Occupy Vom Aussterben einer Protestbewegung

«Occupy Wall Street»
Aufruhr in Amerika

Ein Jahr nach dem Start zur großen Protestwelle spielt Occupy in Deutschland kaum eine Rolle mehr. Und auch in der Geburtsstadt New York geht der einstigen Massenbewegung die Luft aus. Interne Streitigkeiten haben Occupy zermürbt. Aufgeben wollen die Aktivisten aber nicht.

Vom Elan der ersten Stunde ist wenig geblieben, der Zorn ist beinahe schon Schulterzucken gewichen. Über die vergangenen Monate habe es mehr Ermüdungserscheinungen als frische Ideen gegeben, beklagen jene, die einst zu den Gründern der Occupy-Bewegung zählten. Am 17. September jährt sich der Beginn des Protests gegen soziale Ungleichheit und Bankenmacht im New Yorker Finanzdistrikt, wo im Zuccotti-Park eine kleine Zeltstadt der Demonstranten wuchs, die zum Symbol wurde und zur Initialzündung für weltweite Besetzungsaktionen.

Doch die Führungsgruppe der Occupy-Bewegung am Hudson gilt spätestens seit April als funktionsunfähig. Organisatoren und Sitzungsprotokolle legen offen: Grund sind ständige interne Streitigkeiten, Treffen blieben wirkungs- und ergebnislos.

«Bewegungen erstarren und es ist schwierig, den Elan und die Kameradschaft aufrechtzuerhalten», meint Travis Mushett. Der 26-jährige Autor hatte eine Occupy-Lesegruppe mit aufgebaut. Er ist einer von mehreren Aktivisten, die von «Burnout» sprechen, vom Ausgebranntsein, wenn es um die Stimmung geht.

Bankenskandale provozierten keinen Protest mehr

Nicht, dass es an Anlässen für neue Wut gefehlt hätte. So hatte die britische Großbank Barclays systematisch versucht, eine wichtigen Zinssatz zu manipulieren. Das Geldhaus Standard Chartered geriet ins Visier der Ermittler wegen des Verdachts, iranische Gelder durch die USAgeschleust zu haben. Die internationale Bank HSBC Holdings wurde bezichtigt, Drogenbaronen bei der Geldwäsche geholfen zu haben. Und JPMorgan Chase verzockte mindestens 5,8 Milliarden Dollar. Aber größere Aufregung, neuen Zorn entzündete das nicht.

Auch das Magazin Adbusters im kanadischen Vancouver, das mit seinem Aufruf zur Besetzung der Wall Street im Sommer 2011 die Bewegung mit ins Rollen gebracht hatte, sieht die Gefahr, dass Occupy der Schwung ausgehen könnte, dass vielleicht das Ende naht. Im Internet schrieben Autoren des Blattes bereits von «Verknöcherung, die tödlich werden kann für unseren jungen spirituellen Aufstand - wenn wir sie nicht jetzt überwinden».

Nach Occupy
Aktivisten bangen um Mahnwachen
Video: dpa

Der Berliner Protestforscher Dieter Rucht geht im dapd-Interview sogar noch ein Stück weiter: «Occupy ist im Wesentlichen im Prozess der Selbstfindung und des Erlernens einer bestimmten Kommunikationsweise stecken geblieben und hat keine Handlungsfähigkeit und insbesondere keine Strategiefähigkeit entwickelt», sagt er. Deshalb sei die Bewegung international und auch in Deutschland gescheitert. Anfang August waren die Protestcamps in Düsseldorf und Frankfurt geräumt worden, zuletzt mussten zwei von drei Mahnwachen in der Main-Metropole weichen.

Keine Einigung auf gemeinsame Forderungen

In der Occupy-Frankfurt-Gruppe herrscht derzeit Uneinigkeit. Einige Aktivisten hatten sich diese Woche ausdrücklich vom Auftreten einiger Betreiber der Mahnwachen distanziert und zuletzt eigene Anmeldungen für Versammlungen zurückgezogen. Auch bei den Gleichgesinnten in Manhattan haben sich viele längst kopfschüttelnd abgewandt. Hauptversammlungen hätten sich verzettelt, in Foren wäre nur noch gegeneinander gegiftet worden und auch das Gremium zur Koordination der vielen Kleingruppen sei zerfallen, beklagten ehemalige Teilnehmer.

Die Folge: Die Bewegung hat keinen Kern mehr, da sie zuvor schon Führungsfiguren abgelehnt hatte, genauso wie eine zentrale Webseite. Es habe keine gemeinsamen Bemühungen gegeben, Geld zu beschaffen, kein Hauptquartier oder gar eine landesweite Werbeinitaitive, heißt es. Eine Arbeitsgruppe, die versucht habe, eine Liste grundsätzlicher Forderungen aufzustellen, sei gescheitert.

Inzwischen sagen Mitorganisatoren, dass Anarchisten den Kern der Occupy-Bewegung stellten. «Man kann sagen, der Rand ist zum Zentrum geworden», berichtet Autor Travis Mushett.

Protest gegen Acta
Aus dem Netz auf die Straße

«Wir werden einfach Chaos verursachen, basta»

«Wenn sie nicht für Ideale eintreten, die viele Menschen teilen können, werden sie nichts erreichen», meint Todd Gitlin, in den 1960er-Jahren Präsident der Protestgruppe «Studenten für eine demokratische Gesellschaft». Der Kommunikationswissenschaftler erläutert seinen Punkt: «Ihre Ziele werden in der Folge nicht zur sozialen Wirklichkeit, sondern nur Ausdrucksform einer Subkultur.»

Ein weiterer Grund für die Erfolglosigkeit sei die Aktionsform der Camps gewesen, glaubt Protestforscher Dieter Rucht. «Die begünstigt zwar einerseits eine hohe Sichtbarkeit für die Medien, aber andererseits war sie sozial exklusiv. Das ist eine Aktionsform, die weitgehend jungen, ungebundenen Menschen offensteht, die aber für eine Mehrzahl der Bevölkerung aus diversen Gründen nicht infrage kommt», erklärt er.

Aufgeben wollen die New Yorker Occupisten dennoch nicht. Für den Jahrestag am Montag planen die Organisatoren Aktionen und Blockaden in Manhattan. Die Polizei soll kein Hindernis sein. «Wir werden einfach Chaos verursachen, basta», kündigt Drew Hornbein an, der an der Webseite der New Yorker Occupy-Kerngruppe mitgewirkt hat.

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zij/news.de/dapd/dpa

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