Watergate-Affäre Die Mutter aller Politskandale

Der republikanische US-Präsident Richard Nixon kündigt in der Nacht zum 9. August 1974 in einer Rundfunk- und Fernsehansprache seinen Rücktritt vom Präsidentenamt an. (Foto)
Der republikanische US-Präsident Richard Nixon kündigt in der Nacht zum 9. August 1974 in einer Rundfunk- und Fernsehansprache seinen Rücktritt vom Präsidentenamt an. Bild: dpa

Von Chris Melzer
Vier US-Präsidenten wurden erschossen, vier starben im Amt eines natürlichen Todes, nur einer musste zurücktreten: Richard Nixon. Grund war die Watergate-Affäre. Der Vertrauensbruch wirkt auch 40 Jahre später noch nach.

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Es war ein Klebestreifen, der die USA veränderte. Ein Wachmann fand ihn am 17. Juni 1972 über einem Türschloss in einem Washingtoner Bürokomplex und rief die Polizei. Die fand ein paar Einbrecher, die aber nichts mitgehen, sondern etwas dalassen wollten: Abhörvorrichtungen.

Was anfangs wie ein kleiner Ganovenfall aussah, entwickelte sich zu dem politischen Skandal schlechthin, der letztlich den mächtigsten Mann der Welt das Amt kostete. Denn bei dem Büro handelte es sich um die Wahlkampfzentrale der Demokraten. Der Name des Gebäudes wurde zum Symbol: Watergate.

Dabei hätte US-Präsident Richard Nixon solch schmutzige Tricks gar nicht gebraucht, seine Wiederwahl im November schien sicher. Schließlich hatte der Republikaner den Vietnamkrieg für die USA beendet, erste Atom-Abrüstungsverträge ausgehandelt und in einem diplomatischen Meisterstück Beziehungen zu China aufgenommen. Die Demokraten hatten hingegen mit George McGovern einen für viele unwählbaren Parteilinken aufgestellt. Zudem bot die Partei das Bild eines chaotischen Haufens - weit entfernt von «Leadership».

Nixon, der Kontrollmensch

So hielten die meisten den Einbruch für eine Lappalie - nicht so Bob Woodward und Carl Bernstein. Die Reporter der Washington Post, beide noch keine 30 und unbekannt, fragten sich, warum die Einbrecher bei der Tat elegante Anzüge trugen und warum sie sofort von einem Anwalt rausgehauen wurden. Und warum sie beste Kontakte zur republikanischen Partei hatten und bei einem der Männer ein Scheck über 25.000 Dollar gefunden wurde, ausgestellt vom «Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten» - und der hieß Nixon.

Nixon stammte aus einfachen Verhältnissen und musste sich alles hart erarbeiten. Nicht selten traf ihn so der Spott der alten - und reichen - Familien Amerikas. Als er nach acht Jahren als Vize 1960 Präsidentschaftskandidat der Republikaner wurde, setzten die Demokraten auf das absolute Gegenteil: John F. Kennedy - gut aussehend, charmant, aus bestem Hause und reich. Nixon wirkte dagegen immer etwas verschlagen und wie ein getretener Hund. Doch obwohl er, das sagen selbst die Kritiker, härter arbeitete als Kennedy, verlor er die Wahl hauchdünn gegen den strahlenden Helden.

Da war Nixon längst davon überzeugt, dass alle gegen ihn seien, vor allem die Presse. Auf bizarren Feindeslisten hielt er alle fest, die er als Teil einer Verschwörung wähnte. Bis 1969 musste er warten, um als 37. Präsident ins Weiße Haus einzuziehen.

Vor dem Rauswurf der Rücktritt

«Folgt dem Geld», riet «Deep Throat» den Journalisten Woodward und Bernstein. Der geheime Informant, erst 2005 als FBI-Vize Mark Felt enthüllt, war eine wichtige Stütze der Recherchen, die andere die fast naive Beantwortung von Fragen durch Nixons Umfeld. So arbeiteten sich die beiden Journalisten bis fast nach ganz oben.

Mehr als die Einbrüche schockierten die Amerikaner aber Tonbänder, die im Weißen Haus fast alles aufnahmen. Sie enthüllten, was sie für ein Staatsoberhaupt hatten: Eines das log, beleidigte, übelste Schimpfwörter gebrauchte, verleumdete - und Rechtsbruch anordnete.

Denn Nixon hatte nach dem Einbruch in das Watergate-Bürohaus den Staatsapparat einschalten wollen, um die Ermittlungen gegen die Täter zu behindern. «Wenn der Präsident es tut, kann es nicht Unrecht sein», sagte er. Später versuchte der Präsident, die CIA auf das FBI zu hetzen, doch das System - Verfassung, Gewaltenteilung und freie Presse - erwiesen sich als stärker. Immer mehr wandten sich vom Nixon ab. Und obwohl er kämpfte wie ein Löwe, musste er letztlich kapitulieren. Um dem Rauswurf zuvorzukommen, trat Nixon am 9. August 1974 zurück.

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Tiefste Sinnkrise seit Bürgerkrieg

«Nixon war viel schlimmer als wir immer dachten», sagen Woodward und Bernstein heute, 40 Jahre danach. Der Historiker Kenneth Davis schreibt: «Vietnamkrieg und Watergate waren der Abgrund, der Amerika in eine tiefe Krise stürzte. Niemand glaubte mehr, was ‹die da oben› sagten.»

In der Tat stürzten die USA in die tiefste Sinnkrise seit dem Bürgerkrieg. Der neue Präsident Gerald Ford sprach von «unserem nationalen Alptraum». Nixon selbst hatte schon fünf Jahre vorher, allerdings im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg, gesagt: «Nordvietnam kann Amerika nicht demütigen. Nur Amerikaner können das.»

zij/news.de/dpa

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 2
  • 18.06.2012 14:09

Nixon müsste heute - nach der Schreckensherrschaft von Obama - das Verdienstkreuz erhalten. Nixon hat sich seinerzeit über die demokratische Konspiration geirrt. In Wahrheit war Nixon ein politischer Seher von großer Bedeutung. Nixon muss daher in einem Zug mit den großen Staatenlenkern des 20. Jh. genannt werden. Bedauerlich also, dass das amerikanische Volk auf die Lügenpropaganda hetzerischer Presse herein gefallen ist. R fordert: Wahrheit und Ehrlichkeit müssen auch für die Presse verbindliche Werte sein. Es gilt also, die veröffentlichte Meinung muss sich am Gemeinwohl ausrichten.

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  • BernhardR
  • Kommentar 1
  • 17.06.2012 16:53

Wenn ein amerikanischer Spitzenpolitiker wie Spiro Agnew ein paar Dollar Steuern hinterzieht, muß er zurücktreten und wird verurteilt. Wenn ein amerikanischer Spitzenpolitiker wie Nixon einen Einruch organisert muß er zurückttreten und wird durch seinen Vize und Nachfolger Gerald Ford begnadigt. Wenn aber ein amerikanischer Spitzenpolitiker wie George W. Bush einen verbrecherischen Krieg vom Zaun bricht, der 100.000 Menschenleben kostet und ein Land ins Chaos stürzt und dieser Präsident auch noch eine Umweltpolitik betreibt, die die ganze Menschheit bedroht, dann wird er Angela Merkels Freund.

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