Rostock-Lichtenhagen Als Mob und Nazis in Rostock brandschatzen

Bilder des Grauens: Zwanzig Jahre ist es her, dass Neonazis, Randalierer und normale Bürger in Rostock ein Asylbewerber-Lager attackierten. Die NDR-Doku Als Rostock-Lichtenhagen brannte sucht nach den Gründen der Ereignisse von damals.

Ministerien, Firmen, Vereine: Nazi-Vergangenheit überall

Brennende Häuser, fliegende Steine, Nazi-Parolen. Szenen wie im Bürgerkrieg. Der Sommer 1992 hat sich für immer in die Geschichte der Stadt Rostock eingebrannt. Im Wohnviertel Lichtenhagen der Hansestadt an der Ostsee brechen sich Hass und Frust gegen eine Aufnahmestelle für Asylbewerber ihre Bahn. Mehrere Tage halten die rassistischen Tumulte an, die den Beteiligten auch zwanzig Jahre danach noch präsent sind.

Regisseur Florian Huber hat zum 20. Jahrestag die Ereignisse in einer Dokumentation neu aufbereitet. Auch um gegen das Vergessen anzugehen. «Das Thema Rostock-Lichtenhagen ist wie das Skelett im Kleiderschrank - hässlich, peinlich, erschreckend. Am besten für immer zunageln», sagt Huber. «Gerade diesen Giftschrank der Erinnerung wollten wir nun aber öffnen.»

Die Bilder aus dem «Giftschrank», sie jagen einem auch zwei Jahrzehnte danach noch einen Schauer über den Rücken. Das Schockierende: Aus ganz normalen Bürgern sprüht in den alten Aufnahmen der blanke Fremdenhass. Ohne Hemmungen oder Maskerade schreien sie ihre Verachtung für die «Dreckschweine» in die Kamera. Voraussetzungen, unter denen es nicht wundert, dass sich alsbald ein Mob bildet und die ersten Steine fliegen.

Idealer Nährboden für Neonazis

Florian Huber steigt früher ein und sucht nach den Ursachen für diesen «Tiefpunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte». Schnell zeigt sich: So brutal eindeutig am 20. August 1992 das Votum der randalierenden Bevölkerung ausfällt, so vielfältig sind die Gründe der Eskalation. Dazu zählen Massenarbeitslosigkeit und zunehmende Kriminalität, die Lichtenhagen im Sommer 1992 als Folge der Wiedervereinigung kennzeichnen. Die heile Welt des einstigen DDR-Vorzeigeviertels ist mitten im Verfall begriffen.

Hinzu kommen gesamtdeutsche Faktoren. Immer mehr Asylbewerber drängen Anfang der 1990er in das vereinigte Land, legale und illegale. Parallel dazu wächst die Neonazi-Szene. Vor allem im Osten der Republik steigt zwei Jahre nach der Wende die Unzufriedenheit der Menschen - ein idealer Nährboden für rechtsextremes Gedankengut.

Verheerende Voraussetzungen, unter denen in Lichtenhagen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber entsteht. Das hat das Land Mecklenburg-Vorpommern so entschieden. Doch die Aufnahmestelle ist schnell völlig überfüllt. Die Anzahl der Asylbewerber ist viel zu hoch, die Infrastruktur völlig unzureichend, der Gestank im Umkreis bald unerträglich. Der Unmut der Bevölkerung wächst.

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Die tickende Zeitbombe explodiert

Noch hätte man die Katastrophe abwenden können, doch die Verantwortlichen ignorieren die Warnzeichen. Weder das Innenministerium, noch die Landesregierung in Schwerin oder die Stadt Rostock sehen sich in der Verantwortung. Sie scheinen den Ausländerströmen schlichtweg nicht gewachsen. «Die Politik hat nichts unternommen», konstatiert Mafalda Hohfeld, damals selbst Einwohnerin von Lichtenhagen.

Schlimmer noch: Auch die Polizisten werden von der Politik allein gelassen. «Für uns war das eine tickende Zeitbombe», sagt Guido Nowak, damals als Streifenpolizist im Dienst. Als die Lage am 20. August eskaliert, stehen 30 Polizisten gegen 300 Randalierer. Bei den Beamten regiert die Angst. «Rostock brennt», heißt es wenig später.

Für Rechtsextreme, die aus ganz Deutschland anreisen, paradiesische Zustände. «Fast rechtsfrei» sei die Lage damals gewesen, schildert der ehemalige Neonazi Ingo Hasselfeld die Situation. «Der normalste Bürger von nebenan, die Frau, die drüben einen Gemüseladen hat, alle standen da und applaudierten. Eine verheerende Mélange.

Ein Lehrstück politischen Versagens

Was folgt, sind bürgerkriegsähnliche Szenen, die sich über drei Tage hinziehen. Erst dann entschließt man sich zur Räumung der Aufnahmestelle. Ein Fehler, wie Winfried Rusch, damals, Abteilungsleiter für Ausländerfragen im Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern, heute zugibt. «Man hätte das viel eher entscheiden müssen. Doch ich habe anders entschieden. Das tut mir heute leid, aber ich habe damals das getan, was ich für richtig hielt.»

Sein Eingeständnis, es illustriert ein Lehrstück kollektiven politischen Versagens. Will man zwanzig Jahre nach den Krawallen von Lichtenhagen das Positive sehen: Ein Mensch ist damals - wie durch ein Wunder - nicht umgebracht worden.

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boi/news.de

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Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Agio Pelle
  • Kommentar 5
  • 17.08.2012 10:52

Im Westen wurde ebenfalls geschwiegen.Die Amis holten sich die"Rakete W. von Braun"!Adenauer seinen Nazi-Staatssekretär!Der Nazi-Richter Filbinger wurde Ministerpräsident von Ba.-Wü.!Weder bei den Richtern noch Ärzten des Nazi-Reiches kam es zu Gerichtsverhandlungen."Goldfasane"wurden zu Verfolgten des Regiemes! In Geschichte Karl der Große, Pippin der Kleine, Ludwig der Fromme! Die Römer, Napoleon und die Mongolen.So wurde die jüngere Geschichte in unseren Schulen "brutalstmöglich"unterdrückt,da ja auch unsere Väter unter den Mördern waren.Bitte keine Nestbeschmutzung,nur edle Landser.

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  • Pazifiko
  • Kommentar 4
  • 14.08.2012 22:48

Aber dafür muss man doch Verständnis haben: Unsere lieben Brüder und Schwestern im Osten konnten eben mit ihrer frisch zurück gewonnenen "Freiheit" einfach noch nicht so richtig umgehen. Auch wurde wohl die Aufarbeitung der NS-Geschehnisse durch die DDR insbesondere im Bildungssektor erheblich vernachlässigt. Vergangenheitsbewältigung zum Thema NS-Zeit bedeutete in der DDR offenbar nichts anderes als striktes Schweigen. Nach zwei Jahrzehnten und ein wenig Übung klappt das aber schon wesentlich besser.

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  • beagle
  • Kommentar 3
  • 14.08.2012 20:02

Wer die Zustände gesehen hat, der kann auch die Ursachen erkennen, die zu den Ausschreitungen führten. Während sich tausende Ausländer vor der Kaufhallle aufhielten und der Zustrom durch das heranfahren von Bussen mit weiteren Ausländern derartige Ausmaße annahm, das die Bürger die verantwortlichen der Stadt aufforderten endlich einzugreifen, wurde nichts getan.In den noch offenen Häusern wurde Zuflucht gesucht und die Bürger vor der Kaufhalle belästigt.Weder die Stadt noch die Polizei unternahm etwas.Dann reisten randalierer an. So diente der Molli in Doberan zur Absperrung der Zufahrte

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