EM 2012 Viertelfinale Die Politik spielt mit

Platon, Rehakles, Aniston
Diese Griechen sind auch bei uns berühmt
An wen denken wohl die meisten beim Thema deutsche Griechen? Natürlich an Costa Cordalis! Der Schlagersänger und Dschungelkönig von 2004 wurde 1944 in Elatia geboren und siedelte mit 16 Jahren nach Deutschland über. (Foto) Zur Fotostrecke

Juliane ZiegengeistVon news.de-Redakteurin
Ausgerechnet Griechenland! Als das deutsche Viertelfinale bei der Fußball-EM 2012 feststand, war der Aufschrei groß: das Euro-Krisenland gegen die Spardiktatoren. Nicht nur politisch, auch sportlich wollen die Hellenen das Euro-Aus verhindern. Mit letzterem dürfte Kanzlerin Merkel nicht ganz einverstanden sein.

Im zweiten Viertelfinale der Fußball-EM 2012 heute Abend hofft ganz Deutschland auf ein Euro-Aus der Griechen. Das gilt natürlich in allererster Linie auf dem Platz. Doch derlei doppeldeutige Wortspielchen sind bei einer Konstellation wie Deutschland gegen Griechenland nun einmal unvermeidlich. Dieses Spiel ist nicht nur ein Spiel, es erhält durch die Eurokrise und den Merkelschen Sparkurs, den die Griechen uns salopp gesagt übel nehmen, zusätzliche politische Brisanz.

Die Griechen wollten davon zuletzt nichts wissen. Auf einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag hatte ein britischer Journalist immer wieder nachgebohrt, wie denn die Spieler die politische Dimension des Spiels gegen die DFB-Elf einschätzten. Mit der Antwort, dass das doch alles konstruiert sei, wollte er sich nicht zufrieden geben. Da interventierte ein Verbandsmitarbeiter der Griechen, fuhr dem Reporter über den Mund und wies an, solche Fragen künftig sein zu lassen.

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Der Verlauf der griechischen Schuldenkrise
Bei der griechischen Parlamentswahl am 6. Mai 2012 verlieren die Unterstützer des Sparprogramms die Mehrheit. (Foto) Zur Fotostrecke

Warum so dünnhäutig auf einmal? Hatten die griechischen Medien doch höchstselbst große Töne gespuckt, als ihr Viertelfinal-Gegner Deutschland feststand: «Frau Merkel sei bereit. Du bist als Nächste dran» und «Die Bankrotten sind da! Jetzt bringt uns Frau Merkel» hieß es da. Die Spieler der Hellenen bemühen sich nun darum - sicher auch auf Anweisung von oben -, die Wogen zu glätten. Mit wie viel Wut im Bauch sie spielen werden, bleibt ihr Geheimnis. Die emotionalen Vorzeichen sind jedenfalls andere als im Jahr 2001, als die Griechen zuletzt gegen Deutschland spielten und 2:4 verloren. Damals gab es noch keine Eurokrise, die das Verhältnis der beiden Nationen ankratzte.

Treffen Merkel und Samaras erstmals aufeinander?

Heute ist das anders. Trotz der Milliardenhilfen, die die Hellenen aus EU-Töpfen erhalten, und der aus europäischer Sicht gerade noch einmal glimpflich ausgegangenen Parlamentswahlen vom Wochenende ist die Stimmung gegenüber Deutschland gereizt. Die Kritik an mangelnder Reformbereitschaft durch Finanzminister Schäuble und das Spardiktat von Kanzlerin Merkel haben die Deutschen in den Augen der Griechen zu Bevormundern statt Helfen werden lassen. Beide Politiker fanden sich deshalb schon in Naziuniformen in der griechischen Presse wieder.

Angela Merkel wird das brisante Spiel live im Danziger Stadion mitverfolgen, um die deutsche Elf anzufeuern. Es ist ihr erster Besuch der diesjährigen EM - und vielleicht auch ihre erste Begegnung mit Griechenlands neuem Präsidenten Antonis Samaras, sollte er auch nach Polen reisen. Um Politik solle es dann aber nicht gehen, betonte ein Sprecher Merkels. Ein diplomatisches Zeichen könnte sie damit aber durchaus setzen. Auf einen Samaras wird sie auf jeden Fall treffen, denn der neue Regierungschef hat einen Namensvetter in der griechischen Nationalmannschaft: Angreifer Georgios Samaras.

Er will seinem Volk einen Grund zum Lächeln geben, betonte er auf besagter Pressekonferenz. Und man könnte den Beisatz anfügen: Denn viel zu lachen hat es gerade nicht. Auch wenn Beobachter davor warnen, die Partie Deutschland - Griechenland politisch überzubewerten, für die Hellenen wäre ein Sieg nicht nur ein ähnlich großer sportlicher Triumph wie 2004, als sie mit dem deutschen (!) Otto Rehhagel den EM-Titel holten, sondern eine Art moralische Genugtuung.

Dennoch muss am Ende vor allem beim Volk die Einsicht überwiegen, dass Fußball Fußball ist und Politik Politik bleibt. Es geht eben um die Euro und nicht um den Euro. Überhaupt hat Griechenland zwischen EM-Hoffnung und Eurokrise noch so viel mehr zu bieten: Ob in der Wissenschaft, bei deutschem Liedgut oder sogar in Hollywood haben die Hellenen ihre Finger im Spiel. Sehen Sie selbst in unserer Fotostrecke.

wam/news.de

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