Syrien An der Schwelle zur humanitären Katastrophe

Andauernde Gefechte, Hunderte Tote und Tausende Flüchtlinge Tag für Tag: Der Bürgerkrieg hat Syrien noch immer fest im Griff. Ein normales Leben ist für Zivilisten kaum mehr möglich, die Versorgungslage im Land kritisch. Helfer ringen mit dem Leben der Opfer, der eigenen Sicherheit und den Finanzen.

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Mit schweren Waffen kämpfen Regime und Rebellen in Syrien seit Wochen um die Vorherrschaft in den Metropolen des Landes - ohne Rücksicht auf Zivilisten. Die flüchten, so sie denn können, aus ihrer Heimat in eines der Nachbarländer. Gesicherte Zahlen zum Massenexodus gibt es nicht. Anfang August sprachen die Vereinten Nationen von rund 200.000 Flüchtlingen, die nach der gestarteten Militär-Offensive die Kulturstadt Aleppo verließen. Die tatsächliche Zahl mag weitaus höher liegen. Allein in der Nacht zum vergangenen Mittwoch sollen 2400 Syrer über die türkische Grenze geflohen sein.

Mittlerweile haben insgesamt über 50.000 Menschen in der Türkei Unterschlupf gesucht, rund drei Viertel davon sind laut der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR Frauen und Kinder. Der Flüchtlingsstrom ist eine Belastungsprobe für die humanitären Helfer vor Ort. Die provisorisch eingerichteten Zeltdörfer sind überfüllt, die hygienischen Bedingungen mangelhaft. In einer sogenannten Container-Stadt nahe der türkisch-syrischen Grenze ist es bereits zu Hungerrevolten gekommen, die von der Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken bekämpft wurden. Hilfsgüter aus aller Welt sollen die Lage entschärfen.

Erst am Mittwoch brach ein Flieger des Vereins Luftfahrt ohne Grenzen ins türkische Adana auf. Im Gepäck: 41 Tonnen Hilfsgüter, Nudeln, Reis, Wasserkanister, Bettwäsche, Decken, Kleidung. Unterstützt wurde die Aktion von einer türkischen Frachtfluggesellschaft, vor Ort sorgt die Hilfsorganisation Türkischer Roter Halbmond für die Verteilung. Auch die deutsche Regierung hilft. Erst Ende Juli wurden die Leistungen aufgestockt: In Jordanien bezuschusste Deutschland den Aufbau eines UNHCR-Flüchtlingsdorfes für etwa 100.000 Menschen mit 400.000 Euro. Das Technische Hilfswerk kümmert sich um eine funktionierende Wasserversorgung.

Hilfe zwischen den Fronten ist besonders schwierig

Insgesamt stellte das Auswärtige Amt laut eigenen Angaben bisher 11,5 Millionen Euro für die Opfer des Syrien-Konfliktes bereit. Hinzu kommen 40 Millionen Euro von der Europäischen Union, die ihre Hilfe angesichts der eskalierenden Gewalt jüngst verdoppelte. Diese sollen auch den rund 1,5 Millionen Binnenflüchtlingen innerhalb der syrischen Grenzen zugute kommen. Hier ist es aufgrund andauernder Gefechte oft besonders schwer zu helfen. Trotz des wiederholten Appells, Helfern freien und sicheren Zugang zu gewähren, geraten Fahrzeuge immer wieder unter Beschuss oder werden sogar geraubt. Erste Hilfe ist oft so gut wie unmöglich.

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Bei der Versorgung von Verletzten und Kranken ist auch der Mangel an Medikamenten ein Problem. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind viele Krankenhäuser geschlossen; die Pharmaproduktion in umkämpften Metropolen wie Damaskus, Aleppo und Homs kann den Bedarf aufgrund zahlreicher Zerstörungen schon lange nicht mehr decken. In den Städten liegt das öffentliche Leben lahm, Nahrungsmittel werden knapp. Auf dem Land ist die Ernte weitgehend ruiniert, die Energieversorgung vielerorts unterbrochen.

Trotz der widrigen Umstände dringen Hilfsorganisationen mit Essensrationen immer wieder zwischen die Fronten vor. So konnte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) gemeinsam mit dem Syrischen Roten Kreuz seit Beginn der Kämpfe in Aleppo über 40.000 Menschen versorgen. Im August werden eigenen Angaben zufolge 850.000 Hilfe bekommen, im Monat zuvor waren es noch 540.000 Menschen. Die Organisatoren des WFP schätzen, dass sich die Zahl der Hilfsbedürftigen im Land auf insgesamt drei Millionen verdoppeln wird. Bei einem finanziellen Mitteldefizit von zwei Dritteln (Von den 103 Millionen Dollar, die gebraucht werden, fehlen 62 Millionen.) fürchten viele jedoch eine humanitäre Katastrophe.

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Video: afp

Eine Aufnahme von Syrien-Flüchtlingen in Deutschland schließt der Menschenrechtsbeauftragte Markus Löning von der FDP aber aus. Vielmehr setze man weiterhin auf Soforthilfe vor Ort und in den Ländern der Region - neben der Türkei und Jordanien sind auch der Irak und der Libanon von der Flüchtlingswelle betroffen. «Die Leute wollen dort nicht weg, weil sie natürlich die Hoffnung haben, dass die Kämpfe bald vorbei sind und dass sie wieder nach Hause können», sagte der Politiker im Südwestrundfunk. Eine Hoffnung, die mittlerweile schon viel zu lange andauert.

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kls/news.de

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