Mohammed-Video Die Wut der Muslime hat viele Gesichter

Wegen Mohammed-Film
So groß ist die Wut auf die USA
Video: afp

Von Brian Murphy
Wie gut vertragen sich die islamische Welt und die Redefreiheit des Westens? Die Gewalt, mit der sich die Wut vieler Muslime über das Mohammed-Schmähvideo entlädt, lässt in diesen Tagen fast nur eine Antwort zu. Doch die Reaktionen auf den Film sind durchaus vielfältig. Eine Analyse.

In der islamischen Welt brennen westliche Botschaften, Diplomaten und Demonstranten werden getötet, die Polizei wirkt überfordert. Jetzt sei der «clash of civilizations», der von US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington seit 1993 vorhergesagte «Kampf der Kulturen», zu beobachten, erklärte Imam Jussef al Karadawi den Gläubigen beim Freitagsgebet in der katarischen Hauptstadt Doha. Die Konflikte, die sich auftun, sind vielfältig und betreffen auch den Islam selbst.

Sie sind politisch: Kompromissloser Extremismus bekämpft moderate Stimmen. Die Konflikte sind sozial: Sie treffen die Hoffnungen des Arabischen Frühlings, angefacht von einem explosiven Mix aus wirtschaftlicher Stagnation und Ärger über Kriege, die von den USA angeführt werden. Und die Ereignisse unterstreichen Fragen der globalisierten Welt, in der das Internet das Tempo vorgibt: Können islamische Welt und Redefreiheit des Westens nebeneinander bestehen? Gibt es Umstände, unter denen Gewalt eine zulässige Reaktion ist?

«Unsere Art des Protests sollte Sinn und Verstand widerspiegeln», mahnte al Karadawi, der durch das Internet und den panarabischen Sender Al Dschasira ein weltweites Publikum findet. Solche Appelle waren in der vergangenen Woche von vielen islamischen Führern und Gelehrten zu hören - und stehen doch im Wettbewerb mit entgegengesetzten Stimmen. Denn bestimmte politische Gruppen und Hardliner zwischen den Geistlichen bemühten sich schnell, die Deutungshoheit über die neuen Angriffe auf ihre Religion zu erringen.

«Zweifelsohne fühlt sich jeder Muslim von Beleidigungen des Propheten Mohammed betroffen. Aber wie viele haben das Video des Films gesehen, um sich ihre eigene Meinung zu bilden? Sehr wenige», sagt Sami al Faradsch, Direktor des Zentrums für politische Studien in Kuwait. «Es ist also jemand nötig, um die Proteste zu organisieren und den Schalter umzulegen.»

Demonstrationen zeigen Anti-Amerikanismus

In den Ländern des Arabischen Frühlings wie Tunesien und Ägypten sind es ultrakonservative Islamisten, die den Protest anführen - auch um den neuen Regierungen und deren westlichen Verbündeten ihre Macht zu demonstrieren. In Libyen prüfen US-Ermittler, ob bewaffnete Milizen die Proteste als Deckmantel für eine lang geplante Attacke auf das US-Konsulat in Bengasi benutzt haben. Im Jemen wurde gegen den Film demonstriert - aber auch gegen die Präsenz von US-Streikräften.

«Offensichtlich kommt ein latenter Anti-Amerikanismus zum Vorschein», sagt Salman Scheich, Direktor des Brookings Doha Zentrums in Katar. «Aber das ist nur ein Teil des Ganzen», sagt er: «In erster Linie wird um das Wesen der Staaten gekämpft.»

Wegen Mohammed-Video
Deutsche Botschaft im Sudan in Flammen
Video: afp

Von Nigeria bis Australien haben Hardliner zu Protesten aufgerufen, die sowohl Wut als auch klare Ansagen an Gegner signalisieren. Im Iran erhielten die Demonstranten vorbereitete Plakate, auf denen die USA verurteilt wurden - klares Zeichen für staatlich organisierten Protest. In Bahrain rief man per Twitter zu Demonstrationen auf, bei denen das Verbrennen von US-Flaggen zum Programm gehörte - in einem Land, in dem die Fünfte Flotte der US-Kriegsmarine liegt. In Pakistan waren es konservative Parteien, die per SMS, Ansagen in den Moscheen und Telefonanrufen die Menge auf die Straße brachten.

«Was für eine Art von Rede- und Meinungsfreiheit ist das, wenn sie die religiösen Gefühle anderer verletzt?», fragt Haider Gul, Inhaber eines Lebensmittelladens, der sich im pakistanischen Peschawar an einer anti-amerikanischen Kundgebung beteiligte. Die Frage ist spätestens bekannt, seitdem 2004 der Niederländer Theo van Gogh wegen seines Films Submission ermordet wurde und 2005 dänische Karikaturen den Propheten beleidigten. Aber das Video Unschuld der Muslime bringt ein neues Element in die Diskussion: Was ist, wenn ausschließlich Gegenreaktion und Gewalt provoziert werden sollte?

Chronologie
Arabien im Umbruch

Grenze der Meinungsfreiheit erreicht?

Kurzfristig sind klare Antworten unwahrscheinlich. In den USA und anderen westlichen Ländern garantieren die Verfassungen weitreichende Rede- und Meinungsfreiheit. Darauf kann sich auch der Filmemacher Nakoula Basseley Nakoula berufen, dessen Film den Propheten Mohammed bloßstellt. Google hat eine Bitte des Weißen Hauses zurückgewiesen, das Video zu löschen. Der Internet-Gigant sperrte den Zugang lediglich in einigen Ländern, darunter mit Ägypten, Libyen und Indonesien die bevölkerungsreichsten muslimischen Nationen der Welt. «Was in einem Land okay ist, kann in einem anderen anstößig sein», hieß es zur Begründung.

Die kulturellen Klüfte könnten durch die jüngste Ereignisse breiter geworden sein. Gleichzeitig muss sich der Islam fragen: Welche Reaktionen sind akzeptabel? In Indonesien sagte der Korangelehrte Komaruddin Hidayat, Muslime hätten die Pflicht, sich zu wehren, wenn ihr Glaube beleidigt werde, müssten aber «vermeiden, beim Ausdruck ihres Widerspruchs Gewalt zu verwenden». Chalid Amajreh, ein prominenter palästinensischer Kommentator und Blogger, schrieb: «Man muss aber auch verstehen, dass der Prophet (für uns) eine Million Mal heiliger ist als die Verfassung der USA.»

Angesichts der offenen Gräben wagte die Tageszeitung The National in Abu Dhabi eine Prognose: «Islamhasser im Westen werden sagen: ‹Wir haben gewarnt, dass die fanatisch sind.› Demagogen hier werden die Menge anstacheln: ‹Wir haben euch gesagt, dass sie uns nicht respektieren.› Und überall werden Politiker in ihrem kleinlichen Kalkül die Sprache der Entrüstung nutzen.»

zij/news.de/dapd

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • elbukkio
  • Kommentar 2
  • 17.09.2012 21:50
Antwort auf Kommentar 1

Was für ein armseeliges Bild vom "triebgesteuerten" Mann der keine Wahl hat in seinen Entscheidungen. DAS ist wahrer Sexsismus der übelsten Sorte. Eine Religion muß Kritik ertragen können, darum lebe ich in einem säkularen Staat - wer aber meint Meinungsfreiheit solle hinter Religion zurückstehen, der soll in den Nahen Osten ziehen...oder sich solche Filmchen erst garnicht ansehen.

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  • 3SatzDesIslam
  • Kommentar 1
  • 17.09.2012 18:23

1. Wenn jemand ein Essen unbedeckt ans Fenster stellt und die Katze holt sich das, wer ist schuld – die Katze oder derjenige, der das Essen unbedeckt hingestellt hat? 2. Wenn eine ultrasexy gekleidete Frau von einem ohnehin triebgestauten Mann vergewaltigt wird, wer ist schuld – der Mann oder die Frau, die dieses Outfit gewählt hat? 3. Wenn ein einfaches Billigfilmchen Muslime so ausrasten lässt, dass sie Botschaften zerlegen und Menschen töten, wer ist schuld – die Muslime oder diejenigen, die dieses Billigfilmchen hergestellt haben?

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