Ärzte Bundesregierung überprüft Verkaufstrainings für Ärzte

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Bundesregierung überprüft Verkaufstrainings für Ärzte Bild: dpa

Berlin - Das Wirtschaftsministerium gibt Geld für Seminare, in denen Ärzte lernen, wie sie Patienten extra zu zahlende Leistungen schmackhaft machen.

Die Krankenkassen verlangten den sofortigen Stopp.

Die Bundesregierung überprüft nun die staatliche Förderung dieser Marketingseminare, in der Verkauf der umstrittenen Selbstzahler-Angebote geschult wird. Diese Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) müssen von Patienten selbst bezahlt werden, viele gelten als überflüssig.

Das Wirtschaftsministerium erklärte am Montag, solche Schulungen erhielten zwar bisher einen Zuschuss, das stehe nun aber auf dem Prüfstand. Der Spitzenverband der Krankenkassen verlangte, die Förderung sofort zu stoppen. Zu den IGeL-Leistungen gehören zum Beispiel Augendruckmessungen und Ultraschalluntersuchungen.

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, missbilligte das Förderprogramm: «Ärzte sind keine Kaufleute und deshalb brauchen wir auch keine Verkaufsseminare für Individuelle Gesundheitsleistungen.»

Die Verkaufstrainings für die IGeL-Leistungen werden bisher vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gefördert. Grundlage sei eine Richtlinie zur Entwicklung unternehmerischen Know-hows für kleine und mittlere Betriebe sowie Freie Berufe, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums und bestätigte damit einen Bericht der «Berliner Zeitung» (Montag).

Ziel sei es, den Unternehmen Hilfestellungen bei wirtschaftlichen und finanziellen Fragen der Unternehmensführung zu geben. Damit stehe sie auch Ärzten offen, die sich am freien Markt behaupten müssen. Dies enthebe diese aber nicht von ihrer Pflicht, den Patienten nur medizinisch sinnvolle Leistungen anzubieten, betonte die Sprecherin. Genau aus diesem Grund überprüfe das Wirtschaftsressort derzeit zusammen mit dem Gesundheitsministerium und dem BAFA die bisherige Förderpraxis.

Beide Häuser werden von den FDP-Ministern Daniel Bahr und Philipp Rösler geführt, die FDP hat die IGeL-Leistungen mehrmals als «sinnvolle Ergänzung» verteidigt hat. Nach BAFA-Angaben entfallen etwa 20 Prozent der geförderten Schulungen auf die Freien Berufe. Das Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Zahl der geförderten Seminare im Zusammenhang mit IGeL «sehr begrenzt ist».

Das Volumen der Extra-Leistungen lag nach einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK im Jahr 2010 bei 1,5 Milliarden Euro. Demnach wurde mehr als jedem vierten Versicherten (28,3 Prozent) innerhalb eines Jahres eine medizinische Leistung auf Privatrechnung verkauft.

Opposition und Krankenkassen dringen seit längerem darauf, die Ausbreitung von Selbstzahler-Angeboten einzudämmen, deren Nutzen als zweifelhaft gilt. Experten kritisieren zum Beispiel Ultraschalluntersuchungen von Gebärmutter und Eierstöcken zur Krebsfrüherkennung als unsicher. Die SPD vermutet, dass viele Patienten zum Teil durch aggressives Marketing zu den Leistungen gedrängt werden. Sie fordert deshalb, dass Ärzte nicht mehr am selben Tag IGeL- und Kassenleistungen vornehmen dürfen, damit die Patienten Bedenkzeit bekommen.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) forderte die Bundesregierung auf, die staatliche Förderung der Ärzteseminare sofort zu stoppen. «Wenn Ärzte Verkaufsstrategien trainieren, wie man Patienten unnötige medizinische Leistungen unterjubelt, belastet das das Vertrauensverhältnis zwischen Betroffenem und Helfer erheblich», sagte der stellvertretende Vorstandschef Johann-Magnus von Stackelberg der «Saarbrücker Zeitung» (Dienstag). Solche Seminare führten zu einer «Pervertierung der medizinischen Behandlungspraxis».

news.de/dpa

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