Horst Seehofer Merkels Poltergeist aus München

Kein anderer Politiker spaltet die Koalition so sehr wie CSU-Boss Horst Seehofer. Heute tritt der Regierungsschreck zum Sommerinterview in der ARD an - und begibt sich einmal mehr in Konkurrenz mit Kanzlerin Angela Merkel.

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Wenn Horst Seehofer vor die Kameras und an die Mikros tritt, zittert die Koalition. Unberechenbar sind sie, seine oft polternden Interviews, gerne schießt Seehofer auch mal innerhalb der eigenen Reihen scharf. Trotz der eingeläuteten Sommerpause dürfte bei CDU und FDP deshalb heute erhöhte Alarmbereitschaft herrschen: Seehofer ist zum Sommerinterview im Ersten geladen.

Der 64 Jahre alte CSU-Boss ist so etwas wie der Poltergeist der schwarz-gelben Koalition. Wenn der gebürtige Ingolstädter auftaucht, wird es oft ungemütlich. Auch wenn er das Wort selbst nicht gebraucht, kokettiert der Regierungsschreck aus München immer wieder offen mit einem Koalitionsbruch. «Die Koalition hat ohne die Stimmen der CSU keine Mehrheit», ließ er erst vergangene Woche wieder in einem Gespräch mit dem Stern verlauten. Ein Druckmittel, das Seehofer gerne einsetzt, um den Wünschen der CDU-Schwesterpartei Nachdruck zu verleihen.

Als jüngst das CSU-Herzensthema Betreuungsgeld von den Partnern kritisiert wurde, erinnerte Seehofer medienwirksam daran, dass eine Koalition nur funktionieren könne, wenn Verträge eingehalten würden. «Ich mache keinen Koalitionsausschuss mehr in Berlin, bis das Gesetz zum Betreuungsgeld vorliegt», polterte der CSU-Vorsitzende. Eine Drohung, die einer Epressung gleich kam.

Auch bei der Energiewende machte er der Koalition Feuer unterm Dach. «Dann gründen wir ein Bayernwerk», verkündete Seehofer, als ihm die Fortschritte nicht schnell genug erschienen. Der einstige Gesundheitsminister weiß, dass die Kanzlerin auf ihn, seine Partei und Bayern angewiesen ist.

Horst Seehofer: Merkels Schreckgespenst
Video: Youtube

Der «Polit-Balotelli»

Seine mitunter spektakulären Polter-Auftritte machen ihm zum Liebling der Medien, Seehofer ist immer für eine martialische Schlagzeile gut. «Polit-Balotelli» (Bild), «politischer Falschspieler» (Tagesspiegel) oder «Finten-Horst» (Focus) lautet eine kleine Auswahl seiner Spitznamen.

Seinen wohl legendärsten Auftritt hatte der CSU-Boss im Anschluss an die - aus CDU-Sicht - desaströsen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Nach dem offiziellen Teil eines Interviews mit ZDF-Mann Claus Cleber zog Seehofer bei weiter laufenden Kameras so richtig vom Leder. «Sie können das alles senden», gab er am Ende seines Wutausbruchs zu verstehen und läutete mit dem bewusst provozierten Eklat den Anfang vom Ende von Norbert Röttgen als Bundesumweltminister ein.

ZDF heute journal: Horst Seehofer lässt Dampf ab
Video: YouTube

Schon im Vorfeld der Wahl hatte er Röttgen massiv unter Druck gesetzt. «Wenn ich mich einer Aufgabe verschreibe, dann ohne Rückfahrkarte», so Seehofer. Röttgen müsse bei einer Wahlniederlage auch als Oppositionsführer nach Nordrhein-Westfalen wechseln. Der ehemalige Bundesminister wollte nicht hören und flog wenige Wochen später aus dem Amt. 

Seehofer selbst will heimattreu bleiben - es bleibt ihm nach der Vorgeschichte wohl gar nichts anderes übrig. «Ich gehe auch in die Opposition», kündigte er vor wenigen Tagen für den Fall einer Pleite bei den Landtagswahlen 2013 in Bayern an.

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Kein Twitter, aber Facebook

Nur gut, mag sich manch einer bei Schwarz-Gelb denken, dass Horst Seehofer das Twittern noch nicht für sich entdeckt hat. Nicht auszudenken aus Regierungssicht, wenn er seine impulsiven Gedanken in Echtzeit ins Netz schießen würde. Dafür zeigt sich Seehofer anderweitig netzaffin: Im Mai sorgte er mit einer Facebook-Party in der Münchener Nobeldisco P1 für Furore.

Auf einen geräuschloseren Seehofer-Auftritt beim Sommerinterview in der ARD hofft Angela Merkel. Die Kanzlerin steht heute Abend kurz danach im ZDF Rede und Antwort. Aber mit dem Zusammenkehren der Scherben, die ihr Seehofer hinterlässt, sollte die Kanzlerin inzwischen ja Erfahrung haben.

zij/news.de

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