Konflikte Anschlag auf Assads Führungsriege: Schwager und Minister getötet

Damaskus/Istanbul - Blutiger Anschlag auf die engsten Vertrauten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad: Regimegegner haben bei einem Bombenattentat in Damaskus mindestens drei Regimegrößen getötet und etliche weitere verletzt.

Anschlag auf Assads Führungsriege: Schwager und Minister getötet (Foto)
Anschlag auf Assads Führungsriege: Schwager und Minister getötet Bild: dpa

Bei den Toten handelt sich um den Schwager des Präsidenten, Asef Schawkat, Verteidigungsminister Daud Radscheha sowie dessen Amtsvorgänger Hassan Turkomani. Das bestätigte das Regime in der immer heftiger umkämpften Hauptstadt. In einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur dpa bekannte sich die Freie Syrische Armee zu der Tat am Mittwoch. Angesichts der Ereignisse geriet das Gezerre um eine UN-Resolution zum Nebenschauplatz.

Der Getötete Asef Schawkat war zuletzt stellvertretender Kommandeur der Streitkräfte. Hischam Bachtijar, dem Chef der Nationalen Sicherheit, soll die Explosion beide Beine abgerissen haben. Unklar blieb das Schicksal von Innenminister Mohammed Ibrahim al-Schaar: Während Oppositionelle in Damaskus von einem stabilen Zustand sprachen, erklärten ihn Aktivisten im syrisch-türkischen Grenzgebiet für tot. Dort hieß es auch, der Präsident habe seine Familie unmittelbar nach dem Anschlag in seine Heimatstadt Kardaha im Nordwesten des Landes bringen lassen.

Als die Bombe detonierte, fand in der Nationalen Sicherheitsbehörde gerade ein hochrangig besetztes Treffen des Krisenstabs statt. Die Detonation war auch im Präsidentenpalast zu hören. Der Kommandeur der Freien Syrischen Armee berichtete am Telefon, der Sprengsatz sei in dem Gebäude versteckt gewesen. Wie mehrere Medien meldeten, bekannte sich auch die islamistische Gruppierung «Brigade des Islam» zu dem Attentat.

Nur wenige Stunden nach dem Tod von Daud Radscheha meldeten staatliche Medien, dass General Fahd Dschasim al-Fredsch zum neuen Verteidigungsminister ernannt worden sei. Die regierungsamtliche Zeitung «Al-Thawra» verbreitete Durchhalteparolen: «Damaskus ist schwer in die Knie zu zwingen, selbst wenn sich die ganze Welt gegen diese Stadt verbünden sollte.»

In Damaskus wurde die Lage nach dem Bombenanschlag immer unübersichtlicher. Aktivisten meldeten Gefechte in mehreren Stadtteilen, vor allem im Süden der Stadt. In dem Viertel Al-Hadschar al-Aswad hätten Rebellen versucht, einen Stützpunkt der Streitkräfte zu stürmen. Anwohner berichteten, zahlreiche Familien seien aus Angst vor Militäroperationen oder Milizenterror aus den Vierteln Al-Kabun und Al-Midan geflohen.

Das Regime wehrt sich mit aller Macht: Vom Militärflughafen Al-Messe aus seien am Abend mehrere Mörsergranaten auf eine Gruppe von Demonstranten abgefeuert worden, berichteten Aktivisten. Nach dem Anschlag auf den Krisenstab sollen in verschiedenen Provinzen Soldaten desertiert sein. Ein Aktivist aus der Provinz Idlib sagte, alle Soldaten, die am Militärflughafen Taftanas in Idlib stationiert gewesen seien, seien zu den Revolutionären übergelaufen. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben war nicht möglich.

Syrische Aktivisten verbreiteten in einem internen Forum, die Präsidentenmaschine sei vom Flughafen Messe in Damaskus gestartet und beriefen sich dabei auf Offiziere auf dem Militärflughafen. Eine Bestätigung von unabhängiger Seite gab es dafür nicht. Ein Sprecher des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC) gab sich in einem Interview mit der dpa siegesgewiss: «Der Sturz des Regimes von Baschar al-Assad ist in greifbare Nähe gerückt.»

Unter den Oppositionellen machte sich aber auch die Angst breit, das Regime könne aus Rache in den Protesthochburgen in Damaskus Giftgas einsetzen. In den Zirkeln der Regimegegner wurde darüber diskutiert, ob man nicht mit Holzkohle und Plastiktüten Schutzmasken herstellen könnte. In Syrien zählten die Regimegegner bis zum Abend 102 tote Revolutionskämpfer und Zivilisten.

UN-Sondervermittler Kofi Annan verurteilte das Sprengstoff-Attentat und appellierte an den Sicherheitsrat, entschieden zu handeln. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel rief unter dem Eindruck der sich zuspitzenden Lage den Sicherheitsrat auf, sich jetzt schnell auf eine Resolution zu einigen. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, erklärte, dass Machthaber Baschar al-Assad die Kontrolle über sein Land verliere. Das beweise die jüngste Eskalation der Gewalt.

Über den Entwurf des Westens, der ein Zehn-Tage-Ultimatum und Sanktionen vorsieht, sollte ursprünglich am Mittwochabend abgestimmt werden. Wenige Stunden vor dem Beginn beantragten die westlichen Länder dann eine Verschiebung auf Donnerstag, um Spielraum für neue Verhandlungen zu schaffen, wie es von westlichen Diplomaten hieß.

Vetomacht Russland hatte schon vorher eine «harte Linie» - sprich: Blockade - angekündigt. «In einem Moment, wo eine Schlacht um die syrische Hauptstadt tobt, wäre die Annahme von Sanktionen eine einseitige Unterstützung von Revolutionären», unterstrich der russische Außenminister Sergej Lawrow ein weiteres Mal. Die westliche Syrien-Politik kritisierte er als «Sackgasse». China steht in der Syrienfrage traditionell an der Seite Russlands.

Die USA und Russland konnten ihren Streit über den Kurs in der Syrienkrise weiter nicht beilegen. Das teilte das Weiße Haus am Abend nach einem Telefongespräch zwischen US-Präsident Barack Obama mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin mit. Beide Politiker hätten «die Differenzen ihrer Regierungen über Syrien» anerkannt.

Die USA weiteten ihre Sanktionen gegen Syrien im Alleingang aus. Nach Angaben des Finanzministeriums betreffen die Strafmaßnahmen hochrangige Regierungsbeamte und sechs Firmen.

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news.de/dpa

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