Sigmar Gabriel Eine Auszeit fürs Baby, die keine ist

Politiker und ihr Nachwuchs
Babyboom im Parlament

Juliane ZiegengeistVon news.de-Redakteurin
Sigmar Gabriels Babypause ist die längste, die ein männlicher Politiker im Bundestag jemals einlegte - und wohl auch die politischste. Nicht nur, weil Parteikollegen damit ein familienpolitisches Zeichen gesetzt sehen wollen, sondern auch, weil Gabriel trotz der Auszeit politisch alles andere als untätig ist.

Noch kurz nach der Geburt seiner Tochter im April 2012 war unklar, ob der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel in Elternzeit gehen und eine Babypause einlegen würde. Vor allem einige seiner Parteikolleginnen interessierte diese Angelegenheit brennend, weshalb sie den Politiker in Vaterfreuden in einem offenen Brief dazu aufforderten, «das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben».

Die Frauen, darunter unter anderem die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, stellten auch die Frage: «Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Job Begehrlichkeiten weckt, wenn Sie die Berufsarbeit unterbrechen?» Offenbar wünschten sich die Kolleginnen, dass Gabriel als bekannter männlicher Politiker mit einer Elternzeit ein Zeichen setzt - nicht nur in der politischen, sondern auch in der gesellschaftlichen Gemeinschaft.

Nun - knapp drei Monate nach der Geburt - gönnt Gabriel sich und seiner Tochter tatsächlich eine Auszeit; seit Montag vergangener Woche macht er offiziell Babypause. Und das, obwohl Abgeordnete und Minister in Deutschland gar keinen Anspruch auf Elternzeit haben. Warum er sich anders als Andrea Nahles (SPD) und Kristina Schröder (CDU), die nach der Geburt ihrer Kinder schnell wieder in den Beruf zurückkehrten, dennoch dafür entschied, bleibt in der Familie. «Privatsache!», lautet Gabriels Kommentar.

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Vertreterin Nahles mit Negativerfahrungen

Eine Reaktion auf den zitierten offenen Brief ist die Entscheidung nicht. Die erbetene Antwort blieb er den SPD-Frauen schuldig - und das ausgerechnet in der selbsternannten Familienpartei, die im Papier «Familienland Deutschland» die Vereinbarkeit von Kind und Beruf predigt. Dass diese mitunter alles andere als selbstverständlich ist, bewies SPD-Generalsekretärin Nahles. Sie hatte eigenen Angaben zufolge böse Kommentare hinnehmen müssen, weil sie als Mutter nur zwei Monate pausierte; dann kümmerte sich ihr Mann um den Nachwuchs.

Im Falle einer längeren Auszeit hätte Nahles um ihren Job fürchten müssen, sagte sie damals der Zeitschrift Brigitte. Während Gabriels Abwesenheit leitet sie die Geschäfte in der SPD-Zentrale in Berlin. Und sorgte damit jüngst für deutlich weniger Andrang im Willy-Brandt-Haus - einen Gabriel, der das Herz auf der Zunge trägt und den einen oder anderen schlagzeilenträchtigen Spruch zum Besten gibt, sehen die Journalisten wohl lieber.

Tatsächlich ist die Zeit, in der sich der bereits zweifache Vater zurückzieht, alles andere als ruhig. Eurokrise, die Kanzlerfrage und die damit einhergehenden Vorbereitungen eines Wahlkampfprogramms: Hier muss vorerst ohne Gabriel nach Lösungen gesucht werden, zumindest theoretisch. Denn viele bezweifeln, dass er sich während seiner Babypause nicht doch gelegentlich politisch einmischen werde - mit Recht.

Vaterfreuden ja, komplette Auszeit nein

Twitter- und Facebook-Account von Gabriel stehen trotz Auszeit nicht still. Das alljährliche Sommerinterview der ARD am Sonntag ließ er sich auch nicht entgehen. Lang geplante Termine, heißt es aus Parteikreisen, die zudem betonen, dass nie von einem kompletten Rückzug die Rede gewesen sei. Babypause bedeute schließlich nicht automatisch auch Politikpause.

Es wird also nicht der letzte Interviewtermin des SPD-Bundesvorsitzenden in seiner Elternzeit gewesen sein. Drei Monate sind für einen so umtriebigen Politiker wie Gabriel aber auch eine lange Zeit, zumal er in der K-Frage im Gespräch bleiben will. Seine Babypause ist, sofern sie diesen Namen überhaupt verdient, übrigens die längste in der Historie politischer Väter. Grünen-Chef Cem Özdemir pausierte nur sechs Wochen, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) zwei Monate.

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iwi/news.de

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