerade junge Leute müssen mindestens doppelt so viel ansparen, wie sie entlastet werden», sagt Rudolf Zwiener, der die Studie für die Böckler-Stiftung erstellt hat.

Versicherungen tricksen - das Geschäft mit der Altersarmut

Die Riesterrente gilt inzwischen bei den meisten Experten und Politikern als gescheitert. Die Renditen sind durch die Finanzkrise deutlich geringer ausgefallen als erhofft, die Garantiezinsen haben sich seit 2002 von 3,25 auf 1,75 Prozent halbiert, ältere Arbeitnehmer sind benachteiligt, die Tarife vor allem für Männer ungerecht. Viele Arbeitnehmer werden nicht herausbekommen, was sie eingezahlt haben. In dieser Woche hat die Regierung die Versicherer aufgefordert, klare Kriterien für ihre Angebote vorzulegen. Denn die privaten Anbieter tricksen - für sie sollen die Versicherungen schließlich auch Gewinn abwerfen. Es ist kein Zufall, dass viele Finanzdienstleister bereits mit dem Schlagwort Altersarmut werben.

Das einträglichste Werkzeug der Versicherer sind die sogenannten Sterbetafeln, erklärt Axel Kleinlein, Vorsitzender des Bundes der Versicherten. Denn um die Sätze zu errechnen, die als Monatsrente ausgezahlt werden, muss man ein Alter festlegen, das der Versicherte voraussichtlich erreichen wird. «Die Versicherungen sind völlig frei darin. Es gibt keine Obergrenze. Dadurch kalkulieren sie sich hohe Risikogewinne ein», sagt Kleinlein. Die Lebenserwartung, die Versicherungen ihren Kunden zuschreiben, sei wesentlich höher als die, die das Statistische Bundesamt errechtet, sagt auch Katja Rietzler, die die Rentenstudie der Böckler-Stiftung miterstellt hat.

Stirbt der Versicherte früher, streicht das Unternehmen 25 Prozent des Beitragsüberschusses als Gewinn ein. Doch das sei nur einer der Tricks, sagt Kleinlein: «Die Verträge werden immer undurchsichtiger, kein Kunde und kaum ein Vermittler versteht sie noch. Die Fallstricke stehen im Kleingedruckten, grundsätzlich bieten die Produkte immer weniger Garantien und immer mehr Risiko.»

Die Rentnerlobby kämpft für bessere Löhne

Haben die Rentner gar keine Lobby?, fragt man sich angesichts dieser vom Staat eingefädelten Tricksereien. Doch, haben sie. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren (Bagso) ist froh, dass die Arbeitsministerin das Thema Rente endlich ins allgemeine Bewusstsein geschubst hat. Damals bei der Riesterrente hatten sie versucht, darauf einzuwirken, dass die private Vorsorge staatlich angebunden und nicht über private Konzerne organisiert wird, sagt Bagso-Sprecherin Ursula Lenz. Doch sie konnten sich nicht durchsetzen.

Weil das Problem Altersarmut für sie keineswegs neu ist, hat die Bagso bereits im vergangenen Jahr ein Positionspapier herausgegeben. Für Lenz ist ganz klar: «Wer gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt hat, muss im Alter deutlich mehr Rente bekommen als jemand, der das nicht getan hat. Sonst sagen die Menschen, ‹Warum soll ich arbeiten und Rentenbeiträge zahlen?› Das ist für die Gesellschaft ganz zerstörerisch.»

Eine würdige Rente beginnt für die Rentnerlobby mit einem würdigen Einkommen. «Wenn man bedenkt, wie viele heute schon nicht mehr in der Lage sind, mit acht Stunden Arbeit ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, das ist skandalös. Da muss sich was tun, denn für die ist die Armut im Alter vorprogrammiert», sagt Ursula Lenz.

zij/news.de

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • putinfanatiker
  • Kommentar 12
  • 28.09.2012 05:40

Zu DDR Zeiten wahr das ABSSOLUT KEIN PROBLEM das war EIN ECHTER SOZIALSTAAT und was ist aus Deutschland heute GEWORDEN ??? Dazu sage ich lieber nichts sonst werde ich GESPERRT !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 11
  • 24.09.2012 17:53

Frau Leyen spricht Schrott. Alters- od Kinderarmut entsteht nicht nur weil die Sozialsysteme bersten, sondern nur weil die Politik die Wertschöpfung vernichtet od.verhindert. Das ist jedoch Gegenwart. R entlarvt daher die Interessen der Politikkaste: Reiche oder Menschen mit der Perspektive reich zu werden sind die Störer der Machtinteressen. Denn sie benötigen den Zuspruch der Politik zur Lebensgestaltung nicht. Das ist für die Sozis bedrohlich, die keine Wähler mehr haben und für Konservative, die keine Macht mehr ausüben können. Gabriel u Leyen sind das duo infernale für den Mittelstand!

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  • maro 12
  • Kommentar 10
  • 22.09.2012 19:18

Das die Riesterrente nur Augenwischerei und kein wirklicher Beitrag für die Rente ist,habe ich schon festgestellt,als ich mir das selbst ausge- rechnet habe.Und solange ein Wirtschaftsasylant den Hartz4-Satz bekommt,gibt es auch für mich keinen Grund mehr,mich großartig anzu- strengen.Nach 35 Jahren Arbeit,würde ich nach einem Jahr genauso dastehen wie ein Asylant.Die Motivation ist einfach im Keller.

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