Fußball-EM in der Ukraine Warum ein EM-Boykott falsche Signale sendet

Seit Monaten steht die ukrainische Regierung für den Fall Timoschenko in der Kritik. Die Fußball-EM startet im östlichen der beiden Gastgeberländer deshalb unter keinem guten Stern. Kann das Sportereignis dennoch zum Motor der Demokratie im Land werden? Ein Osteuropa-Experte antwortet.

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zurück Weiter Um die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine hat es eine rege Boykottdiskussion gegeben. Die EU-Kommission kündigte an, zu den Spielen nicht zu erscheinen. (Foto) Zur Fotostrecke Foto: dpa/Lukasz Ogrodowczyk

Auf den Politikertribünen wird es voraussichtlich recht einsam, wenn morgen die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine startet. Zahlreiche EU- und andere westliche Spitzenpolitiker haben aus Protest gegen die Behandlung der inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko ihren Boykott der Spiele im östlichen der beiden Gastgeberländer angekündigt. Die Haftbedingungen seien nicht tragbar, viele forderten eine Freilassung noch vor Beginn der Spiele.

Ein Einlenken des ukrainischen Staatschefs Viktor Janukowitsch scheint jedoch unwahrscheinlich. Der Umgang seiner Regierung mit Oppositionellen hatte im Vorlauf der EM zu massiver Kritik aus dem westlichen Ausland und auch aus Russland geführt, in deren Folge sogar über eine Verlegung der Spiele offen gesprochen wurde. Die Verantwortlichen quittierten dies mit der Mahnung, eine sportliche Großveranstaltung wie die EM nicht unnötig zu politisieren.

EM ursprünglich als Motor der Demokratie

Politikwissenschaftler wie Professor Gerhard Simon begrüßen die durch Timoschenkos Schicksal und die EM angestoßene Debatte. «Sie abzuwürgen mit dem Argument, Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun, ist falsch. Wir wissen aus vielen Erfahrungen der Vergangenheit, dass Sport und Politik sehr wohl etwas miteinander zu tun haben», sagt der Osteuropa-Experte von der Universität Bonn im Gespräch mit news.de.

Im Fall der Ukraine ist dieser Zusammenhang unbestreitbar. Denn mit der Vergabe der Fußball-EM sei nicht nur im Westen, sondern auch vor Ort die Erwartung verbunden worden, «dass zusätzlich ein Motor in Gang kommt, der die Ukraine weiter nach vorne bringt - in Richtung Demokratie», erklärt Simon. Damals sei das Land ein ganz anderes gewesen: Nach der Orangenen Revolution standen die Zeichen auf Verwestlichung. Man ging davon aus, die Ukraine würde bald Mitglied der EU sein. Die Vergabe der EM war ein Vorgeschmack.

«Nun ist es ganz anders gekommen. Die Ukraine ist, so scheint es jedenfalls, voll im Rückwärtsgang in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Verwestlichung», sagt Simon. Daraus erkläre sich auch die große Enttäuschung im Westen. Sie personalisiere sich am Beispiel von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, obwohl oder gerade weil sich an ihrer Person die Geister scheiden. Die einen solidarisieren sich mit ihr, die anderen lehnen sie ab.

Ukraine: Aufstieg und Fall der Julia Timoschenko
zurück Weiter Julia Timoschenko ist für viele auch in Westeuropa immer noch ein Symbol der pro-demokratischen Orangenen Revolution von 2004. (Foto) Zur Fotostrecke Foto: dpa/Sergey Dolzhenko

Boykott ist schädlich, wenn er nicht erklärt wird

Simon betont deshalb: «Es ist ein Unterschied, ob wir über Frau Timoschenko als Politikerin sprechen oder ob wir darüber sprechen, wie ihr der Prozess gemacht worden ist.» Man könne sehr kritisch gegenüber ihr als Person sein, das Exempel, das an ihr statuiert wird, aber dennoch als ungerecht empfinden. An ihr und vielen anderen Ministern der alten Regierung, die in Haft sitzen oder denen ein Prozess droht, manifestiere sich das Grundproblem der Ukraine.

«Die neue ukrainische Regierung betrachtet juristische Aktionen als Instrument im politischen Kampf. Dagegen richtet sich der Protest», sagt der Wissenschaftler. Mit Boykott zu reagieren, sieht er jedoch kritisch. Weil nicht deutlich werde, was Barroso, Merkel und Co. überhaupt boykottieren wollen. «Natürlich boykottieren sie das Verhalten der ukrainischen Regierung, das antidemokratisch ist. Aber heraus kommt vor allem in der Wahrnehmung der Ukrainer: Der Westen boykottiert uns. Der Westen will uns gar nicht», mahnt Simon an.

Zweckdienlich ist das für eine Annäherung sicherlich nicht. Genauso wenig wie eine wirtschaftliche Isolation des Landes, wie sie durch ein Aufschieben des geplanten Assoziierungs- und Freihandelsabkommens zwischen EU und Ukraine forciert wird. Damit wächst nicht nur der Druck auf das Land, sondern auch die Gefahr neuer alter Abhängigkeiten - etwa von Russland. Für Simon ein Horrorszenario: «Die Kritiker können nicht wollen, dass die Ukraine wieder abdriftet in den russischen Orbit.»

Den Dialog suchen statt fernzubleiben

Richtiger als Boykott und Isolation wäre laut Simon aktives Handeln vor Ort. So könnten die Bundeskanzlerin und EU-Kommissare während der EM Fotos mit Janukowitsch verweigern, um ein Zeichen zu setzen. Auch Versuche, mit der Opposition ins Gespräch zu kommen, insbesondere mit Politikern in Haft, hätten oft schon zum Erfolg geführt, wie zuletzt bei der litauischen Präsidentin, die Timoschenko besuchen durfte.

Diese symbolische Politik werde viel eher verstanden als reiner Boykott, weil sie deutlich mache: Wir sind an der Ukraine nach wie vor interessiert, aber wir nehmen nicht alles stillschweigend hin. Und nicht zuletzt ist es die bessere und verständlichere Politik gegenüber der ukrainischen Bevölkerung. «Dort gibt es eine riesige Fußball-Fangemeinde. Und die freut sich. Ich hoffe, dass das im Mittelpunkt stehen wird in den nächsten Wochen», sagt Simon.

Trotz aller Kritik glaubt der Osteuropa-Experte weiter daran, dass mit der EM in der Ukraine ein wichtiger Schritt gen Westen gemacht werden kann. Die Grundstimmung gegenüber Europa sei positiv und auch «der jetzige Präsident, dem man mit Recht kritisch gegenüber stehen sollte, ist kein Anti-Europäer». Fehlt nur noch, dass dieses Bewusstsein auch bei jenen wächst, die in die Ukraine reisen oder die Spiele am Fernseher verfolgen. Denn: «Das Land ist viel größer, viel reichhaltiger und toller als die Regierung», betont Simon. «Eine Regierung, die hoffentlich auch mal wieder abgelöst werden wird.»

iwi/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • enibas
  • Kommentar 2
  • 08.06.2012 12:26

Dann informieren Sie sich über die Tierschutzorganisation PETA, was in der Ukraine in Sachen "Strassenreinigung" für die EM-Touristen von DER Bevölkerung gemacht wurde! Diese bestialischen, unvorstellbar grausamen Handlungen haben im Vorfeld solche Wellen geschlagen im Internet und auf fb dass die Sponsoren gedroht haben ihre Gelder zur EM abzuziehen, dennoch - es ging einfach weiter! Wer lebendige Tiere, gelähmt mit einer Spritze in ein fahrendes Krematorium wirft, schwangeren Hunden die Leiber aufschlitz.....bei den Bildern musste ich mich übergeben. Wo ist da die Moral einer Bevölkerung?

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  • Crest
  • Kommentar 1
  • 07.06.2012 17:25

Die westlichen Politiker sollten trotz aller Vorbehalte in die Ukraine fahren, jedoch so oft sich dafür die Gelegenheit ergibt in der Öffentlichkeit Stellung beziehen. Damit wäre dem Ukrainischen Volk und der Demokratie in diesem wunderbaren Land am meisten geholfen. Boykott könnten viele Menschen dort als Ablehnung betrachten und es geht schließlich viel mehr um die Menschen als um die zur Regierenden dort.

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