ESC 2012 in Baku Show Must Go On

ESC, EM und WM
Tolle Unterhaltung in totalitären Regimen

Von news.de-Redakteurin
Offiziell hat sich Aserbaidschan der europäischen Integration verschrieben und gibt sich daher als moderner, westlich orientierter Gastgeber des Eurovision Song Contests 2012. Doch all die Aufmerksamkeit entlarvt das eklatante Demokratiedefizit am Südkaukasus. Für das Land ist das Chance und Risiko zugleich.

Wenn rund 120 Millionen Europäer am Samstag das Finale des Eurovision Song Contests (ESC) 2012 in Baku verfolgen, dürfte viele von ihnen ein fahler Beigeschmack befallen. Zu präsent sind Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan, Festnahmen bei friedlichen Demonstrationen und Zwangsenteignungen im Vorlauf des Mega-Events. Eine politische Debatte lässt sich in diesem Jahr deshalb nicht umgehen.

Da können die Verantwortlichen der Europäischen Rundfunkunion noch so oft betonen, dass der ESC in erster und einziger Linie ein Musikwettbewerb sei. In Aserbaidschan ist das anders. Die internationale Presse nimmt nicht nur die Showbühne der in Rekordzeit gebauten Crystal Hall in den Blick. Auch politische Missstände im Land werden thematisiert; Oppositionelle, die die fehlende Meinungs- und Informationsfreiheit anprangern, kommen zu Wort.

Das missfällt der Regierung, schließlich will diese Aserbaidschan als modern und weltoffen präsentieren. Doch dahin ist es noch ein weiter Weg. Daran wird der ESC nichts ändern. Dennoch sollten ihn die Menschen vor Ort wie auch die Zuschauer an den Fernsehbildschirmen als Chance begreifen - als Chance, auf das aufmerksam zu machen, was geleistet wurde und noch zu leisten ist, als Chance, hin- statt wegzuschauen. Vor allem mit letzterem wäre niemandem geholfen.

ESC 2012 in Baku
Sie wollen «Douze Points»

Ein Boykott oder ein Ausschluss autoritär regierter Länder von der ESC-Teilnahme würde falsche Signale setzen und Brücken einreißen, für die Veranstaltungen wie der ESC Grundsteine setzen können - in einem Klima der Völkerverständigung und des kulturellen Austauschs. Dazu braucht es natürlich immer die Bereitschaft beider Seiten: zum einen des Westens, sich bei aller Kritik auf ein Land wie Aserbaidschan einzulassen, zum anderen des Gastgebers selbst, die Kritik anzunehmen und auf Versprechungen Taten folgen zu lassen.

Doch all das hilft nichts, wenn nach der Show alles vergessen ist. Soll sich tatsächlich etwas verändern, darf der Nachhall nicht beim Feiern des Siegersongs aufhören. Aserbaidschan braucht mehr als den ESC-Boom. Nichts wäre schlimmer, als wenn jene, die sich nun lautstark für mehr Rechte und politische Reformen einsetzen, im Anschluss mundtot gemacht und noch schärfer verfolgt würden als zuvor. Dieses Risikio lässt sich nur gemeinsam bannen.

ham/news.de

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