Kleider machen Politik Die verrücktesten Outfits der Abgeordneten

Politiker-Dresscode
So bunt ist das Parlament

Von Johannes Schmitt-Tegge
Bunte Federn und Latzhosen: Immer wieder sorgen Abgeordnete mit gewagten Outfits für Aufsehen. Was einst mit Joschka Fischers Turnschuhen begann, setzen heute nicht nur die Piraten fort. Einen verpflichtenden Kleider-Kodex gibt es in den Parlamenten trotzdem nicht.

Mit nackten Füßen tapste die Grünen-Abgeordnete Silke Mackenthun über das Parkett im Düsseldorfer Landtag. «Ich hatte mir neue Sandalen gekauft und an beiden Seiten fette Blasen gelaufen», erinnert sich Mackenthun an ihren Barfuß-Lauf zum Rednerpult, der im Plenarsaal für reichlich Protest sorgte. Prompt erteilte ihr der damalige Vizepräsident des Landtags Redeverbot und schickte sie an ihren Platz zurück. Schon die Barfuß-Episode aus den 1990er Jahren warf die Frage auf: Brauchen Parlamente eine Kleiderordnung für ihre Abgeordneten?

Die Liste der Politiker, die mit gewagten Outfits für Aufsehen sorgten, ist lang. Prominentes Beispiel ist «Turnschuh-Minister» Joschka Fischer, der 1985 zu seiner Vereidigung als Hessens Umweltminister in weißen Sneakers erschien. Im Berliner Abgeordnetenhaus machte der Pirat Gerwald Claus-Brunner Latzhose und Kopftuch trotz Widerstands zu seinem Markenzeichen. Die gesamte NPD-Fraktion flog in Sachsen aus dem Plenum, weil die Abgeordneten T-Shirts der bei Neonazis beliebten Modemarke Thor Steinar trugen. Im Düsseldorfer Landtag sitzen die Jeans einiger Piraten recht tief im Schritt, und Turnschuhe sind trotz der vielen Krawattenträger und dunklen Blazer längst kein Tabu mehr.

«Das ist hier kein Kirmes-Platz oder so», sagt Carina Gödecke, Landtagspräsidentin in NRW. «Wir sind die Repräsentanten von 18 Millionen Einwohnern.» Um diese auch äußerlich angemessen zu vertreten, schickte Gödecke als Auftakt zur neuen Legislaturperiode einen Brief an alle Fraktionen und bat darum, die Gepflogenheiten einzuhalten: Jackett bei Männern, bedeckte Schultern bei Frauen. «Es war niemand konkret gemeint», versichert Gödecke - weder ein Pirat mit Turnschuhen noch die CDU-Abgeordnete Andrea Milz, die im NRW-Landtag für ihre bunten und schrillen Outfits bekannt ist.

Allgemeine Empfehlungen statt strengem Kleider-Kodex: Auch künftig setzt Gödecke beim Thema Mode und Stil im Landtag auf Zurückhaltung. «Solange nicht jemand in Spaghetti-Trägern am Rednerpult steht, kann man das geräuschlos miteinander besprechen.» Milz, die bei der Wahl von Hannelore Kraft zur Ministerpräsidentin bunte Federn im Haar und ein Kleid in allen Farben des Regenbogens trug, will sich einem zu strengen Dresscode zur Not widersetzen. «Vielleicht definiert man heute die Würde des Hauses anders als vor 20 Jahren», sagt Gödecke.

Politikerfrauen
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Die Grünen haben den Stil verändert

Nicht die Piraten haben den Kleidungsstil in Deutschlands Parlamenten gelockert, sondern die Grünen, sagt Hans-Ulrich Klose. Er war der Vizepräsident des Landtags, der die barfüßige Grüne Mackenthun damals zurück an ihren Platz schickte. «Bis 1990 ging man weitestgehend im dunklen Anzug.» Als die Grünen dann in den NRW-Landtag einzogen, lief plötzlich alles «völlig anders», sagt Klose. «Das lockerte sich im Laufe der Zeit.» Bislang schreibt kein Landesparlament einen Kleider-Kodex vor - die Verbote extremistischer und verfassungsfeindlicher Symbole ausgenommen.

Etwas mehr Seriosität wünscht sich FDP-Fraktionschef Christian Lindner. «Man steht hier nicht für sich selbst als Abgeordneter, sondern wir repräsentieren das Land Nordrhein-Westfalen. Hier werden Gesetze beschlossen.» Stilkritik will er aber lieber nicht üben. Pirat Daniel Düngel, Vizepräsident des Landtags, steht in Jackett, Jeans und Turnschuhen vor dem Plenarsaal. Für ihn steht fest: «Unsere Wähler haben uns gewählt, weil wir so sind, wie wir sind.»

wam/zij/news.de/dpa

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