Gertrud Höhler Diese Frau will Merkel stürzen

Von Dirie bis Merkel
Frauen, die die Welt bewegten

Von Thomas Burmeister
Armes Deutschland, würde das alles so stimmen: Der Staat als Geisel einer Machtfanatikerin, die Demokratie nur noch hohle Fassade. So ungefähr sieht es Gertrud Höhler in ihrer Streitschrift Die Patin.

«Alphawölfin» und «Ego-Politikerin»: Für Angela Merkel hat sich Gertrud Höhler etliche Beinamen ausgedacht. Auch «Exotin», «Testfahrerin im CDU-Themenpark», «Aufsteigerin aus dem Unrechtsstaat» und viele mehr. Am knackigsten erschien der früheren Beraterin von Helmut Kohl Die Patin. Unter diesem Titel hat sie eine Art Generalabrechnung mit dem «System M» geschrieben, die heute erscheint.

Streckenweise liest sich das Buch vergnüglich wie eine Politsatire, wenngleich es bestimmt nicht als solche gemeint ist. Teils übt Höhler fundiert Sachkritik - etwa an der hektischen Art des Atomausstiegs nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Oft aber wirkt Die Patin wie eine Kampfschrift, ein Aufruf zum M-Sturz.

Merkel will Europa führen

Ein Jahr vor der Bundestagswahl schürt die konservative Intellektuelle die Unzufriedenheit mit Merkel in Teilen der Union. Deren älteren Männern wirft sie vor, mit «der Faust in der Tasche» feige gekniffen zu haben, als die «Alphawölfin im Schafspelz aus der trüben Ostkulisse» sich an den Sturz des Kanzlers der Einheit gemacht habe, um sich freie Bahn für ihre politische Karriere zu verschaffen.

Forbes-Ranking
Die zehn mächtigsten Menschen der Welt

Vor allem an der Macht sei M. interessiert. Und zwar in ganz Europa. Damit steht Höhler nicht allein. «Die Germanisierung Europas macht rasche Fortschritte», schrieb schon im Herbst 2011 Felix E. Müller, der Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag, den Höhler zitiert: Merkel wolle ein Europa unter deutscher Führung. «Deshalb arbeitet sie auf die politische Union hin, die ihr den Durchgriff auf die inneren Verhältnisse der EU-Mitgliedsländer vor allem in Süd- und Osteuropa ermöglichen soll.»

Es mag mit Höhlers Wertschätzung für die oft kritische Sicht Schweizer Kommentatoren auf die Merkel-Politik zu tun haben, dass sie Die Patin dem Zürcher Verlag Orell Füssli anvertraute. Aber sie zielt natürlich auf die Merkel-Debatten in Deutschland. «Das System M etabliert eine leise Variante autoritärer Machtentfaltung, die Deutschland so noch nicht kannte», meint die 1941 in Wuppertal geborene Literaturwissenschaftlerin und Beraterin für Wirtschaft und Politik, die zu Kohls Zeiten auch mal als Ministerin im Gespräch war.

Deutschland steuert auf eine Diktatur zu

Selbst den Vergleich mit Nationalsozialismus und Kommunismus hält sie für angebracht: «Die Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts boten andere Erfahrungen, was den politischen Stil angeht - obwohl die Anklänge nicht zu leugnen sind: die Marginalisierung der Parteien, der Themenmix aus enteigneten Kernbotschaften anderer Lager in der Hand der Regentin; ihre Nonchalance im Umgang mit dem Parlament, mit Verfassungsgarantien, Rechtsnormen und ethischen Standards.»

Damit nicht genug, warnt Höhler: «Der autoritäre Sozialismus, der im System M angelegt ist, nimmt eine Hürde nach der anderen, weil er auf Gewöhnung setzt.» Viele christdemokratische Werte habe M. heimlich über Bord geworfen. Das Ergebnis sei ein fließender Politik-Brei, mal konservativ, mal christlich-sozial, mal liberal, wobei die «Patin» immer wieder bei Sozialdemokraten und Grünen wildere.

Erfahrungen in der DDR hätten die «Aufsteigerin aus dem Unrechtsstaat» gelehrt: «Überlebenstechniken aus der Diktatur führen in der Demokratie bis an die Spitze...» Merkels angebliches Motto: «Macht ist besser als Ohnmacht - in jedem System.»

Kanzlerin zeigte sich von ersten Zeilen empört

Zu übersehen scheint Höhler, dass Merkels Machtpolitik ja auch eine Lehre aus der Beobachtung des einst übermächtigen Ziehvaters sein könnte. Höhler lamentiert ausgiebig, Merkel habe CDU-Hoffnungsträger wie Merz, Koch oder Röttgen rausgedrängt. Doch was mag Merkel daraus gelernt haben, wie einst Kohl kluge Kritiker - man denke nur an Geißler oder Biedenkopf - in die Wüste schickte?

Ob die schweren Geschütze, die von der einstigen Kohl-Vertrauten gegen Merkel aufgefahren werden, den politischen Diskurs der Bundesrepublik, vielleicht gar den Wahlkampf, irgendwie beeinflussen werden? «Die Kritik an Kanzlerin Angela Merkel», schrieb Der Spiegel, «war schon immer schrill.» Höhler habe nun «noch eine Schippe draufgelegt».

Ob die Kanzlerin das Buch liest, ist ungewiss. Einen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Vorabauszug soll sie nach den ersten Zeilen empört aus der Hand gelegt haben, hieß es in der Welt online. Schwerer als Bücher wiegen für Politprofis ohnehin die Umfragewerte. Laut ARD-Deutschland-Trend waren Anfang August 68 Prozent der Deutschen mit Merkels Arbeit zufrieden.

zij/news.de/dpa

Leserkommentare (8) Jetzt Artikel kommentieren
  • Peter Heimig
  • Kommentar 8
  • 11.09.2012 14:09

Peter Heimig vs. „Die Patin“? Mehr zum Thema: mein offener Brief an „Merkel – Gauck“ ev. als Präambel zu o.g. Buch? s. peter-heimig.com Nr. 122 vom 22.8.12 „alternativlose Photos (schwere Körperverletzung 1.2.2012 auf Rügen, dem Wahlkreis von Merkel). „Störtebekers Erbengeschichten aus Merkels Leichenkeller“ (Anm.: Gemeint ist Rügen- Wahlkreis von Merkel). ISBN 9781291011128 www.lulu.com bz Berlin 24.8.12:“…Die Vokabel alternativlos ist eine Anti-Freiheits-Vokabel…“ Peter Heimig (73) Founder of Tax Free Shop Europe heimig@aon.at

Kommentar melden
  • Hoffend
  • Kommentar 7
  • 27.08.2012 16:58

Es ist sehr gut, daß Frau Höhler massiv gegen das" System Merkel", vorgeht und versucht einen Teil der Demokratie zu retten. Aber ich denke zu einem "Ermächtigungsgesetz" wird es wohl nicht kommen. Die nächste Wahl wird zeigen, was das Volk denkt.

Kommentar melden
  • erasmus
  • Kommentar 6
  • 27.08.2012 16:04

Es gibt immer Sympathiesanten und Gegner. Die einen müssen sehr vorsichtig sein, so sie Kritik gegen Merkel laut werden lassen. Es droht der Rausschmiss. Die anderen, die es sich leisten Kritik üben zu können, weil in einer anderen Partei, werden dann von den Sympathiiesanten niedergemacht. Das nennt man Demokratieverständnis. Problem in unserem Staat ist nur, dass man wirklich keine Partei wählen kann, die das Volk ehrlich vertritt.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig